So war es beim Hoffenheim-Geisterspiel

Fußball  Alles anders in der Bundesliga? Nein, aber sehr viel. Immerhin, es wurde normal Fußball gespielt im Sinsheimer Stadion. Nur eben ganz ohne Fans beim ersten Corona-Geisterspiel der Hoffenheimer Geschichte. Unser Kollege war auf der Tribüne dabei.

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Vesperzeit. Jetzt. In der 53. Minute des Bundesligaspiels zwischen der TSG Hoffenheim und Hertha BSC, oben auf der Tribüne. Gerade passiert nix Interessantes, da hole ich mein Wurstbrot aus dem Rucksack. Normalerweise gibt es im Presseraum des Sinsheimer Stadions Essen und Getränke für die Medienvertreter. Reichlich und gut, da lässt sich die TSG absolut nicht lumpen. Aber diesmal nicht. Diesmal bleibt der Presseraum leer. Sperrzone.

Allerdings stand im Schreiben der TSG  Hoffenheim, das grünes Licht dafür gab, das erste Geisterspiel der Kraichgauer nach der Corona-Pause besuchen zu dürfen: "Das Mitführen eigener Getränke und Speisen ist in einem Rucksack erlaubt." Die Virus-Pandemie hat eine neue Normalität mit sich gebracht. Auch beim Thema Catering.

Bei der Maskenpflicht gibt es nur eine Ausnahme

Fürs Reinbeißen ins Brot darf auf der sehr spärlich besetzten Pressetribüne (maximal zehn Journalisten dürfen laut der DFL-Vorgaben bei Corona-Geisterspielen dabei sein) die Gesichtsmaske abgenommen werden. Ausnahmsweise. Ansonsten heißt es in den Journalisten-Hinweisen der TSG im Fettdruck: "Auf dem gesamten Gelände gilt Maskenpflicht und die Einhaltung der Abstandsregel" - es folgen drei Ausrufezeichen.

Vor dem Betreten des Stadions ist die Körpertemperatur gemessen worden. Bei mir sind es 36,5 Grad. Zudem musste ein Fragebogen des Bundesliga-Verbands DFL ausgefüllt und unterschrieben werden. Keine typischen Coronavirus-Krankheitssymptome? Kein aktueller positiver Nachweis? Kein Kontakt zu einer Infizierten Person? Okay, dann rein!

Im Vorlauf zum Spiel liest Stadionsprecher Mike Diehl die Aufstellungen vor, exklusiv für die paar Leutchen in der Arena. Musik läuft vor dem Anpfiff auch - vielleicht können sich die Profis beim Warmmachen auf dem Rasen so besser eingrooven auf ihren ganz speziellen Corona-Arbeitstag? Komisch klingt die Songzeile "Das Stadion ist unser Fußball-Hauptquartier" im Hoffenheim-Anheizerlied "Oléolé, super TSG". Das Hauptquartier ist verlassen. Die Fans müssen draußen bleiben, alle.

Das Einlaufen der Mannschaften ist kein streng choreografiertes Event, die Profis traben halt irgendwie auf den Rasen. Getrennt, nacheinander.

Die Maske sitzt, das Spiel läuft.

Solche Bilder aus den Stadien gab es noch nie in der deutschen Fußballgeschichte

Anpfiff. Der Ball rollt. Im Hinterkopf des Reporters macht sich Musik breit. Herbert Grönemeyers Song zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, zum Sommermärchen. "Es wird Zeit, dass sich was dreht!" Der Ball ist rund, immer noch. Und wieder schaut die Welt auf Deutschland, wie damals. Als erste bedeutende Liga des globalen Fußballbusiness hat die Bundesliga den Neustart nach der Coronavirus-Zwangspause gewagt.  Nur noch Geisterspiele. Massenhaft, zumindest ist es so geplant. Vielerorts sind Bilder zu sehen, die es in diesen Stadien nie zuvor gegeben hat in der Geschichte des deutschen Fußballs.

Im Spiel fällt sofort auf, wie extrem viel die Fußballer im Spiel miteinander reden. Da gibt es ständig Rufe, Kommentare, Hinweise. Das ist bislang stets untergegangen, weil die Stadionkulisse zu laut war. Als Schiedsrichter Christian Dingert dem Berliner Peter Pekarik in der 10. Minute nach einem Foul an Steven Zuber Gelb zeigt, hört man Hertha-Trainer Bruno Labbadia über 100 Meter Distanz mosern: "Nee, das ist keine Gelbe Karte!"

Bundesliga Geisterspiel TSG Hoffenheim - Hertha BSC
Der Ball ist in der Hoffenheimer Spielfeldhälfte, die Südkurve dahinter ist leer. Da sind sonst die Ultras daheim.

