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Geister-Fußball im TV: Kein Grund zum Gruseln

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Wenn der Bundesliga-Neustart zum Marathon wird: Ein sehr langer Fernseh-Tag mit Sky, ARD und ZDF. Wir haben den Bundesliga-Samstag mit kritischem Blick verfolgt.

An Stadien ohne Fußballfans muss man sich erstmal gewöhnen. Zum Bundesliga-Neustart bleibt nur, zu Hause vor der Großleinwand zu jubeln. Foto: dpa
An Stadien ohne Fußballfans muss man sich erstmal gewöhnen. Zum Bundesliga-Neustart bleibt nur, zu Hause vor der Großleinwand zu jubeln. Foto: dpa  Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Samstagnachmittag. Willkommen zurück, so hat es Pay-TV-Sender Sky seit Tagen verkündet. Wie ist denn Geister-Fußball vorm TV? Ein Samstag mit Sky, ARD und ZDF. Jenen Sendern, deren Geld den Bundesliga-Ball rollen lässt. Für ihre finanziellen Zuwendungen spielt die erste und zweite Bundesliga ja überhaupt nur. Los geht es schon um 14 Uhr, anderthalb Stunden vor Spielbeginn. 

Sky legt bei der Vorberichterstattung wesentlich mehr Demut an den Tag als noch vor einigen Tagen. In einer ganzseitigen Anzeige in der „Bild“-Zeitung zum Bundesliga-Neustart wurde da mit ganz vielen langezogenen „Jaaaaas“ übers Bundesliga-Comeback jubiliert. Auch bei Sky hat man erkannt: Nicht alle im Lande finden toll, dass die wichtigste Nebensache der Welt sich wichtig nehmen darf. 

Im Interview mit BVB-Boss Aki Watzke geht es bei Sky Sport News HD sogar kurz um die fehlende Zustimmung der Deutschen zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Aber nur kurz, vorm Fernseher sitzen nun mal eher jene, die diesen Nachmittag herbeigesehnt haben. All jene, die des Konserven-Fußballs überdrüssig sind, die Hunger auf Frischfleisch haben.  

Uli Potofski bei der Arbeit.
Uli Potofski bei der Arbeit.

Vorberichterstattung wird zum Maskenball

Sky-Reporter-Legende Uli Potofski darf aus Sinsheim erzählen, dass er schon vor 55 Jahren Balljunge in der Bundesliga war, die Balljungen heutzutage Handschuhe tragen. Überall sind Reporter mit Masken, Trainer mit Masken. Die Vorberichterstattung wird zum größten Maskenball aller Zeiten. Zur neuen Normalität gehören Interviews aus gebührendem Abstand, meist über die Brüstung des Stadions geführt. Immer so gefilmt, dass gut zu sehen ist, dass mehr als 1,5 Meter zwischen Fragesteller und Antwortgeber liegen.    

Irgendwann ist es dann tatsächlich 15.30 Uhr. Die Konferenz aus fünf Stadien beginnt, es geht von Sinsheim nach Augsburg, nach Dortmund, Düsseldorf und Leipzig.  Auf dem zweiten Bildschirm, dem Tablet, springt der Autor dieser Zeilen zwischen den einzelnen Spielen hin und her. Es passiert aber erstmal: nichts. Man denkt kurz an die vielen Zuschauer in England, Frankreich, Italien, die jetzt zum ersten Mal Bundesliga sehen. Und dann ist einfach gar nix los. 


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So war es beim Hoffenheim-Geisterspiel


Auch die künstlich unterlegte Stadion-Atmosphäre hilft nicht

Fußball ohne Zuschauer erinnert fatal an die Flasche Wein, die im Urlaub so wunderbar geschmeckt hat, weshalb sie als Souvenir gekauft wird. Das Problem daran: Ohne die Atmosphäre und schöne Kulisse ist dieser Wein daheim auf Couch gar nicht mehr so toll. Selbst der Kanal mit der künstlich unterlegten Stadion-Atmosphäre hilft nicht. Das ist wie bei amerikanischen Comedyserien und den künstlichen Lachern eines nicht existierenden Publikums. 

Unterhaltsamer als der Fußball sind die beiden Fan-Kommentatoren mit Vornamen Daniel, die das Derby BVB-Schalke begleiten. Sie sitzen in der leeren Schalker Arena, sie leiden und jubeln mit. „Ein Spiel wie die Atmosphäre, sehr ruhig“, sagt Frank Buschmann in der Sky-Konferenz über die Partie Hoffenheim – Hertha. Torreicher wird es dann fast überall in Durchgang zwei. 17.25 Uhr. Überall ist Schluss. Anpfiff für Jörg Wontorra, der nach der Derby-Klatsche Schalke-Boss Clemens Tönnies ins Verhör nimmt, mit Friedhelm Funkel über den Abstiegskampf spricht. 18 Uhr.

Ob das gut ist?

Schnell rüber zur ARD-Sportschau, die aber lieber erstmal die Konservendose öffnet und das Tor des Jahrzehnts sucht. So nimmt die ARD sagenhafte 55 Minuten lang Anlauf, bis Reporter Florian Naß seinen Beitrag aus Sinsheim mit folgenden Worten beginnt: „Dann rollt der Ball und jeder darf entscheiden, ob das gut so ist.“ Moderator Matthias Opdenhövel verabschiedet sich eine Stunde und fünf Spiele später: „Das war sehr speziell, daran müssen wir uns gewöhnen.“ 

Schnell wieder rüber geschaltet zu Sky. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus darf auf Sky das abendliche „Top“-Spiel Eintracht Frankfurt gegen Borussia Mönchengladbach analysieren. Vom Studio aus und ganz allein an der Seite von Moderator Sebastian Hellmann. 

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Vage Antworten auf kritische Fragen

Wenn er über „Daggdigg“ spricht, klingt das alles sehr fundiert. Dem Fernsehzuschauer vermittelt Matthäus sein Wissen irgendwie wesentlich besser als seinen Spielern früher. Festzuhalten bleibt: Der Analyse-Onkel „Loddar“ ist erfolgreicher als der Trainer Matthäus.  21 Uhr, zwei Stunden Pause bis 23 Uhr.

Das Aktuelle Sportstudio als Finale. Moderatorin Dunja Halali fragt bei Frankfurts Sport-Vorstand Ferdi Bobic bei unbequemen Themen kritisch nach. Wie gefährlich sind Familienkontakte der Spieler nach Ende der Team-Quarantäne? Welche Abbruchszenarien drohen? Doch Kommunikations-Profi Bobic bleibt im Vagen: „Es gibt bei jedem Szenario Gewinner und Verlierer geben“, sagt Bobic. Aha. Nicht nur die TV-Zuschauer werden ganz genau hinschauen.  

 

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