Unaufgeregter Hoeneß-Start bei der TSG Hoffenheim

Fußball  Sebastian Hoeneß, der neue Hoffenheimer Trainer, verzichtet bei seinem ersten öffentlichen Auftritt auf markige Worte und Zielsetzungen. Der Neffe von Bayern-Größe Uli Hoeneß möchte seinen eigenen Stil pflegen.

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Zum ersten Mal im Scheinwerferlicht der Bundesliga: Sebastian Hoeneß am Montag bei seiner ersten Pressekonferenz als TSG-Cheftrainer.

Foto: TSG Hoffenheim

Alexander Rosen sprach tatsächlich von seinem ersten Treffen mit Sebastian Hoeneß, dem neuen Trainer der TSG 1899 Hoffenheim. Und nicht etwa vom ersten Rendezvous mit seiner Gattin. "Die Chemie muss passen, da geht nichts über das persönliche Gespräch, über das in die Augen schauen, den ersten Moment: Kann man sich vorstellen, miteinander zu arbeiten?", erzählte Hoffenheims Sportdirektor am Montag. Der neue Trainer hatte mächtig Eindruck hinterlassen.

Eigentlich wollte sich Rosen in der Anbahnungsphase der Trainerfindung erst nach dem Wochenende wieder bei Kandidat Sebastian Hoeneß melden, zunächst das Gesehene und Gehörte sacken lassen, erinnert sich der TSG-Sportchef. "Ich kam nicht umhin, ihm noch nachts eine Nachricht zu schreiben", erzählte Rosen nun. Wenn das mal nicht Liebe auf den ersten Trainerblick ist?

Nicht lange nachgedacht

Jetzt sind Trainervorstellungen wie jene von Sebastian Hoeneß grundsätzlich dafür da, die gegenseitige Wertschätzung öffentlich kund zu tun, voneinander zu schwärmen. Voller Optimismus in die Zukunft zu schauen. Ganz wie bei Beziehungen im Privaten, stellt sich erst mit der Zeit (und den Ergebnissen) heraus, ob die große Liebe eine auf Dauer und mehr als bloße Schwärmerei ist. Das war ja in der Vorsaison gut zu beobachten, als die Liaison mit Trainer Alfred Schreuder zu einem abrupten Ende kam. "Ich musste nicht lange überlegen. Ich wollte die Chance ergreifen", sagt Sebastian Hoeneß über seinen Sprung aus Liga drei zum Europapokalteilnehmer TSG 1899 Hoffenheim.

Am Sonntag stellte sich Hoeneß vor dem Schloss Seehälde in Zuzenhausen seiner neuen Mannschaft vor, am Mittwoch um 15 Uhr stehen dann alle gemeinsam erstmals auf dem Trainingsplatz. Zuschauer sind dabei nicht zugelassen. Mit Mehrheitsgesellschafter Dietmar Hopp telefonierte Hoeneß bereits ebenso wie mit einigen Spielern. Kontakt zu seinen Hoffenheimer Vorgängern als Cheftrainer suchte Hoeneß hingegen nicht.

Im Vorjahr noch hatte Alexander Rosen ein Meinungsbild bei Führungsspielern wie Benjamin Hübner eingeholt, ob das mit Cheftrainer Alfred Schreuder passt. Man habe nun keine interne Umfrage gestartet, sagte Alexander Rosen. Hoeneß weiß genau, was von ihm bei der TSG 1899 erwartet wird: "Einen für die Mannschaft passenden Spielstil entwickeln, eine gute Atmosphäre schaffen, Potenziale ausschöpfen, Spieler entwickeln und am Ende erfolgreich Fußball spielen." Es gibt leichtere Aufgaben in der Bundesliga, aber ganz sicher auch komplexere als die TSG Hoffenheim.

