Unterländer Bundesliga-Coach Ben Matschke im steten Ritt auf der Rasierklinge

Handball  Seit dem Aufstieg 2017 steckt der Unterländer Trainer Ben Matschke mit den Eulen Ludwigshafen im Abstiegskampf. Trotz hoher Belastungen fühlt sich der Coach auf der Bank des Bundesliga-Kellerkinds genau richtig.

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Unterländer Bundesliga-Coach Ben Matschke im steten Ritt auf der Rasierklinge

"Wir haben eine unfassbare Entwicklung genommen. So lange die weitergeht, bin ich hier am richtigen Ort", sagt Ben Matschke über seine Arbeit als Bundesligatrainer bei den Eulen Ludwigshafen.

Foto: imago-images/Michael Bermel/Eibner-Pressefoto

Kurz schien es während der Pressekonferenz, als ob sich Benjamin Matschke, den alle nur Ben nennen, ein Tränchen verdrückte. "Ich habe vor dem Spiel allen Spielern danke dafür gesagt, dass sie daran glauben, in jedem Spiel eine Chance zu haben, obwohl wir immer mit dem Rücken zur Wand stehen. Das ist nicht selbstverständlich", sagte der Trainer der Eulen Ludwigshafen gestern nach dem 24:23 (13:10)-Krimi in der Bundesligapartie gegen Göppingen.

Wie das Duell mit Frisch Auf ist die Arbeit beim notorisch abstiegsgefährdeten Club ein steter Ritt auf der Rasierklinge. "In der Spitze waren wir 17 Partien ohne Sieg. In 80 Prozent unserer Spiele gehen wir als Verlierer vom Platz", beschreibt Matschke die Gegebenheiten im Abstiegskampf.

Mehr Falten und zu wenig Schlaf

2017 war der 37-Jährige gebürtige Heilbronner mit den Eulen aufgestiegen, schaffte danach zwei Mal haarscharf den Klassenerhalt. Als aktuell Tabellenvorletzter wird die Spielzeit 19/20 nicht entspannter. "Ich kriege immer mehr Falten und zu wenig Schlaf. Der Job kostet Substanz", räumt Matschke ein, um aber umgehend nachzuschieben: "Ich will Bundesligatrainer sein und bleiben." Gerade erst hat er seinen Vertrag ohne Befristung verlängert.

Denn aller Belastung stehen natürlich intensive Glücksmomente gegenüber. Wie am Sonntag, als Pascal Durak in der mit 2350 Zuschauern ausverkauften Friedrich-Ebert-Halle - die zu Recht den Beinamen Eberthölle trägt - elf Sekunden vor dem Ende per Siebenmeter zum Sieg traf. "Heute zu coachen, hat fantastisch viel Spaß gemacht", sagte Matschke. Nach dem Sensationscoup gegen Meister Flensburg war es der zweite Heimsieg in Folge für seine Eulen. Kein Zufall, wie der Coach sagt: "Wir sind so konkurrenzfähig wie nie zuvor in der Bundesliga. Die Konkurrenz soll uns spüren."

Ein Sunnyboy, unbekümmert und mutig

Matschkes Vorgänger auf der Friesenheimer Bank ist voll des Lobes: "Besonders der Klassenerhalt in der abgelaufenen Saison war imponierend. Da hätten viele schon längst aufgegeben", sagt Thomas König. An den letzten drei Spieltagen hatten die Eulen mit drei Siegen einen Rückstand von fünf Punkten aufgeholt. "Benni war schon immer ein Sunnyboy, unbekümmert und mutig", sieht König in Matschkes Persönlichkeit ein Erfolgsgeheimnis. Der 56-jährige Heilbronner ist sein handballerischer Ziehvater, trainierte ihn schon zu B-Jugend-Zeiten in Weinsberg, nahm ihn später mit zum Zweitligisten Kornwestheim. "Damals dachte er erst, dass sei ein Aprilscherz", erzählt König schmunzelnd.

Ab 2007 fand das Duo in Friesenheim wieder zusammen. "Hej Coach, kannst du noch einen Mittelmann gebrauchen?", hatte Matschke nach der Insolvenz des SVK per SMS gefragt. König konnte - und gemeinsam stieg man 2010 in die Bundesliga auf. "Ich war immer etwas strenger mit ihm. Das hat er mir ein bisschen übel genommen", sagt König. 2012 musste Matschke nach seinem zweiten Kreuzbandriss die aktive Karriere unfreiwillig beenden und wurde Trainer des Friesenheimer Drittliga-Kooperationspartners Hochdorf. Für ihn das Sprungbrett Richtung Bundesliga. "Ich habe Thomas viel zu verdanken, er hat mir den Weg geebnet", sagt Matschke. Und wieder ist ein bisschen Rührung zu spüren.

Fest in Unterländer Hand

Mal abgesehen von den deutschen Meisterschaften auf dem Großfeld in den Jahren 1929 und 1930 ist die Erfolgsgeschichte der TSG Friesenheim eng mit Trainern aus dem Unterland verknüpft. Der Heilbronner Thomas König übernahm den Zweitligisten im Jahr 2006 und stieg in den Jahren 2010 und 2014 erstmals in die Bundesliga auf. Allerdings folgte in beiden Fällen auch umgehend wieder der Abstieg. Dabei sind die 25 Punkte aus der Saison 13/14 immer noch Rekord.

"Damals gab es noch vier Absteiger. Friesenheim hat in den vergangenen beiden Jahren auch von der Reduzierung auf zwei Absteiger profitiert", sagt König. 2015 wechselte der 56-Jährige zum TVB Stuttgart, Ben Matschke wurde sein Nachfolger. Mit ihm stieg der Verein 2017 ein drittes Mal in die Bundesliga auf und hielt zwei Spielzeiten in Folge die Klasse. "Diesen Verein in der Bundesliga zu etablieren, ist genial", lobt König.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig. 

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