Neckarsulms Leon Rasic schockt Ex-Club Reutlingen spät und legt mit Jubelgeste nach

Fußball  Neckarsulm macht gegen den SSV Reutlingen mit zwei Toren in der Nachspielzeit aus einem 0:2 noch ein 2:2.

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Nicht ganz auf Augenhöhe, dennoch wird es ein Unentscheiden: Maximilian Gebert (links) und die Neckarsulmer Sport-Union brauchten gegen den SSV Reutlingen erst einen Hallo-wach-Effekt, ehe es mit Toren klappte.

Foto: Andreas Veigel

Leon Rasic hatte eine Zeitung mitgebracht. Unsichtbar war sie, aber in der 93. Minute erfüllte sie ihren Zweck. Der ehemalige Stürmer des SSV Reutlingen hatte gerade in allerletzter Sekunde zum 2:2-Ausgleich für die Neckarsulmer Sport-Union getroffen, da packte er den imaginären Sportteil nach seinem Jubellauf in Richtung Eckfahne aus. Mit einem Kopfnicken und gewisser Genugtuung blätterte der 22-Jährige nach dem Rendezvous mit der Ex in seiner unsichtbaren Zeitung.

"Das war natürlich eine Provokation, die Reutlinger verstehen das schon", sagte Rasic hinterher lächelnd. Für alle Nicht-Reutlinger zur Erklärung: Rasic musste vor einigen Monaten aus der Zeitung erfahren, dass er beim ehemaligen Zweitligisten keinen neuen Vertrag mehr für die Oberliga erhält. Das war mindestens so schmerzvoll wie die vergangenen vier Monate, in denen der bullige Stürmer zuletzt als Sport-Union-Neuzugang verletzt fehlte. Als Joker stach er dann gegen den Ex-Club ganz spät.

Persönliche Rache als Schlusspunkt

Ein bisschen persönliche Rache darf da dann schon sein, sie stellte den Schlusspunkt eines kuriosen Oberliga-Samstags dar. "Eigentlich hast du es mit so einer Leistung nicht verdient, einen Punkt mitzunehmen", sagte Mittelfeldmann Claudio Bellanave. 75, 80 Minuten lang war Neckarsulmer quasi nicht auf dem Platz. "Man hat gedacht, die Jungs haben nach vier Wochen das erste Mal wieder einen Ball am Fuß", fasste Thorsten Damm als Sportlicher Leiter das Spiel zusammen.

Einfachste Pässe misslangen. "Es gibt Tage, an denen man keine Erklärung hat", sagte Trainer Marcel Busch über einen kollektiv schwarzen Samstag. Das letzte, nur 16 Mann große und sehr junge Reutlinger Aufgebot war den Unterländern überlegen. Noah Ganaus sorgte in der 10. Minute mit einem schönen Schuss aus spitzem Winkel fürs 1:0. Da passte die Konterabsicherung nicht. Gegen die tiefstehende Fünferkette fanden die Neckarsulmer keine Lösungen. Die Mängelliste wurde immer länger. Es fehlte an Emotionen und Abstimmung. Nach vorne ging nichts.

Trainer Busch moniert Neckarsulmer Schlafmützigkeit

Und defensiv? "Da war viel zu viel Schlafmützigkeit dabei", sprach Marcel Busch Klartext. Sinnbildlich fungierte dabei die Entstehung des zweiten Reutlinger Treffers. Ein unnötig verursachter Eckball ermöglichte Noah Ganaus per Kopfball das 2:0. Neckarsulm hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht ein Mal aufs gegnerische Tor geschossen. Die Minuten verstrichen, alles sah nach der zweiten Neckarsulmer Heim-Niederlage hintereinander aus.

Ein Hallo-wach-Effekt musste her. Es lief ja weder auf dem Spielfeld für die Neckarsulmer Sport-Union, noch daneben. Die Balljungen hinter dem Reutlinger Tor kickten mit dem Ersatzball, waren nicht wirklich bei der Sache. Die Reutlinger nutzten das gekonnt und clever. Der Sportliche Leiter Thorsten Damm spurtete also hinters Tor des SSV Reutlingen und brachte die Balljungs zurück ins Spiel. Auf dem Feld half den Neckarsulmern in der 90. Minute ein Strafraum-Foul des eingewechselten Florian Krajinovic an Yannick Eitelwein beim Stand von 0:2 weiter. Steven Neupert verwandelte vom Elfmeterpunkt zum 1:2-Anschlusstreffer in der 91. Minute.

Keine zwei Zeigerumdrehungen später lag der Ball schon wieder im SSV-Tor. Die Reutlinger ließen sich in letzter Sekunde auskontern. "Das ist mein Spiel, auf solche Bälle zu lauern", sagte Leon Rasic: "Steven Neupert spielt den Pass überragend, den muss ich machen."

Gewonnener Punkt, der trotzdem nicht zufrieden macht

Ein 2:2 nach einem 0:2-Rückstand bis in die 90. Minute. "Das ist natürlich ein gewonnener Punkt", sagte Marcel Busch. Von Jubelgeschrei oder Triumphgeheul waren die Unterländer allerdings weit entfernt. Denn: "Ich bin überhaupt nicht zufrieden mit den ersten 75 Minuten", sagte Marcel Busch. Erst mit der Brechstange gelang das ganz späte Comeback. Wobei Neckarsulmer Last-Minute-Tore in dieser Saison keine Zufallsprodukte sind.

Treffer auf den letzten Drücker sorgten gegen den FSV Bietigheim-Bissingen und den SV Oberachern für Heimdreier, nun retteten sie einen Zähler. "Das zeigt die Moral, die in unserer Mannschaft steckt", findet Noah Schorn. 18 Punkte aus zwölf Spielen sind eine ordentliche Bilanz, doch in der von Spielausfällen schiefen Tabelle durchaus trügerisch. Zudem überdeckt der gute Start den jüngsten Trend. 13 Zähler holten die Neckarsulmer in den ersten sechs Spielen - nur noch fünf in den sechs Spielen danach.


Neckarsulmer Sport-Union: Mai, Seybold, Mägerle, Fausel, Gebert (83. R. Neupert), Bellanave (64. Rasic), Müller (64. Eitelwein), Schorn, Gotovac, Bauer (55. Pander), S. Neupert. Tore: 0:1 (10.) Ganaus, 0:2 (67.) Ganaus, 1:2 (90.+1) Steven Neupert (Foulelfmeter), 2:2 (90.+3) Rasic . Schiedsrichter: Bollheimer. Zuschauer: 350.


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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