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Die trügerische Schöne

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Im Nordwesten, wo die Copacabana ihr Ende findet in den schroffen, ins Meer abfallenden Hängen des Morro do Leme, einem kleinen Bruder des Zuckerhuts, stehen Angler auf dem Fußweg am Felssockel im Abendrot.

Von Achim Muth
Theaterbühne an der Copacabana mit dem Morro do Leme im Hintergrund: Den Gästen wird ein Stück aus Samba, Sonne, Leichtigkeit gespielt. Aber hinter dem Vorhang ist auch Dunkelheit.
Fotos: Achim Muth
Theaterbühne an der Copacabana mit dem Morro do Leme im Hintergrund: Den Gästen wird ein Stück aus Samba, Sonne, Leichtigkeit gespielt. Aber hinter dem Vorhang ist auch Dunkelheit. Fotos: Achim Muth

Im Nordwesten, wo die Copacabana ihr Ende findet in den schroffen, ins Meer abfallenden Hängen des Morro do Leme, einem kleinen Bruder des Zuckerhuts, stehen Angler auf dem Fußweg am Felssockel im Abendrot. Die Lichter der palmengesäumten Promenade sind an, Jugendliche spielen Fußball im Sand, auf dem Corcovado breitet Christus die Arme aus. In Momenten wie diesen sieht Rio de Janeiro tatsächlich aus wie sein Klischee: Traumhaft. Wunderschön. Friedlich. Es ist ein trügerisches Bild. Rio, das ist eine riesige Theaterbühne. Den Gästen wird ein Stück gespielt aus Samba, Sonne, Leichtigkeit. Aber wer den Vorhang nur ein wenig beiseite zieht, sieht auch Gewalt, soziale Kälte, Überlebenskampf. Die Fußball-WM in diesem Sommer sowie die Olympischen Spiele im Jahr 2016 machen Rio zur Welthauptstadt des Sports, lenken das Interesse auf die Zehn-Millionen-Metropole. Ein Besuch in einer atemberaubenden und atemlosen Stadt:

In Leme, dort wo die Angler stehen, ist der Lieblingsplatz von Beate Plischke. Besser: Es war ihr Lieblingsplatz. Seit wenigen Tagen ist die kleine Barraca, eine Bar am Fuße des Morro verschwunden, wurde versetzt in den Hintergrund der Strandpromenade. An ihre Stelle soll eine moderne Glashütte rücken: Aufhübschen für die WM nennt das Beate Plischke. Dass viele der Favela-Bewohner aus der Nähe sich das verteuerte Bier dort dann nicht mehr leisten können, interessiere niemanden. Plischke stammt aus dem Sauerland und war einmal eine der besten deutschen Leichtathletinnen auf der Mittelstrecke. Seit 2007 unterrichtet sie an der Deutschen Schule in Rio.

Liebe und Hass Beate Plischke liebt Rio abgöttisch, aber sie hasst die Entwicklungen in der Stadt. "Vor allem seit Rio den Zuschlag für Olympia bekommen hat, gibt es hier eine enorme Preissteigerung. Selbst die geliebte Coco hat mittlerweile fast Sektstatus", sagt sie. Der Preis für eine grüne Kokusnuss mit ihrem erfrischenden Saft hat sich auf fünf Real mehr als verdoppelt. "Reis, Bohnen, Milch, alles ist teurer geworden, und nur die Superreichen, die kräftig mitverdienen, reiben sich die Hände." Nach Angaben des nationalen Instituts für Geografie und Statistik verfügen 30 Prozent der Brasilianer über weniger als 140 Euro im Monat und leben unter prekären Verhältnissen. 50 Prozent müssen mit dem Mindestlohn von 218 Euro auskommen.

In Rio de Janeiro, erzählt Plischke, sei der durchschnittliche Quadratmeterpreis in den vergangenen Jahren auf 9700 Real gestiegen, etwas mehr als 3000 Euro. Ihre erste kleine Mietwohnung habe 2008 noch 1000 Real gekostet, "heute zahlt eine Kollegin von mir in derselben, immer noch nicht renovierten Wohnung 2500 Real". Und dann die Bustickets: Von 2,20 auf drei Real ist der Preis gestiegen, "für Menschen, die täglich weit aus dem Norden Rios kommen und mehrmals umsteigen müssen, bedeutet das eine empfindliche Verteuerung", sagt Plischke. Die Bustickets waren einer der Gründe für die Massenproteste im vergangenen Jahr, Plischke war bei den Demos dabei.

Kritisch sieht sie auch die Politik der Befriedung in den Favelas, den Armenvierteln. Die Lage werde von der Polizei nur in den Regionen beruhigt, die in der Nähe des Stadions Maracanã liegen. Ist das so? Fahrt nach Jacarezinho in eine der befriedeten Favelas. Als wir in diesen Armenstadtteil einbiegen, schnallt sich der Fahrer ab. Zur Sicherheit, sagt er. So sei er schneller aus dem Wagen, falls etwas passieren sollte. Enge Gassen, Rinnsale, Baracken soweit das Auge reicht. Die Regierung spricht von 35 000 Bewohnern, Pater Carlos Sebastião da Silva geht vom Doppelten aus. Der Padre sitzt in seinem Büro der Don-Bosco-Sozialschule. Es ist die einzige Schule in Jacarezinho, 459 Kinder beherbergt sie zurzeit. Die Nachfrage sei riesig, aber die Kapazität erschöpft. Wer aufgenommen werde, für den öffne sich eine fremde Welt mit Unterricht, Spiel, Disziplin. Bis vor kurzem interessierte sich niemand für die Favela, aber dann kam der Zuschlag für die Fußball-WM, dann für Olympia. Und dann kam die Polizei.

