VfB-Seelenschmerzen nach dem vergebenen Sieg

Fußball  Eine 2:0-Führung reicht den Stuttgartern nicht, um Frankfurt zu schlagen. Eine passive Phase des ansonsten starken Aufsteigers wird mit dem 2:2 bestraft.

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Und dann: Stille. Erstmal keine Worte. Pellegrino Matarazzo setzte zu einer Antwort an, brach ab, lächelte, überlegte nochmal. Die Sekunden vergingen. Fünf, sechs, sieben. Schließlich brach der Trainer des VfB Stuttgart sein Schweigen: "Es tut immer weh, wenn man so eine 2:0-Führung her gibt."

Nur 2:2 gegen Eintracht Frankfurt, auch im vierten VfB-Heimspiel seit dem Aufstieg in die Bundesliga kein Sieg - das waren die Fakten. Doch Matarazzos Mannschaft hatte über weite Phasen sehr attraktiven Offensivfußball gespielt und einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie das Zeug zum Klassenerhalt hat. Darf ein Trainer sich über allerbestes Bundesliga-Entertainment freuen, wenn am Schluss der Ertrag nicht optimal ist? Darum war es in der Frage an Pellegrino Matarazzo gegangen. Darüber musste der 42-Jährige nachdenken, bevor er sagte: "Für mich geht es nicht darum, ob es ein Spektakel ist oder nicht, ich bewerte immer die Leistung meiner Mannschaft." Und mit dieser sei er "nicht unzufrieden".

Alles prima? Nein, das nicht, natürlich nicht. Es nervte den Trainer, dass am Ende wieder nur ein Unentschieden auf der Anzeigetafel stand, wie zuvor beim 1:1 gegen Köln und beim 1:1 auf Schalke. Nicolas Gonzalez (17. Minute, Foulelfmeter) und Gonzalo Castro (37.) hatten fürs Stuttgarter 2:0 gesorgt. Weil der VfB mehrmals die Gelegenheit verstreichen ließ, mit einem dritten Treffer alles klar zu machen, kam die Eintracht durch Tore von André Silva (61.) und David Abraham (75.) noch zum Ausgleich. "Aber es sind viele positive Sachen, die wir mitnehmen können", sagte Matarazzo.

Castro hätte gerne ein besseres Gefühl mit in die Pause genommen

Jetzt ist erstmal Pause, weil die letzte Länderspiel-Periode des Jahres 2020 ansteht. Für den VfB geht es am 21. November mit dem Baden-Württemberg-Prestigeduell bei der TSG Hoffenheim weiter. Mannschaftskapitän Gonzalo Castro hätte gerne ein richtig gutes Gefühl mit in die Bundesliga-Unterbrechung genommen. Aber nix war"s mit der erhofften Punkteausbeute. Wieder nix. "Wir hätten gerne gegen Schalke drei gehabt und jetzt wieder drei." Es sei "bitter, wenn du nur zwei hast statt sechs".

VfB-Seelenschmerzen nach dem vergebenen Sieg

Die Gefühlswelt der VfB-Profis war nach dem Abpfiff erstmal von Düsternis geprägt. Die verspielte 2:0-Führung schmerzte. Verteidiger Marc Oliver Kempf war "natürlich ein bisschen angefressen". Zum einen wegen der verpassten Chancen zum K.o.-Schlag. Die beste vergab Mateo Klimowicz in der 56. Minute, als er an die Latte köpfte. "Wenn wir das 3:0 machen, ist das Spiel gelaufen", haderte Kempf. Zum anderen fuchsten ihn die Gegentore. Man sei "nicht mehr ganz so griffig in die Zweikämpfe gekommen".

Im Idealfall, wenn es auf Schalke und gegen Frankfurt Siege gegeben hätte, stünde der VfB weit vorne in der Tabelle. Jetzt ist es mit zehn Punkten nach sieben Spielen ein Mittelfeldrang. Gonzalo Castro wog nach dem 2:2 die Enttäuschung gegen die allgemeinen Eindrücke ab, dann sagte er: "Ich bin einfach stolz, wie wir im Moment spielen."

Der VfB ist erstligatauglich. Gar keine Frage. Das war vor der Saison keine Gewissheit gewesen, allzu holprig hatte sich Matarazzos Team in der 2. Liga zum Aufstieg gewurschtelt. Jetzt haben die Stuttgarter in sechs Bundesliga-Partien hintereinander nicht verloren. Und die Eintracht hatte am Samstag wahrlich keine Gurkentruppe auf dem Platz stehen. Pellegrino Matarazzo wies darauf zur Sicherheit nochmal hin. Man dürfe nicht vergessen, dass die Frankfurter eine "gute, reife Mannschaft" seien, ein Team mit "internationalen Ambitionen".

Frankfurts Trainer zieht in der Halbzeitpause die richtigen Schlüsse

Und mit einem guten Trainer. Adi Hütter hatte in der Halbzeitpause genau die richtigen Veränderungen vorgenommen. Vor allem der für den schwachen Almamy Touré eingewechselte Aymen Barkok sorgte für eine andere Statik im Duell mit dem VfB. Die rechte Außenbahn der Eintracht war in der ersten Halbzeit die große Schwachstelle gewesen. Der VfB nutzte das. "Da hat Sosa sehr viel Dampf gemacht", sagte Hütter. Barkok spielte dann derart dynamisch, dass Borna Sosa oft in der Defensive gebunden war. Der Frankfurter Einwechselspieler gab zu beiden Eintracht-Toren die Vorlage. Pellegrino Matarazzo hätte sich gewünscht, dass sein Team nach dem Anschlusstreffer selbstbewusster geblieben wäre. "Da sind wir in eine gewisse Passivität reingerutscht." Das habe ihm "gar nicht gefallen". Erst nach dem 2:2 habe man "wieder mehr Fußball gespielt".

 

Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

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