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Welche Stellschrauben hat Hansi Flick?

Der 5:2-Sieg der Fußball-Nationalelf gegen Italien sorgt für gute Laune. Doch bis zur WM ist für den Bundestrainer noch einiges zu tun.

Andreas Öhlschläger
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Lesezeit 3 Min
Welche Stellschrauben hat Hansi Flick?
Machen nach dem Viererpack erst einmal Urlaub: Die Nationalspieler um (von links) Manuel Neuer, Jonas Hofmann, Lukas Klostermann, Thomas Müller und Kevin Trapp.  Foto: Federico Gambarini

Es ist schön, ein "Supergefühl" zu haben, jetzt, da der Urlaub begonnen hat. Hansi Flick kann sich in die Sonne setzen und ein Glas Weißwein trinken. Aber fürs Gefühlsleben des Bundestrainers im Jahr 2022 ist nicht die Nations League, sondern die Weltmeisterschaft ausschlaggebend. Die muss gut laufen für die deutschen Fußballer, erst dann wird Flick ein "Supergefühl" haben, das über eine Urlaubsphase hinausgeht. Kann die DFB-Auswahl im November und Dezember in Katar erfolgreich sein? Die Bilanz nach den vier Nations-League-Spielen ist durchwachsen, trotz des 5:2-Schützenfests gegen Italien. Titelreif wirkt das deutsche Team jedenfalls nicht.

Das Juni-Fazit

Man muss keine eigenen Worte finden. Thomas Müller hat es perfekt formuliert. Nach dem emotional befreienden Sieg der deutschen Mannschaft in Mönchengladbach sagte der Offensivroutinier aus München: "Wir haben gute Spieler, wir haben eine gute Einstellung und ein gutes Projekt am Laufen. Aber wir haben noch allerhand Defizite, so ehrlich muss man sein." Das DFB-Team verfüge über "alles, um an einem guten Tag jeden schlagen zu können". Doch "in den fußballschlauen Dingen, also das Richtige machen zu wollen", da müsse man "noch draufpacken".

Flicks Plan

Der Bundestrainer hat nach dem ersten deutschen Sieg im vierten Gruppenspiel der Nations League erstmal gedanklich ein Häkchen in sein Aufgabenbuch gemacht. "Das war ein guter Abschluss für uns alle." Dieser Sieg war wichtig für die Stimmung, fürs Feeling. Nun müssen keinerlei Grundsatzdebatten geführt werden. Die DFB-Elf steht im Zwischenklassement auf Platz zwei ihrer Gruppe. Welche Folgen eine Pleite hätten haben können, sieht man beim Blick aufs englische Team und die Diskussionen auf der Insel nach dem Heim-0:4 gegen Ungarn. Flick hingegen verkündete frohgemut: "Mit einem Supergefühl gehen wir jetzt in den Urlaub." Doch eine Phase des puren Freizeitgenusses wird es für den Bundestrainer nicht geben. Es ist schon auch was für den Job zu tun.

"Wir werden die Spiele analysieren und im September an der einen oder anderen Stellschraube drehen, und das müssen wir tun, weil alles war nicht gut." Wohl wahr. Das 5:2 gegen Italien, den Europameister, darf nicht dazu führen, jetzt zu optimistisch nach vorne zu blicken. Die Defizite in der deutschen Mannschaft waren vor allem bei den beiden 1:1 in Italien und Ungarn deutlich erkennbar. In der Verfassung dieser Partien käme das Team bei der WM nicht weit. Das weiß Hansi Flick.

Und die Fußballnation weiß, dass der Trainer den Werkzeugkasten hat, um die Stellschrauben richtig hinzudrehen. Das hat er gezeigt, als er beim FC Bayern München zum Chefcoach gemacht wurde und dann Titel um Titel einsammelte.

Das Programm

Vor der WM spielt die deutsche Mannschaft um den Gruppensieg in der Nations League, am 23. September in Leipzig gegen Ungarn und drei Tage später in England. Es sind die Partien für den letzten Schliff in Richtung Katar - unmittelbar vor der Weltmeisterschaft soll es noch ein Testspiel geben, doch dann ist es zu spät, um noch Grundsätzliches zu regeln.

Das Korsett

Es gibt Positionen in der DFB-Auswahl, die man als fest vergeben bezeichnen kann. Das Personalgerüst des Bundestrainers besteht aus Torwart Manuel Neuer, Abwehrchef Antonio Rüdiger, Mittelfeldorganisator Joshua Kimmich und dem offensiv vielfältig nutzbaren Thomas Müller. Drumherum sind etliche Variationen vorstellbar.

Der Hoffenheimer David Raum hat sich auf der linken Seite ein sehr gutes Standing erarbeitet. Jonas Hofmann war rechts offensiv ein Gewinner des Viererpacks. Ilkay Gündogan hinterließ als Nebenmann von Kimmich den besseren Eindruck als Leon Goretzka. Ach ja: Kimmich. Kurzzeitig waren Zweifel an seiner Chefrolle aufgekommen. Doch Hansi Flick hat klar gemacht, dass er voll auf den Antreiber aus München setzt. Als einziger Spieler aus dem Kader neben Neuer stand Kimmich in allen vier Juni-Spielen in der Startelf. In den Duellen mit Italien schoss er zudem zwei Tore.

Werners Tore

Er hat die traditionsreiche Nummer neun auf dem Rücken. Beim 5:2 gegen Italien hat der Stürmer Timo Werner zweimal getroffen, das war psychologisch sehr wichtig für den zuvor viel kritisierten Schwaben. "Tore sind immer gut für einen Stürmer. In meinem Fall doppelt und dreifach, wenn man nach jedem Spiel angezählt wird." Auch in Mönchengladbach ging bei Werner einiges schief.

Aber dann gab es den befreienden Doppelpack binnen kürzester Zeit (68./69. Minute). Der Mann vom FC Chelsea hat ein realistisches Selbstbild. "Dass ich gerade nicht der bin, der ich vor einiger Zeit noch war, ist vielleicht auch klar nach den vergangenen Wochen und Monaten im Verein." Schwer war es für ihn. Doch zumindest die DFB-Statistik stimmt.

Acht Tore hat Timo Werner in elf Spielen mit Bundestrainer Hansi Flick erzielt. Keiner traf häufiger. Aber 2022 kommt es vor allem auf die WM an. Held oder Depp? Das entscheidet sich in Katar.

 
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