VfB Stuttgart feiert schon mal den Aufstieg

Fußball  Ein souveräner 6:0-Sieg des Fußball-Zweitligisten in Nürnberg und ein Patzer des HSV machen die direkte Rückkehr der Stuttgarter in die Bundesliga so gut wie sicher.

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Tribünen-Jubel: Die Stuttgarter Ersatzspieler freuen sich nach dem 6:0 des VfB und dem perfekten Last-Minute-Ergebnis in Heidenheim, wo der HSV mit 1:2 unterliegt.

Nur der VfB!", tönte es im leeren Stadion aus dem Kabinentrakt, immer wieder begleitet von Jubelschreien: Dieser verrückte vorletzte Spieltag passt zum verrückten Aufstiegsrennen, zur verrückten (Corona)-Saison. Dass der VfB Stuttgart am Sonntagabend als Aufsteiger zurück nach Stuttgart fahren könnte, war kühnster Wunschtraum.

Zu wankelmütig war der Saisonverlauf der Schwaben, zu unwahrscheinlich die notwendige Ergebniskonstellation. Doch nach dem 6:0 (3:0)-Sieg des VfB beim 1. FC Nürnberg und dem erst in der fünften Minute der Nachspielzeit geglückten 2:1 (0:0)-Sieg des 1. FC Heidenheim gegen den Hamburger SV steht so gut wie sicher fest: Der VfB Stuttgart ist zurück in der Bundesliga, geht mit einem Vorsprung von drei Punkten und dem elf Treffer besseren Torverhältnis auf die drittplatzierten Heidenheimer in den letzten Spieltag - so verrückt kann der anstehende Sonntag nicht laufen, dass der VfB doch noch auf den Relegationsplatz zurückfällt. "Wir können feiern", sagte der studierte Mathematiker Pellegrino Matarazzo, der Cheftrainer der Stuttgarter.

Epizentrum des VfB-Glücks

VfB Stuttgart feiert schon mal den Aufstieg

Erleichterung: VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo umarmt Pascal Stenzel.

"Jaaaaaa", immer wieder "jaaaaaa!" Das Epizentrum des Glücks war nicht der Strafraum, wo Silas Wamangituka (11. Minute), Atakan Karazor (26., 63.), Sasa Kalajdzic (41.) sowie der überragende Nicolás González (52., 76.) das Torverhältnis des VfB in einen Bonuspunkt verwandelten, das Epizentrum des Glücks war die Haupttribüne. Die Ersatzspieler hatten sich um das Smartphone von Pressesprecher Tobias Herwerth geschart und tobten. Heidenheim hatte in der fünften Minute der Nachspielzeit getroffen, den HSV in der Tabelle überholt, die perfekte Konstellation für den VfB erst perfekt gemacht. Beide Spiele liefen noch. Abpfiff in Nürnberg, Erleichterung, Umarmungen. Mit dem noch heftigeren Nachbeben war dann alles klar: Abpfiff in Heidenheim. Jubelherde überall. Der VfB ist so gut wie erstklassig.

Spontane Ausgelassenheit

Natürlich werde jetzt gefeiert. "Aber in Maßen", versicherte Mittelfeldmann Philipp Klement, "wir gehen das letzte Spiel am Sonntag gegen Darmstadt seriös an. Die große Sause steigt dann danach." Die Stimmung war von spontaner Ausgelassenheit geprägt, doch es liegt in der Natur der Sache, dass Aufsteiger ihr Glück teilen möchten - mit den Fans. Am Zaun. Am Bus. Vor dem Vereinsheim. Was in Corona-Zeiten aber nicht möglich ist. So oder so gab Pellegrino Matarazzo seinen Spielern für Montag und Dienstag frei. Nach den ersten Feierlichkeiten an der Trainerbank hatte er seine Jungs versammelt und ihnen gratuliert: "Ich habe ihnen gesagt, dass ich stolz auf sie bin und dass ich gesehen habe, dass alle das Team nach vorne gepeitscht haben. Und ich habe gesagt, dass wir noch ein Spiel haben. Auch das wollen wir gewinnen."

Starker González

VfB Stuttgart feiert schon mal den Aufstieg

Partystimmung auf dem Rasen: Der VfB Stuttgart hat die sofortige Rückkehr in die Bundesliga beinahe geschafft. Aus eigener Kraft, weil es beim 1. FC Nürnberg ein Schützenfest gegeben hat. Aber auch dank Heidenheimer Ergebnishilfe.

Fotos: dpa

Am Ende war das 6:0 ein Spaziergang, der Anfang war es nicht. Der VfB machte seine Sache souverän, war klar besser als die vor einem Jahr mit abgestiegenen Franken, sicherer, gewann in der Defensive fast jeden Zweikampf. Dennoch fiel die Führung überraschend. Silas Wamangituka luchste Georg Margreitter den Ball ab, stürmte aufs Tor und traf mit dem ersten Torschuss (11.). Vier Minuten später verpasste Sasa Kalajdzic nach feiner Vorarbeit von Nicolás González. Torchancen waren in der ersten halben Stunde selten.

Mit dem ersten Eckstoß erhöhte der VfB. González schlug die Hereingabe artistisch vors Tor, Kapitän Marc Oliver Kempf verlängerte per Kopf, Atakan Karazor versenkte den Ball (26.). Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. Nürnberg hatte ein, zwei gefährliche Szenen - Schüsse von Robin Hack (19.) und Michael Frey (28.) -, dennoch war ein Klassenunterschied nicht zu übersehen und die Begegnung mit dem 0:3 bereits gelaufen.

Stimmige Stuttgarter Laufwege

Wieder verlor der Club den Ball, Philipp Förster bediente Silas Wamangituka, der die komplette Abwehr beschäftigte und quer auf Sasa Kaladzic legte, der nur noch einschieben musste (41.). Beim VfB laufen die Prozesse gerade rund, die Laufwege stimmen, die Mannschaft harmoniert. Schön zu sehen beim 5:1-Sieg am Mittwoch gegen den SV Sandhausen und auch beim vierten Tor in Nürnberg: Sasa Kalajdzic beschäftigte an der Torauslinie zwei Mann, die seine Hereingabe nicht zu verhindern wussten, Nicolás González übersprintete mehrere Nürnberger und traf per Flugkopfball, ein Traumtor (52.). Das 5:0 war ein Abstauber des bei einem Eckball konsequent durchgelaufenen Atakan Karazor, Nicolás González machte mit einem Schlenzer ins lange Eck den höchsten Saisonsieg perfekt. Doch das ganz große Glück kam erst später: "Nur der VfB!"

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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