Große Unsicherheit bei regionalen Top-Vereinen nach dem Saison-Abbruch

Handball  Bei der Neckarsulmer Sport-Union, dem TSB Horkheim und der SG Schozach-Bottwartal wird das Saisonende begrüßt, doch die Zukunft ist ungewiss. Immerhin gibt es klein wenig Aufstiegsfreude.

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Die neue NSU-Trainerin Tanja Logvin.

Die Aufstiegsfeier bestand aus einem Glas Mineralwasser mit Holunderblütensirup. "Ich bin persönlich noch in der Fastenzeit", erklärte Tanja Logvin den Sekt-Verzicht. "Ich freue mich aber schon sehr, weil wir es auf dem sportlichen Weg geschafft haben." Der neuen Neckarsulmer Trainerin ist durch den am Dienstag getroffenen Beschluss zur Saisonwertung mit dem SV Halle-Neustadt der direkte Wiederaufstieg ins Handball-Oberhaus gelungen. "So habe ich mir meinen Abschied aber natürlich nicht vorgestellt. Die gesamte Situation ist völlig surreal. Es fühlt sich an, als ob die Zeit stehen geblieben ist", sagt die 45-Jährige.

Die Feierlichkeiten sind nur aufgeschoben

Die fehlende Aufstiegs- und Abschiedsfeier wird in absehbarer Zeit auch nicht nachgeholt werden können. Gleiches gilt für Drittligist SG Schozach-Bottwartal. Der Aufsteiger hat mit Platz drei Vereinsgeschichte geschrieben. "Die Saisonabschlussfeier kommt zur Wiedervorlage. Die werden wir irgendwann nachholen", versichert Michael Gramsch, sportlicher Leiter des Frauenbereichs bei der SGSB.

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"Ich kann doch in Corona-Zeiten solch einen Termin nicht so kurzfristig ansetzen", ärgerte sich Abteilungsleiter Dieter Müller, war andererseits aber "heilfroh, dass wir mit den bestehenden Sponsoren den Grundstock für die 3. Liga haben."Der Sprung in die 2. Bundesliga stand nie zur Debatte, obwohl der Tabellenzweite ESV Regensburg vor Wochenfrist seinen Verzicht verkündete und Tabellenführer TuS Metzingen II nicht aufsteigen darf. "Mit dem Thema haben wir uns nicht wirklich befasst", sagt Gramsch. Bis zum 15. April hätte eine Lizenz beantragt werden müssen, obwohl der Meldeschluss für alle anderen Ligen um vier Wochen bis zum 15. Mai verlängert wurde. "Das versteht keiner", sagte Michael Gramsch und dieser Termin war auch der Grund dafür, dass die ambitionierten Regensburger das Projekt 2. Bundesliga kurzerhand begraben mussten.

Ähnlich geht es der SGSB, die über viele kleine Sponsoren und wenige größere verfügt. Die Zurückhaltung bei der Akquise spürt aber auch Gramsch, insbesondere im Hotel- und Gaststättengewerbe. Auch in Sachen Kaderplanung liegen die letzten offenen Stellen derzeit auf "Corona-Eis", wie Gramsch sagt.

Niemand weiß, wie eine Saisonvorbereitung geplant werden soll

Ebenso offen ist, wie und wann eine Saisonvorbereitung starten soll. "Gesperrte Hallen und Kontaktverbot lassen derzeit zudem gar keinen Trainingsbetrieb zu", meint Tanja Logvin mit Blick auf die ungewisse Saisonvorbereitung in Neckarsulm. "Du sitzt komplett in der Schwebe", sagt SGSB-Trainer Michael Stettner. "Das ist eine Herkulesaufgabe für alle."

Da widerspricht ihm Michael Schweikardt nicht. Der Trainer des Männer-Drittligisten TSB Horkheim arbeitet bereits an mehreren Szenarien für eine Saisonvorbereitung. "Vielleicht dürfen wir nur in Kleingruppen trainieren. Dafür braucht es Ideen." Mit Platz fünf in seiner Premierensaison ist der 37-Jährige zufrieden. "Die individuelle Steigerungen bei einigen Spielern waren zu sehen", sagt der ehemalige Bundesligaspieler.


Kommentar: Unumgänglich

Es ist verständlich, dass die Handball-Bundesliga den Saisonabbruch hinausgezögert hat. So lange noch eine kleine Hoffnung bestand, die Saison sportlich zu Ende zu bringen, war die HBL gegenüber den Proficlubs dazu verpflichtet. Spätestens nach der Verlängerung des Verbots für Großveranstaltungen bis 31. August war die Entscheidung aber unumgänglich. Der Handball finanziert sich zu einem Viertel aus den Zuschauereinnahmen, zu fast drei Vierteln durch Sponsoring, der Anteil der TV-Gelder ist minimal. Daher waren im Gegensatz zum Fußball Geisterspiele nie eine Option.

Wenig ruhmreich war allerdings die Entscheidungsfindung im Bereich der 3. Ligen. Hier ist nicht die HBL, sondern der Deutsche Handballbund verantwortlich. Spätestens Anfang April mit der Empfehlung an die Landesverbände, ihre Saison zu beenden, hätte dies geschehen sollen. So blieben die kleineren Vereine unnötigerweise im gleichen Schwebezustand wie die Profis.

Mit dem offiziellen Saisonende ist der aber mitnichten beendet. Ein regulärer Saisonanfang 2020/21 wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Berlin preschte am Dienstag vor und verbot jegliche Sportveranstaltung vor Zuschauern bis zum 24. Oktober. Da hätte auch in der Hauptstadt längst wieder Handball gespielt werden sollen.

 


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig. 

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