Nadine Nohr: Vom TSV Kochertürn in die Bundesliga

Fußball  Nadine Nohr spielte einst unter ihrem Mädchennamen Vogt für Klinge Seckach und Crailsheim in der Frauen-Bundesliga. Begonnen hatte die Karriere im Schlepptau der Jungs aus der Nachbarschaft.

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Nadine Nohr

Foto: privat

Vor 50 Jahren hob der deutsche Fußball-Bund das Frauenfußballverbot auf, doch erst zur Saison 1990/91 wurde die Bundesliga eingeführt. Auch aus der Region haben es Spielerinnen in diesen 30 Jahren immer wieder geschafft, sich in der höchsten deutschen Liga zu etablieren. Darunter Nadine Nohr aus Neuenstadt-Kochertürn, die unter ihrem Mädchennamen Vogt zwischen 1998 und 2009 erst für den SC Klinge Seckach und danach für den TSV Crailsheim in der ersten Liga auflief.

"Das war eine tolle und sehr schöne Zeit, die ich nicht missen möchte", blickt die 39-Jährige zurück. Viele Freundschaften sind entstanden. Unter anderem mit Weltmeisterin Melanie Behringer. Familienmensch Nadine Nohr lebt mit Ehemann Dennis und den Kindern Max (7) und Felix (4) in Kochertürn. War es früher der Sport, so ist sie jetzt in ihrer Rolle als Mutter und durch ihren Beruf als Business Development Manager in Öhringen bei der Firma Huber Packaging gefordert. Studiert hat Nohr Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Sportmanagement. Der Master Internationales Marketing folgte.

Im Schlepptau der Jungs ging es zum Sportplatz

"Mit meinem älteren Bruder Marcus und zwei älteren Jungs aus dem Nachbarhaus habe ich im Hof gekickt", erzählt Nadine Nohr von ihren Anfängen als "Straßenfußballerin". "Mit den Jungs war ich viel unterwegs und der Sportplatz ist ja auch nur zum Hinspucken weit weg. Ich glaube, denen hat es mit mir im Schlepptau nicht immer so viel Spaß gemacht, aber mir umso mehr."

Als Fünfjährige schloss sie sich der Jugend des TSV Kochertürn an. "Anfangs habe ich auf dem Platz auch schon mal Blümchen gepflückt", erinnert sich Nadine Nohr, die später in der D-Jugend mit ihrer Technik überzeugte. "Ich war auch Mannschaftskapitän. Das zeigt, ich war nicht nur eine Mitläuferin." Es folgte der Wechsel zu den C-Juniorinnen des SC Klinge Seckach, deren erste Frauenmannschaft damals in der 1. Bundesliga spielte. "Da begann der Stress für meine Familie. Zu Beginn zwei-, später dreimal in der Woche Training und am Wochenende die Spiele, das war schon ein immenser Zeitaufwand." Der "Familien-Support", der "Zusammenhalt" hat Nadine Nohr geprägt. Mal fuhr der Papa, mal die Mama, später auch der Bruder, und das trotz laufenden Betriebs in der familieneigenen Gaststätte "zum Ochsen".

Vom TSV Kochertürn in die Bundesliga

TSV Crailsheim, Saison 2006/07. Hinten von links: Karin Burger, Anna Bornhoff, Nadine Nohr, Tanja Wörle, Carolin Hörber, Ramona Treyer. Mitte: Teammanager Hubert Oechsner, Claudia Nusselt, Martina Honecker, Patricia Schwab, Sonja Guttropf, Katharina Wistel, Nadine Beck, Birgit Müller, Trainer Günther Wörle, Daniela Held . Vorne: Julia Manger, Carina Breunig, Stefanie Kübler, Rachel Howard, Ines Rechl, Stefanie Limbach.

Fotos: privat/Keller/Kurzer

Gegen Duisburg feierte sie Bundesliga-Premiere

Nohr schaffte den Sprung in die badische Auswahl. "Als 16-Jährige, im letzten Jugendjahr, durfte ich mit der ersten Mannschaft trainieren und dann auch spielen." Gegen Ende der Saison 1997/98 feierte das "Küken" gegen Duisburg Bundesliga-Premiere. Die Saison endete mit einer Niederlage bei Turbine Potsdam und dem Abstieg.