Jetzt hat die Bundesliga was vom Kicken auf dem Dorffußballplatz

Das Premiumprodukt Bundesliga hat jetzt auch ein bisschen was vom Kicken auf dem Dorffußballplatz. Auch, weil das Spiel in Sinsheim lange Zeit auf niedrigem Niveau stattfindet.

Aber dann: Tor. Und gleich nochmal. Ein Doppelschlag der Berliner zum 0:2. Knapp eine Stunde ist vorbei. Gejubelt wird wie früher. Laut dem Hygiene-Konzept der DFL sind Umarmungen und Abklatschen eigentlich zu unterlassen, Ellbogen- und Fußkontakt ist  hingegen erlaubt. Den Hertha-Profis sind diese Schutz-Vorgaben aber  wurscht.

Es gibt kein enttäuschtes Stöhnen aus Zehntausenden Hoffenheimer Fan-Kehlen im Stadion. Etwa 300 Leute sind in der Sinsheimer Arena. Mehr sind nicht erlaubt, das ist die magische Zahl, auf die sich die DFL-Taskforce. festgelegt hat. Das absolute Minimum an Personal, um ein Profifußball-Spiel, das live im Fernsehen gezeigt wird, durchführen zu können. Absolute Kernmasse des Notbetriebs sind die 22 Spieler und 18 Ersatzspieler, die dafür sorgen, dass gekickt wird.

Kicken und fertig - zumindest fast

The Show must go on. Aber ohne Einlaufkinder oder das Vereinsmaskottchen. Sie sind bei Geisterspielen verzichtbares Beiwerk. Es ist jetzt im Stadion ein puristisches Fußballerlebnis. Es wird gekickt. Und fertig. Beinahe zumindest. Nach dem Schlusspfiff bleiben die wenigen Reporter auf der Pressetribüne sitzen, statt zur Pressekonferenz in den Stadionkatakomben zu laufen. Sich in einem großen, vollen Raum zu drängeln, das war einmal. Tempi passati. Vergangene Zeiten. Das Coronavirus hat die Welt auf den Kopf gestellt, auch die Sportwelt.

 

 

Der Hoffenheimer Pressesprecher Holger Kliem hat am Freitag eine kleine WhatsApp-Gruppe zusammengestellt mit den wenigen fürs Hertha-Spiel akkreditierten Journalisten. "Über diese Gruppe könnt Ihr morgen nach Abpfiff jeweils eine Frage in Textform für die PK stellen. Sie wird dann von den Pressesprechern vorgelesen. Die Antworten sind dann über die Stadionlautsprecher und LED-Wand zu hören und zu sehen." Ja, so läuft er, der Corona-Fußballbetrieb.

Bundesliga Geisterspiel TSG Hoffenheim - Hertha BSC
Dem Hoffenheimer Trainer Alfred Schreuder kommt man als Reporter nur durch den Sky-Bildschirm auf der Pressetribüne nahe. Die Pressekonferenz läuft später via WhatsApp und Stadion-Bildschirm auf Distanz.

In normalen Zeiten ist man als Journalist in die Mixed Zone marschiert, um Spielerstimmen zu sammeln. In der Sinsheimer Arena drängelten sich die Reporter oft um Torwart Oliver Baumann, der auch nach ganz schlechten Spielen kam. Nun ist die Interviewzone Sperrgebiet. Spieler-Kommentare zur Partie gibt es nur für die Rechteinhaber vom Fernsehen, die mit ihren üppigen Multimillionenzahlungen dafür sorgen sollen, dass trotz der leeren Stadien kein Bundesligist in der Corona-Krise pleite geht. Ich als Zeitungstyp kann jedenfalls keine Fragen stellen.

Gruselig ist das Ergebnis aus Hoffenheimer Sicht - nicht die Geister-Kulisse

Immerhin, während des Spiels kann man gut hören, was der Trainer sagt. Keine Lärmkulisse im Stadion. Auf der Zuschauertribüne gibt es schließlich nur ganz, ganz wenige Leute, die Zutritt haben. Laut dem Konzept der DFL sind das acht Funktionäre des Heimvereins und vier des Gastclubs.

Die Berliner Geisterspiel-Zugucker dürfen sich freuen. 3:0 steht es am Schluss für Hertha BSC. Die TSG Hoffenheim kassiert mal wieder eine Heim-Niederlage, wie so oft in dieser Saison. Gruselig ist an diesem speziellen Coronakick-Samstagnachmittag  nicht die Geister-Kulisse. Gruselig ist das Ergebnis aus Hoffenheimer Sicht. 


Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme. 

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