Englische Woche als Tagesgeschäft

Ziele setzt sich der Neue erstmal nur für die Vorbereitung. Klar ist auch dem 38-Jährigen: "Es wird eine herausfordernde Saison, die es in der Form noch nicht gab", sagt Sebastian Hoeneß. Corona sei Dank. Ab Oktober reiht sich Englische Woche an Englische Woche. Donnerstags Europa League. Sonntags Bundesliga. "Das nötigt Respekt ab. Wir werden uns ein paar Fragen stellen müssen, was das für uns bedeutet", blickt Hoeneß Wochen mit wenig Training und hoher Belastung entgegen. Immerhin: Genau solche Zeiten (elf Pflichtspiele in 35 Tagen) hat er mit der U23 des FC Bayern München in Liga drei so formidabel gemeistert, dass die kleinen Bayern am Ende Drittligaerster wurden. "Diese Erfahrung ist für mich schon wertvoll", sagt Hoeneß. Was einmal geklappt hat, das soll erneut hinhauen.

Die Nervosität und Anspannung waren Sebastian Hoeneß bei seiner ersten Pressekonferenz als Erstligatrainer anzusehen. Es sind ja auch sonderbare Zeiten, in denen Journalisten Fragen per Telefon stellen, nur eine Kamera für den Internet-Stream alles aufzeichnet.

Kein lockerer Spruch, kein harter Hund

Hoeneß präsentierte sich als ruhiger, sachlicher und unaufgeregter Typ. Ein Poltergeist wie sein Onkel Uli ist Sebastian wohl kaum. Keiner, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat wie Julian Nagelsmann. Keiner, der gerne auch den harten Hund gibt wie Vorgänger Alfred Schreuder. Wie er sich selbst sieht? "Man wird meinen Stil feststellen. Mir ist es immer wichtig, authentisch zu sein", sagt Sebastian Hoeneß über Sebastian Hoeneß. Die Mischung aus Rationalität und Emotionalität mache es. "Ich würde mich selbst als kommunikativen und bodenständigen Typen beschreiben", sagt er. Mit dieser Kombination hat er zumindest schon einmal Alexander Rosen überzeugt.


Baustellen sieht Alexander Rosen nur beim TSG-Trainingszentrum

Bundesligist Hoffenheim ist nach Ansicht des Sportdirektors personell gut aufgestellt. Einen großen Umbruch gibt es bei der TSG diesmal nicht.

Die TSG Hoffenheim befindet sich im Umbaumodus. "Hier am Trainingszentrum steht ein Kran, das ist unsere größte Baustelle", witzelte Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen am Montag. Infrastrukturell soll alles noch ein bisschen besser werden als es jetzt schon ist.

Vor einem Jahr noch bezogen sich die Begriffe "Hoffenheim" und "Umbau" anders aufeinander. "Der große Umbau der Mannschaft hat damals stattgefunden", sagt Rosen. Im Sommer 2019 verließen gleich vier Leistungsträger für deutlich mehr als 100 Millionen Euro den Kraichgauclub. "Die Mannschaft bleibt nun in ihrem Kern zusammen", ist sich Rosen sicher. In Sebastian Rudy (Rückkehr zum FC Schalke 04) hat die TSG nur einen Leistungsträger verloren. "Wir haben zusätzliche Optionen durch Leihspieler und eigene Talente", sagt Rosen.

Klar ist aber auch ihm in Sachen Transfermarkt: "Es wird noch einiges passieren, wenn die großen Player loslegen." Weil Transfers in diesen speziellen Zeiten bis zum 5. Oktober möglich sind, sind Prognosen kompliziert. "Wir sind im Grundsatz gut aufgestellt, aber es wird sich auf der Zu- und Abgangsseite auch bei uns noch etwas tun", sagt Rosen. Keiner wisse zudem, ob es Verletzungen gebe oder "außergewöhnliche Marktlagen", wie es Rosen formuliert.

Zwei Rückkehrer zur TSG stehen besonders im Fokus. Stürmer Ishak Belfodil war fast ein Jahr lang verletzt und hatte mit seiner Kritik an der medizinischen Abteilung für viel Wirbel gesorgt. Nun steigt er am Mittwoch ins Training mit der Mannschaft ein, auch Kevin Vogt ist nach seiner Leihe nach Bremen wieder zurück. "Ein Neustart ist natürlich immer auch eine große Chance", sagt Alexander Rosen. "Ich freue mich, zwei Spieler zu haben, die ihren sportlichen Wert für Hoffenheim schon gezeigt haben", ergänzt Trainer Sebastian Hoeneß.



Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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