VfB Stuttgart: eine Frage der Klasse

Fußball  Der VfB Stuttgart fungiert auch beim 0:1 gegen Bielefeld als Aufbaugegner für Krisenteams und wird damit selbst zu einem. Die notgedrungenen Experimente von Trainer Pellegrino Matarazzo in Sachen Aufstellung gehen nicht auf.

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Versteckspielen: Daniel Didavi bei der verdienten 0:1-Niederlage gegen Arminia Bielefeld. Wieder einmal fehlte es dem VfB-Spiel an offensiver Durchschlagskraft.

Foto: dpa

Die Fans in der Cannstatter Kurve hatten bei der 0:1-Heimniederlage des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld ein feineres Gespür für die VfB-Situation als der Chef des Sicherheitsdienstes in der Stuttgarter Arena. Rund 50 Sicherheitskräfte positionierten sich kurz vor Spielschluss zwischen Fanblock und Spielfeld. Man weiß ja nie, was nach so einer Heimpleite gegen einen bisher sieglosen Konkurrenten passiert. Es gab in der Vergangenheit schon Stuttgarter November-Samstage, an denen Fan-Frust und tabellarische Lage durchaus ein explosives Gemisch bildeten.

Es fehlt an Marktwert, damit Qualität und an Toren

Natürlich gab es ein paar Pfiffe nach dem ebenso verdienten wie bitteren 0:1 gegen Bielefeld. "Die kann man verstehen", sagte Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat. Aber eben auch viel aufmunternden Applaus für eine kämpfende, aber eben auch qualitativ äußerst limitierte Stuttgarter Elf, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mühte. Mehr als 40 Prozent des Stuttgarter Kaderwerts befindet sich aktuell im Krankenstand, das kompensiert in der Bundesliga niemand einfach so - wohl nicht einmal die Bayern. In der VfB-Anfangsformation fehlten die Torschützen von zwölf der 15 bisherigen Saisontore.

"Wir sind da angekommen, wo wir uns vor der Saison gesehen haben - im Abstiegskampf", sagte Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat. Es wird sich noch zeigen, ob es gut ist, dass diese Erkenntnis schon im November 2021 allen bewusst sein sollte - und nicht erst im Mai 2022.

Schwäbische Aufbauhilfe für die Konkurrenz

In der Besetzung von Samstag ist der VfB gerade ein Aufbaugegner für kriselnde Teams wie Augsburg (beim 1:4 in der Vorwoche) und nun Bielefeld - und steckt dadurch selbst im Krisenmodus. Rang 13 lautete vor Saisonbeginn das Stuttgarter Saisonziel. "Mit allen Spielern zur Verfügung", betonte Mislintat am Samstag einmal mehr. Nun fehlen aber Woche für Woche mindestens zehn Profis, gegen Bielefeld waren es deren zwölf - und damit einfach zu viel Klasse vorne (Kalajdzic, Silas, Führich, Marmoush, Al Ghaddioui) und hinten (Müller, Mavropanos, Kempf). Dazu wirkt Olympia-Teilnehmer Wataru Endo überspielt, Orel Mangala ist nach seiner langen Verletzungspause noch nicht bei 100 Prozent.

"Es ist eben ein Substanzverlust, den wir zuletzt nicht kompensieren konnten", sagte Mislintat: "Der Rahmen unser Möglichkeiten sind gerade eben zehn Punkte." Und damit nur noch zwei Zähler vor dem ersten Abstiegsplatz, den die Arminia belegt. Dafür war das Bielefeld-Spiel ein 95-minütiger Lehrfilm, dass der VfB in dieser Besetzung die Liga kaum halten wird.

Flanken ohne Ziel

Trainer Pellegrino Matarazzo öffnete notgedrungen in Sachen Aufstellung den Experimentierkasten. Linksfuß Borna Sosa sollte wie einst Arjen Robben für die Bayern über die rechte Seite für Torgefahr sorgen. "Er hatte einen guten Zug zum Tor", sagte Pellegrino Matarazzo: "Wenn man aber keinen Zielspieler hat, dann bringen seine Flanken nix." Zielspieler, das sind Stürmer.

Mittelstürmer Hamadi Al Ghaddioui musste mit einer Erkältung kurzfristig passen. Roberto Massimo ist kein Mittelstürmer, Daniel Didavi nicht, Mateo Klimowicz auch nicht. Kurz vor Schluss warf Matarazzo den 1,98 Meter langen U23-Innenverteidiger Matej Maglica als stürmenden Turm in die Schlacht um den späten Ausgleich, der weder in der Luft lag, noch verdient gewesen wäre.

Bielefeld hätte höher gewinnen müssen

"Wir hatten ja Glück, dass wir bis zum Ende im Spiel geblieben sind", sagte Sven Mislintat über gleich drei Pfosten- und Lattentreffer der Bielefelder in der Schlussphase. Ein 2:0, 3:0 für die Arminia war möglich. So traf Bielefeld nur ein Mal, bereits in der 19. Minute. "Da waren wir ungeordnet nach einer Ecke für uns", sagte Abwehrchef Waldemar Anton übers Tor des Tages durch den Japaner Masaya Okugawa.


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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