Im November 2012 wurde Jacarezinho innerhalb von wenigen Minuten von der Polizei eingenommen. "Vorher gab es hier jeden Tag Schießereien zwischen Polizei und Banditen, auch Bandenkriege", sagt der Pater. Drogenhandel ist hier das große Geschäft, viele Dealer und Drogenbosse aber sind geflüchtet, jetzt laufe alles nur noch versteckt ab. Zwei Stationen mit Containern der Polizei UPP wurden im Viertel aufgestellt, Beamte mit Gewehren patrouillieren. Es gibt das Gerücht, die Befriedung sei nur wegen der anstehenden Sportgroßereignisse geschehen und würde danach wieder beendet werden - von Jacarezinho ist es nicht sehr weit ins Maracanã. "Wenn es so ist", sagt der Pater, "glaube ich dennoch, dass es hier im Viertel Kräfte gibt, die nicht mehr zulassen werden, dass der eingeschlagene Prozess gestoppt wird." Zuviel habe sich verändert. Es gebe bisweilen so etwas wie Respekt, "und man sieht wieder Kinder mit Fahrrädern auf der Straße".

Falsch investiert Der Pater, seit sieben Jahren in Jacarezinho, hält die Investitionen in Rio für die Sportgroßereignisse für falsch. Nach Angaben von Regierungsstellen sollen für die Fußball-WM zehn Milliarden Euro und für Olympia 2016 gar 35 Milliarden Euro ausgegeben werden. "Ein Volk, das nicht in Bildung investiert, hat verloren. Brasilianer atmen Fußball, und doch sage ich: Es gibt Wichtigeres." Pater Carlos Sebastião da Silva sagt, der Wandel sei zu spüren. "Viele würden sich freuen, wenn Brasilien bei der WM ausscheiden sollte. Eigentlich sollte man sich freuen auf die WM, aber es passiert einfach nicht. Das Land beginnt langsam, nicht mehr nur das Land des Fußballs und des Karnevals sein zu wollen. Es beschäftigt sich mit seinen Problemen."

Probleme. Das Wort hört sich in Jacarezinho fast niedlich an für das, was hier an der Tagesordnung ist. Zwei Gassen von der Don-Bosco-Schule entfernt sitzt Jeniffer Azevedo in ihrem Polizeicontainer der UPP. Draußen hat es über 35 Grad, drinnen, auf ihrem Schreibtisch, rieseln weiße Flocken in einer Schneekugel. Sie ist 26 Jahre alt und Kommandantin der UPP. Als sie ihrer Mutter gesagt hat, sie werde Polizistin, habe diese geweint - und nicht aus Rührung über einen bezahlten Arbeitsplatz. Es ist ein gefährlicher Job. Neulich erst sei ein Anschlag mit einem Molotowcocktail auf ihr Auto verübt worden, vor wenigen Tagen starb ein Kommandant in einer anderen Favela. "Er saß genauso am Schreibtisch wie ich gerade", sagt Azevedo. Draußen sei ein Motorrad vorbeigefahren, der Sozius schoss auf den Container. Zwölf Polizisten sind seit Beginn der Befriedungen ums Leben gekommen.

Die junge Frau befehligt 540 Polizisten, über Jacarezinho sagt sie: "Der Auftrag lautet, das Viertel von den Drogenbanden zu befreien. Jetzt hat der Staat das Kommando übernommen." Ausgelöscht sei der Drogenhandel aber noch nicht. Crack, Heroin, Kokain, Ecstasy wird unter der Hand weiter verkauft. Eine Favela funktioniert nach eigenen Gesetzen, in diese Art der Anarchie versucht die Polizei Normalität zu implementieren, Mediatoren der UPP ohne Uniform vermitteln bei Nachbarschaftsstreitigkeiten. Ob das Projekt nach Olympia wieder beendet werde? Jeniffer Azevedo lächelt so als ob sie mehr wüsste. Aber sie sagt: "Ich hoffe es nicht."

Die "New York Times" hat Rio de Janeiro zur besuchenswertesten Stadt der Welt gewählt. Wer oben auf dem Corcovado steht und unter den Armen der Christusstatue hinunterblickt auf die Stadt, das Grün, das Meer, die Bucht, die Berge, der bekommt eine Ahnung, weshalb. Die Cariocas, die Einwohner, sagen: "In sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen, am siebten dann Rio." Beate Plischke sitzt in Leme und lächelt. "Ja, diese ist Stadt liebenswert", sagt die Deutsche. "Rio ist aber auch ein riesengroßer Fake."

 Foto: DESC-R
Eines von vielen Armenvierteln in und rund um die Zehn-Millionen-Metropole an der Guanabara-Bucht: die Favela Jacarezinho.
Eines von vielen Armenvierteln in und rund um die Zehn-Millionen-Metropole an der Guanabara-Bucht: die Favela Jacarezinho.
So sieht Alltag in Jacarezinho, das in der Nähe des Stadions Maracanã liegt, aus: Die Regierung spricht von 35?000 Bewohnern, man kann aber vom Doppelten ausgehen.
So sieht Alltag in Jacarezinho, das in der Nähe des Stadions Maracanã liegt, aus: Die Regierung spricht von 35?000 Bewohnern, man kann aber vom Doppelten ausgehen.
Mutig: Polizistin Jeniffer Azevedo vor einem Container der UPP in der Favela.
Mutig: Polizistin Jeniffer Azevedo vor einem Container der UPP in der Favela.
Nachdenklich: Beate Plischke im Stadtteil Leme am Strand der Copacabana.
Nachdenklich: Beate Plischke im Stadtteil Leme am Strand der Copacabana.
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