Nach dem 5:1-Triumph in Dortmund ist beim VfB Stuttgart Charakter gefragt

Fußball  Der VfB Stuttgart will zu Hause gegen das Überraschungsteam Union Berlin wieder bei Null anfangen. Am zwölften Spieltag ist der Sprung auf einen Europa-League-Platz möglich, was Trainer Matarazzo aber nicht interessiert - sagt ein Journalist.

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Nur kurz war die sich selbst zugestandene Freude: Trainer Pellegrino Matarazzo (Mitte) hat nicht den Eindruck, dass seine jungen Spieler wie Roberto Massimo (rechts) nach dem 5:1 beim BVB abheben.

Foto: dpa

Für Gefühlsduselei ist in der Bundesliga kein Platz. Auch nicht kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe. Das 5:1-Fußballfest des VfB Stuttgart am Samstag mit dem Triumph bei Borussia Dortmund hat ein republikweites Echo gefunden, Engeln gleich klingt das Gloria. Bei Max Eberl, Sportdirektor beim Konkurrenten Borussia Mönchengladbach, tönte es am Samstag im Sportstudio des ZDF so: Der VfB sei als Aufsteiger "ein bisschen wie Phönix aus der Asche" aufgestiegen und spiele "bisher eine herausragende Saison".

Die Leistung der Stuttgarter war so außergewöhnlich, dass sie den BVB-Trainer Lucien Favre den Job gekostet hat. Beschäftigt das den Stuttgarter Kollegen Pellegrino Matarazzo? "Natürlich tut es mir leid, wenn ein Trainerkollege seinen Job verliert", sagte der Italoamerikaner am Montag in einer digitalen Pressekonferenz vor seinem zwölften Bundesliga-Spiel. "Aber mittlerweile wissen wir, dass es zum Geschäft gehört." Und deshalb wurde das 5:1 auch nicht groß gefeiert, sondern schnell zum Tagesgeschäft übergegangen: An diesem Dienstag (20.30 Uhr/Sky) geht es für den überraschenden Tabellensiebten gegen den überraschenden Tabellensechsten Union Berlin.

Laute Schreie, Telefonate und jetzt der Resetknopf

Er habe mit den Jungs in der Kabine kurz laut geschrien, die Stunden danach genossen und mit Familie und Freunden telefoniert, beschrieb der Stuttgarter Cheftrainer die besonderen Momente von Dortmund. "Wichtig ist aber, den Resetknopf zu drücken und Charakter zu zeigen." Drei Tage nach der Glanztat sportlich nachzulegen, das sei wahre Stärke. Die Euphorie des Umfeldes gehe man nicht mir, man wolle weiter in der eigenen stabilen Mitte bleiben, sagte Pellegrino Matarazzo. Das war immer wieder auch in etwa seine Wortwahl, wenn der VfB im späten Frühjahr dem Aufstieg in die Bundesliga ein, zwei weitere Schritte näher gekommen war.

Sie haben in der Tat schon einiges gewuppt bekommen, die neuen jungen Wilden des VfB Stuttgart. Den Aufstieg. Die Führung in der Auswärtstabelle mit zwei Unentschieden und vier Siegen, zuletzt das gloriose 5:1. Da können junge Menschen schon mal abheben. "Uns ist bewusst, dass das passieren kann", sagte Pellegrino Matarazzo. Aber deshalb habe er das am nächsten Tag thematisiert. Es gehe nun gegen Union Berlin darum, eine weiterhin selbstbewusste und weiterhin respektvolle Leistung abzurufen. Soll heißen: Nur unprofessionelle Profis glauben, dass ein Höhenflug einfach so weitergeht. Gerade gegen die Eisernen geht nichts einfach so. "Wir müssen an die Schmerzgrenze gehen. Das ist ein Spiel, das extrem zäh werden kann", sagte der VfB-Trainer, verwies auf die meisten geblockten Schüsse der Berliner in der Liga. "Es ist nicht zufällig, dass sie da oben stehen auf den internationalen Plätzen."

(Fang-)Frage- und Antwortspiel

Der Europapokal: Ein Journalist probierte es bei Pellegrino Matarazzo mit einer Fangfrage - in der Tat würde der VfB bei einem Sieg zumindest vorübergehend auf einen Europa-League-Platz springen: "Beschäftigen Sie sich damit, Herr Matarazzo?" Dessen Antwort: "Geben Sie selber die Antwort." "Nein, das interessiert mich überhaupt nicht!", sagte der Reporter. "Das war sehr nah dran", versicherte Pellegrino Matarazzo.

Sehr nah dran an der Startelf ist Stürmer Nicolas Gonzalez. Nach seiner Gelbsperre ist auch mit Kapitän Gonzalo Castro zu rechnen; und Pellegrino Matarazzo nennt den zuletzt verletzten Daniel Didavi als Option für den Kader. Fraglich ist der Einsatz von Abwehrchef Waldemar Anton, der von muskulären Problemen am hinteren Oberschenkel ruhig gestellt wird. So oder so macht die englische (Bundesliga-)Woche trotz des 5:1-Triumphes Veränderungen notwendig, so Pellegrino Matarazzo: "Wir brauchen jetzt alle Spieler, alles ist denkbar." Aber keine Gefühlsduselei. Nicht mal kurz vor Weihnachten.

Ehemaliger Fußball-Nationaltorwart Sawitzki gestorben

Der ehemalige Fußball-Nationaltorwart Günter Sawitzki ist tot. Wie sein langjähriger Verein VfB Stuttgart am Dienstag unter Berufung auf den engsten Familienkreis Sawitzkis vermeldete, war der frühere Bundesliga-Keeper bereits am Montag im Alter von 88 Jahren gestorben. Bis 1968 bestritt Sawitzki als Stammtorhüter über 400 Pflichtspiele für die Schwaben und gewann mit dem VfB 1958 den DFB-Pokal. Zwischen 1956 und 1963 lief er zudem zehnmal für die deutsche A-Nationalmannschaft auf und stand bei den Weltmeisterschaften 1958 und 1962 im Kader der DFB-Auswahl. Seine Karriere beendete der gelernte Maschinenschlosser 1971.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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