Wo bleiben nur die Hoffenheimer Fans?

Fußball  Die TSG ist Bundesliga-Schlusslicht in Sachen Zuschauer und betreibt Ursachenforschung. Die Rücklagen schmelzen auch beim Kraichgauclub.

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Einer der etwas mehr als 8000 Zuschauer beim jüngsten Heimspiel der TSG Hoffenheim gegen den VfL Wolfsburg. Foto: dpa

Wer Letzter einer Tabelle ist, der steht in der Kritik. Die TSG Hoffenheim ist Bundesliga-Schlusslicht der Zuschauerrangliste und das in doppelter Hinsicht. Einmal in absoluten Zahlen, zudem auch noch bei der Stadionauslastung. Frank Briel, Hoffenheims Geschäftsführer, hat vergangene Woche als Herr der TSG-Zahlen in einem digitalen Pressegespräch 45 Minuten lang Stellung bezogen und über den Zuschauerschwund sowie die finanziellen Pandemie-Folgen beim Fußball-Bundesligisten gesprochen.

"Es wird leider sicher noch eine Weile dauern, bis wir den Zuspruch erfahren, den wir uns wünschen und den wir brauchen - vor allem im emotionalen Sinn", sagt der 46-Jährige über die aktuellen Zuschauerzahlen. Die TSG Hoffenheim hat den schlechtesten Zuschauerschnitt der Liga, nur rund 55 Prozent der möglichen 15 000 Tickets wurden in den ersten drei Heimspielen verkauft. Macht einen Schnitt von 8321 Zuschauern. Dabei hießen die Gegner Union Berlin, Mainz 05, VfL Wolfsburg - und nicht Bayern München, Borussia Dortmund. In der letzten komplett coronafreien Spielzeit, 2018/19, kamen im Schnitt 26 489 pro Partie nach Sinsheim. Briel verweist auf Umfragen unter Fußballfans, wonach 65 Prozent derzeit noch ein Störgefühl in Sachen Stadionbesuch besäßen.

Zurückhaltung, strukturelle Nachteile, fehlende Fankultur

Wo bleiben nur die Hoffenheimer Fans?

Frank Briel

Foto: Grün/TSG 1899

"Es geht doch vielen von uns gleich: Wir müssen uns erst wieder an die Nähe bei größeren Menschenzusammenkünften gewöhnen", sagt Frank Briel. Dazu gesellen sich strukturelle Nachteile, es fehlt bei der TSG an einer über Jahrzehnte gewachsenen Fanstruktur. Ein weiterer Punkt: "Menschen, die zu uns kommen, müssen einen weiteren Weg auf sich nehmen als in Großstädten", sagt Briel.

Der Mix aus allgemeiner Entfremdung von der Ware moderner Profi-Fußball und einer nicht ganz so stark ausgeprägten Fan-Bindung zur TSG1899 dürfte auch eine Rolle spielen. Zudem sind Familien und ältere Zuschauer vielleicht in der aktuellen Pandemie noch vorsichtiger, was das Stadionerlebnis anbelangt. Manchem fehlt mittlerweile vielleicht auch das Geld für den Stadionbesuch.

Frank Briel hofft auf die komplette Stadionkapazität

"Wir diskutieren die Ursachen und versuchen der Situation entgegenzuwirken", sagt Frank Briel. Klar ist auch ihm: Nur attraktiver und erfolgreicher Fußball füllt die Arena mit ihren 30150 Plätzen, die bald wieder zur Verfügung stehen sollen. Es laufen Gespräche mit den Behörden. "Ich hätte selbstverständlich gerne die komplette Stadionkapazität zur Verfügung", sagt Briel, dann könnten die Stammkunden wieder auf ihren gewohnten Plätzen zusammensitzen.

Viele zieht es offenbar derzeit eher auf den Sportplatz als ins Stadion: "Mein Eindruck ist: Auf den Sportplätzen in der Region ist mehr los, da ist es nicht so kompliziert mit der 3G-Regelung", hat TSG-Präsident Kristian Baumgärtner festgestellt.

Personalintensiver als ein ausverkauftes Haus

Bundesligaspiele sind aktuell für die TSG 1899 personalintensiver als ein in Vor-Corona-Zeiten ausverkauftes Haus. Das liegt an den Zugangskontrollen. "Und hat zur Folge, dass Heimspiel-Einnahmen bei rund 8000 Zuschauern aktuell höchstens kleine Deckungsbeiträge liefern, um die Betriebskosten etwas zu senken. Geld verdienen wir damit momentan nicht", sagt Briel.

Finanziell steht die TSG Hoffenheim besser da als im Zuschauerranking. Mehrheitsgesellschafter Dietmar Hopp betonte am Samstag bei der ebenfalls spärlich besuchten Mitgliederversammlung, dass er noch nie Gewinne entnommen habe und sich die TSG seit elf Jahren finanziell selbst trage. "Die TSG hat drei Spielzeiten sehr schöne Gewinne eingefahren, die kommen uns jetzt zugute", sagte Hopp. Unter anderem erlöste der Verein im Sommer 2019 mehr als 120 Millionen Euro durch Spielerverkäufe.

Ein Liquiditätsengpass drohe nicht

Durch Corona sind die Einnahmen eingebrochen. Auf dem Transfermarkt, bei den Tickets und auch bei den Medienerlösen. "Insgesamt sprechen wir über signifikante achtstellige Beträge, die wir an Umsatzeinbrüchen pro Saison erleiden", sagt Briel. Ein Liquiditätsengpass drohe nicht. "Es tut aber schon weh, wenn man sieht, wie schnell die Rücklagen von fünf Jahren innerhalb von 18 bis 24 Monaten aufgezehrt werden", sagt Briel, betont aber, die Pandemie komplett aus eigenen Mitteln gestemmt zu haben. Heißt: Ohne Überbrückungshilfen oder Kurzarbeit. Im Gegenteil: "Wir haben in der Region Verantwortung übernommen und mit der Aktion "TSG hilft" mehr als 250 kleinere Vereine finanziell unterstützt", sagt Frank Briel.

 

Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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