Quotienten-Regelung wieder im Gespräch

Fußball  Der Württembergische Fußball-Verband bringt die letztjährige Abbruchvariante wieder ins Spiel: Sollten nicht alle Vereine die Hinrunde zu Ende spielen können, soll erneut die Quotienten-Regel greifen.

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Im vergangenen Frühling hatten Löwenzahn und Gänseblümchen die Sportplätze für sich. Dieses Bild könnte den Amateurfußballern in diesem Jahr erneut blühen, ebenso im Sommer die Saisonwertung anhand der Quotienten-Regel.

Foto: Archiv/Bertok

Das Abbruchmodell der vergangenen Saison mit der Ermittlung der Tabellenstände anhand eines Quotienten ist erneut zu einer möglichen Variante geworden. Als in der Runde 2019/20 der erste Lockdown beim Stand von zwei absolvierten Begegnungen der Rückrunde zu dieser Option zwang, waren nicht alle Funktionäre aus dem Fußballbezirk Unterland begeistert. Es sei keine sportlich faire Lösung gewesen, da auch die Spielplangestaltung mit starken oder eher schwächeren Gegnern Einfluss darauf nahm, wer letztlich ganz vorne stand.

Ein ähnliches Szenario könnte der aktuell abgebrochenen Saison bevorstehen. Zunächst hatte der Württembergische Fußballverband vor zwei Wochen beschlossen, die Punktrunde in einer Hinrunde zu Ende zu spielen (mit Auf- und Absteigern sowie Relegation), oder - sofern ein Re-Start des Spielbetriebs nicht bis spätestens 9. Mai erfolgen kann - die Saison 2020/21 zu annullieren, ohne Auf- und Absteiger.

Ist die 75-Prozen-Regel erfüllt, greift die Quotienten-Regelung

Doch vergangenen Freitag beschloss der WFV-Beirat eine Änderung der Spielordnung. Können die Hinrunden trotz Wiederaufnahme des Spielbetriebs nicht bis zum letztmöglichen Termin (20. Juni) von allen Vereinen abgeschlossen werden (aufgrund corona-bedingter Ausfälle), ist es nun doch möglich, die Saison zu werten, sofern mindestens drei Viertel der Mannschaften einer Staffel alle Vorrundenspiele absolviert haben. Ist diese 75-Prozent Vorgabe erfüllt, greift erneut die Quotienten-Regelung. Meister, Absteiger und Relegationsspiele soll es im Vergleich zu 2020 aber geben. 

Der Bezirksvorsitzende Ulrich Preßler schränkt bei einer erfüllten 75-Prozent-Vorgabe jedoch ein: "Wird die Saison nach einem Neustart aufgrund politischer Entscheidungen erneut abgebrochen und es dürfte nicht mehr gespielt werden, entfällt die Relegation natürlich."

Die wieder ins Spiel gebrachte Variante lässt dem WFV quasi eine Hintertür offen, um auch Absteiger auszuweisen, damit aufgeblähte Ligen wieder auf Normalstärke gebracht werden können. "Der Wunsch besteht, nach Möglichkeit in irgendeiner Form eine sportliche Lösung zu finden", sagt Preßler. "Aber es ist der Blick in die Glaskugel, niemand weiß, was die Coronavirus-Pandemie noch bringt." Es gibt jedoch ein Restrisiko, das die Situation verschlimmern könnte.

Die Zahl der Bezirksliga-Teams könnte sich nochmal erhöhen

Muss die Bezirksliga-Runde annulliert werden, weil nur 70 Prozent aller Vereine die Hinrunde beendet haben - aber in einer, zwei oder allen drei A-Ligen kann die Saison hingegen gewertet werden, steigen die jeweiligen Meister auf und würden die Mannschaftszahl in der Bezirksliga nochmals erhöhen, da dort ja keine Auf- und Absteiger benannt werden könnten.

Die Relegation der A-Liga-Vizemeister mit dem ersten Nichtabsteiger der Bezirksliga würde ebenso entfallen. "Die Problematik wurde angesprochen und man wird sich darüber nochmals Gedanken machen", berichtet Preßler.

Auch die überbezirklichen Ligen ab der Landesliga aufwärts wären von der Diskussion einer erneuten Quotienten-Regelung betroffen. "Wir können das nicht beeinflussen und nehmen es, wie es kommt", sagt Bayram Gögmez, Sportlicher Leiter des Landesliga-Dritten Türkspor Neckarsulm, dessen Team in der vergangenen Runde durch das Quotienten-Verfahren zum Bezirksliga-Meister gekürt wurde. "Vielleicht wäre es diesmal ein Nachteil für uns. Aber wir akzeptieren jede Lösung."

Für die Oberliga sind noch Detailfragen zu klären

Für die Oberliga, in der Vereine aus den Verbänden Baden, Südbaden und Württemberg gemeinsam spielen, sollen gleich lautende Regelungen beschlossen werden. Es sind aber noch Detailfragen insbesondere zum Aufstieg in die Regionalliga Südwest zu klären, bevor eine abschließende Entscheidung getroffen werden kann.

Mit einer abermaligen Quotienten-Lösung könnte sich Thorsten Damm, Sportlicher Leiter des Oberligisten Neckarsulmer Sport-Union, durchaus anfreunden. Auch dem NSU-Funktionär ist es wichtig, dass die Oberliga wieder auf die Normzahl abgesenkt wird, um eine stressfreiere Runde mit weniger Englischen Wochen absolvieren zu können. "Im Prinzip ja", sagt Damm, dessen Team im gesicherten Tabellenmittelfeld überwintert zur 75-Prozent-Regel. "Hätten wir zehn Punkte weniger, würde ich zugegebener Maßen vielleicht anders reden. Jeder richtet sich danach, was bedeutet das für meinen Verein. Das ist normal und menschlich."

WFV-Anhörung

Dem Beiratsbeschluss des Württembergischen Fußballverbands vorausgegangen war eine Anhörung der 1594 am Spielbetrieb teilnehmenden Vereine, von denen 265 Stellungnahmen eingingen. Dabei haben sich rund 45 Prozent der Vereine für den Vorschlag einer Fortsetzung der Saison 2020/21 zum nächst möglichen Zeitpunkt, spätestens aber zum 9. Mai 2021, mit Abschluss der Vorrunden und anschließender Relegation ausgesprochen. Weitere 20 Prozent der Stellungnahmen beinhalteten geringe Modifizierungen oder neue Vorschläge mit alternativen Lösungsansätzen.

Ein Anteil von knapp 35 Prozent der Vereine möchte die Saison nicht fortsetzen, sondern sofort abbrechen und annullieren mit der Folge, dass es weder Auf- noch Absteiger gibt. Eine genauere Betrachtung der Rückmeldungen zeigt dabei, dass der ganz überwiegende Anteil der Vereine, die sich für einen sofortigen Abbruch und die Annullierung der laufenden Saison aussprechen, mit der ersten Herrenmannschaft abstiegsgefährdet ist. red


Alexander Bertok

Alexander Bertok

Autor

Alexander Bertok arbeitet seit 1980 bei der Heilbronner Stimme, ab 1996 in der Sportredaktion.

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