Die Weinsberger Handballer sind rekordverdächtig

Handball  Viele Treffer verursachen nicht unbedingt viel Freude: Das 45:45 von Zizishausen und Weinsberg vom vergangenen Wochenende ist das Tor-Rekordspiel der Oberliga-Geschichte. Ein Überblick zu torreichen Begegnungen in der Liga-Historie.

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Alle 40 Sekunden hat es im Handball-Tor gerappelt

Das Bild trügt: Beim Tor-Rekordspiel zwischen dem TSV Zizishausen und dem TSV Weinsberg wurde eigentlich ohne Abwehr gespielt.

Foto: Mirko Lehnen

Den 300 Zuschauern in der Theodor-Eisenlohr-Sporthalle in Nürtingen war es sicher nicht bewusst. Ebenso wenig wie den Beteiligten auf und neben dem Spielfeld. Doch das 45:45 des TSV Zizishausen gegen den TSV Weinsberg am vergangenen Sonntag besitzt eine historische Dimension: In keinem Oberligaspiel in den vergangenen 20 Jahren sind jemals 90 Tore in 60 Minuten erzielt worden.

Für die Zeit davor ist es extrem unwahrscheinlich, da erst mit Einführung der erweiterten Regel zur Schnellen Mitte ab der Saison 2001/02 die Trefferzahl deutlich in die Höhe geschnellt ist. Werfen wir doch mal einen Blick auf einige der torreichsten Partien, wie sie zu Stande kamen und wie sie kommentiert wurden.

Kein Rekord, über den man sich freuen kann

Ein Rekord für die Ewigkeit? 90 Tore in 60 Minuten bedeuten alle 40 Sekunden einen Treffer. Sehr viel mehr ist eigentlich nicht drin. "Nicht unbedingt ein Rekord, über den man sich freuen kann", sagt Weinsbergs Rückraumspieler Max Schulze. "Das war ein ganz komisches Spiel. Jedes Team hatte 60 Angriffe, alle 30 Sekunden wechselte der Ballbesitz. Ein 18:18 wäre mir lieber gewesen." 

Für das Duell mit Neuhausen in der Weibertreuhalle an diesem Sonntag (17 Uhr) warnt Schulze: "Das ist aus meiner Sicht die beste Mannschaft der Liga. Wenn wir gegen die was holen wollen, müssen wir am Limit spielen - ganz besonders in der Abwehr." Nahmen die Weinsberger die jüngste Torflut noch gelassen, herrschte bei den Gastgebern hernach Alarmstimmung.

 

„Lieber verliere ich mit Anstand, als in dieser Art und Weise ein Unentschieden zu holen.“

von Alexander Himpel

 

"Die Defensivleistung war eines jeden Besuchers dieser Halle unwürdig. Lieber verliere ich mit Anstand, als in dieser Art und Weise ein Unentschieden zu holen", sagte Zizishausenes Sportlicher Leiter Alexander Himpel. Trainer Florian Beck, der während des Spiels gar nicht mehr aus dem Kopfschütteln herauskam, sah es ähnlich: "Heute muss man die komplette Vorstellung bewerten, die war von vorne bis hinten desaströs und nicht ligatauglich."

Hier eine Zusammenstellung von weiteren torreichen Oberliga-Begegnungen aus der Vergangenheit:

TV Flein - SG Lauterstein 38:44

"So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte Lautersteins Trainer Stefan Klaus hinterher. Die neue Anzeigetafel in der Sandberhalle bekam bei ihrer Premiere reichlich zu tun. "Solange wir immer ein Tor mehr haben als der Gegner ist mir egal, wie viele wir hinten fangen", sagte Fleins verletzter Spielmacher Michael Walter - heute Trainer des Württembergligisten SKV Oberstenfeld - zur Pause.

 

„Das Spiel ist mir nicht mehr in Erinnerung, das habe ich wohl lieber verdrängt.“

von Max Schulze

 

Funktionierte aber nicht, auch nicht mit einer offensiveren Deckungsvariante. Rückraumschütze Fabian Göppele konstatierte enttäuscht: "Es ist schon wichtig, zwei Abwehrvarianten zu haben. Nur hatten wir irgendwann in keine mehr Vertrauen." Torrekordspiel-Teilnehmer Max Schulze trug in der Partie noch das Fleiner Trikot, erzielte sechs Treffer: "Das Spiel ist mir aber nicht mehr in Erinnerung, das habe ich wohl lieber verdrängt."

TuS Schutterwald - TV Oppenweiler 41:40

"Wir haben ein sehr gutes, attraktives Handballspiel gesehen", sagte Oppenweilers Trainer Martin Mössner nach der knappen Niederlage und ergänzte: "Der Handball gewinnt bei dieser Art zu spielen." Mössner hatte sich zuvor schon beim SV Fellbach einen Namen als Verfechter des Tempohandballs gemacht, die Linie setzte er in Oppenweiler fort. Der TuS Schutterwald ließ sich am 6. Oktober 2007 auf diese Spielweise ein - und gewann glücklich. Damals mit auf dem Feld waren die späteren Weinsberger Philipp Nentwich (7 Tore) und Benjamin Röhrle (3 Tore).

TSV Amicitia Viernheim - TV Plochingen 38:43

Beim Halbzeitstand von 17:19 roch es noch gar nicht nach einem Rekordergebnis. Doch das konsequente Gegenstoßspiel der Plochinger entschied die Partie beim 31:21 (44.) früh. "Am Ende wurde das Spiel auf beiden Seiten ohne jegliches Abwehrverhalten zu Ende gebracht", heißt es im Spielbericht des TVP. Top-Torschütze war mit zwölf Treffern Marcel Rieger, der in der Saison 18/19 für den TSB Horkheim spielte.

TV Bittenfeld - Hockenheimer SV 53:24

Der heutige Erstligist TVB Stuttgart spielte 2003/04 noch als TV Bittenfeld in der Oberliga und fuhr gegen den Regionalliga-Absteiger Hockenheim den höchsten Pflichtspielerfolg in der Vereinsgeschichte ein. "Ich bin richtiggehend erschrocken. Die Zuschauer haben mit ihrem Geschrei ja fast die Halle zum Einsturz gebracht", sagte Jens Baumbach. Der Linksaußen erzielte den 50. Treffer, ein Wert, den kein Team in der Oberliga danach mehr erreichte.

 

„Es könnte sein, dass Jens Baumbach uns noch ein Kabinenfest für das 50. Tor schuldet.“

von Pierre Freudl

 

Wie Baumbach neun Mal erfolgreich war der aktuelle TSB-Horkheim-Kapitän Pierre Freudl, damals 20 Jahre jung. "Mit Bittenfeld gegen Hockenheim, wir haben mehr als 50 Tore gemacht und das Wetter war schön", erinnert sich der 36-Jährige noch immer an einige Fakten des Tages. "Es könnte aber sein, dass Jens Baumbach uns noch ein Kabinenfest für das 50. Tor schuldet. Daran werde ich ihn wohl mal erinnern müssen."

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig. 

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