1999 folgte der Wechsel zum TSV Crailsheim. Es war eine Zeit geprägt von Auf- (2004 und 2006) und Abstiegen (2005 und 2009) zwischen erster und zweiter Liga und vier württembergischen Pokalerfolgen. Nohr wurde durch Verletzungen, darunter zwei Kreuzbandrisse, immer wieder zurückgeworfen und beendete 2009 ihre Karriere. Als "krasses Erlebnis" bezeichnet sie den Aufstieg 2006, als im entscheidenden Spiel Saarbrücken mit Nadine Keßler (Weltfußballerin 2014) vor 1500 Fans 2:0 besiegt wurde.

Sportlich war die Universade weniger erfolgreich

Ein Höhepunkt war 2007 die Teilnahme mit der Studenten-Nationalmannschaft an der Universiade in Thailand. "Das hatte etwas von Olympischen Spielen", berichtet Nohr von einer grandiosen Eröffnungsfeier. "Das deutsche Universiade-Team hat sich gegenseitig bei den Wettkämpfen angefeuert. Wir haben gegen Mannschaften wie Nordkorea, Chinese Taipei (Anm. Red.: vom Internationalen Olympischen Komitee konstruierter Name für Taiwan) und Neuseeland gespielt. Alles zusammen war das eine tolle Erfahrung", erzählt Nohr. Sportlich war das Turnier in Bangkok weniger erfolgreich. "Ziel war das Halbfinale", blickt Nohr auf das Aus in der Gruppenphase zurück.

Viel zu verdienen gab es in ihrer aktiven Zeit im Frauenfußball nicht, außer man gehörte zu den absoluten Topspielerinnen. "Es gab eine Aufwandsentschädigung. Von Geldverdienen war da nicht die Rede", mehr verrät die Kochertürnerin nicht. "Mich hat mal einer gefragt: Ja wie, du hast in der Bundesliga gespielt und gehst jetzt arbeiten?"

Der Fußball ist bei "Natze" dank ihrer zwei Söhne, die in der Jugend der SGM Stein/Neuenstadt/Kochertürn spielen, immer ein Thema. Da aktuell wegen Corona der Spielbetrieb ruht, gibt es familieninterne "Trainingseinheiten" im Hof oder auf dem Bolzplatz. Der Straßenfußball wird neu entdeckt.

Junggesellinnen-Abschied mit Jongliereinlagen finanziert

Ein Jahr nach ihrem Karriereende heiratete Nadine Vogt den Ilsfelder Fußballer Dennis Nohr. Der Junggesellinnen-Abschied in Heilbronn mit insgesamt 18 Mädels - dabei waren auch ehemalige Mannschaftskameradinnen aus Crailsheim sowie zwei Spielerinnen des SC Freiburg, darunter Weltmeisterin Melanie Behringer - wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis. Nohr bekam die Aufgabe gestellt, auf der Tour durch die Innenstadt Passanten zum Balljonglier-Duell herauszufordern. "Ich musste die Brautschuhe meiner Freundin Heike Hartmann anziehen", erzählt Nohr von erschwerten Bedingungen. Mit Hartmann, gebürtige Graz (ursprünglich vom SV Sülzbach), verbindet Nohr einige gemeinsame Jahre in Crailsheim. "Haben die Männer gegen mich verloren, musste sie einen Obolus in unsere Kasse entrichten." Der Nachmittag, der Abend und die Nacht wurden zu einem billigen Vergnügen. "Ich habe immer gewartet, wie viele Ballkontakte schafft der Mann, ich machte dann immer nur zwei oder drei mehr, um sie nicht ganz zu deprimieren", erinnert sich Nohr und lacht dabei. Bei Jonglierbestwerten von 1000 und mehr Ballkontakten musste sie keinen der als Opfer auserkorenen männlichen Duellanten fürchten. tok


Alexander Bertok

Alexander Bertok

Autor

Alexander Bertok arbeitet seit 1980 bei der Heilbronner Stimme, ab 1996 in der Sportredaktion.

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