Manche Oberliga-Vereine dürfen trainieren, andere nicht

Fußball  Die Stuttgarter Kickers und der SGV Freiberg dürfen auf den Platz zum Trainieren, andere Oberligisten dürfen das nicht. Die Konkurrenz sieht damit die Chancengleichheit in Frage gestellt und plädiert für eine einheitliche Regelung.

Email

Am 12. September war die Fußball-Welt in der Oberliga noch in Ordnung. Die NSU, hier mit Steven Neupert (2. von links) und Philipp Seybold und Keeper Marcel Susser (rechts) besiegten den TSV Ilshofen 3:1. Doch am letzten Oktober-Wochenende kam die zweite Corona-Zwangspause in diesem Jahr.

Foto: Alexander Bertok

Wer darf in Corona-Pandemiezeiten seinen Sport ausüben und wer nicht? Was den Fußball betrifft ist geregelt, Profivereine dürfen trainieren und auch spielen. Nach heftigen Diskussionen wurde die Regionalliga Südwest als Amateurliga eingestuft, dort ruht der Ball. Nur in der Regionalliga West wird weiter eifrig gekickt, hier greift der Profi-Status. Was die Oberligen betrifft, gilt der Amateurstatus. Also: kein Training, keine Spiele.

Sondergenehmigung der Stadt

Doch seit vergangener Woche darf der Tabellenzweite Stuttgarter Kickers wieder auf den Übungsplatz, ausgestattet mit einer Sondergenehmigung der Stadt Stuttgart, auf Grundlage der professionellen Strukturen des Vereins. Auch die U19 und U17 trainieren wieder.

Inzwischen hat Spitzenreiter SGV Freiberg nachgezogen, darf ebenfalls wieder Übungsstunden abhalten. Die Stadt Freiberg hat dies unter Einhaltung des vorgelegten Hygienekonzeptes ebenfalls genehmigt. Anträge auf Sondergenehmigungen haben zudem der SSV Reutlingen, 1. CFR Pforzheim und der Göppingen SV gestellt. In Göppingen wurde sie abgelehnt. Der Verein darf nicht trainieren.

Örtliche Behörden sollen entscheiden, ob ein Team dem Profisport zugeordnet wird oder nicht

Auch der Württembergische Fußballverband (WFV) bezieht Stellung. "Nach der CoronaVO BW ist ein Trainingsbetrieb im Profisport zulässig. Es ist dabei Sache der jeweils örtlich zuständigen Ortspolizeibehörden darüber zu entscheiden, ob eine Oberligamannschaft dem Profisport im Sinne der CoronaVO BW zugerechnet wird oder nicht", heißt es in einer Mitteilung von WFV-Pressesprecher Heiner Baumeister.

"Profi- und Spitzensportler sind nach der Definition des Kultusministeriums BW 'Sportlerinnen und Sportler, die einen Arbeitsvertrag haben, der sie zu einer sportlichen Leistung gegen ein Entgelt verpflichtet und dieses überwiegend zur Sicherung des Lebensunterhalts dient.' In der Oberliga Baden-Württemberg können die örtlich zuständigen Behörden tatsächlich zu unterschiedlichen Ergebnissen für die jeweiligen Oberligisten kommen, worauf wir keinen Einfluss haben. Wir haben auch keine verbandsrechtliche Möglichkeit, ein Trainingsverbot auszusprechen."

WFV will für angemessene Vorbereitungszeit sorgen

Mit Blick auf einen fairen Wettbewerb will der WFV aber darauf achten, die nächsten Spiele der Oberliga Baden-Württemberg so anzusetzen, dass allen Teams eine angemessene Vorbereitungszeit bleibt.

"Irgendwo bin ich überrascht, heißt es doch Amateur-Oberliga", sagt Thorsten Damm, Sportlicher Leiter der Neckarsulmer Sport-Union, und spricht von einer "internen Schieflage" und "fehlender Gleichbehandlung", zeigt aber was die beiden "Alpha-Tiere" betrifft, ein gewisses Verständnis. "Wenn 80 oder 90 Prozent der Spieler nicht arbeiten gehen, ist das schon Profitum."

Die Sport-Union könnte unter Zugzwang geraten

Doch tut sich Damm mit der Definition eines Profis (Entgelt zur Sicherung des Lebensunterhaltes) schwer. Schließlich gibt es auch in anderen Oberliga-Vereinen Spieler, die nicht voll berufstätig sind oder studieren. "Diese sind auf die Oberliga-Gelder angewiesen, die haben das eingeplant", sagt Damm. "Bei uns wäre ein Antrag auf eine Sondergenehmigung aber wohl eher nutzlos."

Doch ist für Damm auch klar, versehen sich weitere Oberliga-Clubs mit einer Ausnahme-Regelung, "kommen wir unter Zugzwang. Fällt in den nächsten Tagen aber die Entscheidung, 2020 wird nicht mehr gespielt, brauchen wir auch keinen Antrag zu stellen."

Ilshofens Vorsitzender hat kein Verständnis für das Vorgehen der Kickers

Ähnlich sieht es auch Dario Caeiro, Vorsitzender Fußball-Herren beim Hohenloher Club TSV Ilshofen. Falls es klare Signale für Spiele im Dezember gibt, will aber auch er sich um eine Trainings-Genehmigung kümmern. "Ansonsten gehen wir in die Winterpause", sagt er. Kein Verständnis hat Caeiro hingegen für das Vorgehen der Kickers: "Vor einigen Wochen haben sie sich mit dem gewollten Eigentor gegen Nöttingen noch als Fair-Play-Verein dargestellt. Und dann preschen sie mit der Ausnahmegenehmigung als einziger Oberligist so vor. Dass die anderen nun nachziehen, ist in Ordnung und verständlich." Aber schon jetzt ist die Chancengleichheit in Frage gestellt. "Egal wie man zu Corona steht, ich glaube nicht, dass wir in der Oberliga den Stellenwert haben, einen Riesendruck aufzubauen", sagt Caeiro.

Weniger gemäßigt sieht man die Sache beim 1. CfR Pforzheim. "Wir wollen jetzt auch eine solche Ausnahme-Genehmigung zum Training", pocht der Pforzheimer Trainer Fatih Ceylan auf Chancengleichheit. Der 39-Jährige entstammt der Jugend des VfR Heilbronn und war einst auch beim SV Schluchtern. "Der eine darf, der andere nicht, das ist eine klare Wettbewerbsverzerrung", sagt Ceylan. "Entweder es dürfen alle Oberligavereine trainieren oder keiner."  So klar ist die Sache aber nicht

Oberliga-Spiele an Weihnachten

Ruht in Deutschland über die Weihnachtsfeiertage generell der Spielbetrieb, so wird in der englischen Premier League traditionell am Boxing Day gespielt. Geht es nach einigen Vertretern der Vereine aus der Oberliga Baden-Württemberg, wäre dies auch für die fünfthöchste Liga in dieser Saison eine Option. Über diese und andere denkbare Varianten wie der Playoff-Playdown-Modus wurde in der vergangenen Woche bei einer Oberliga-Videokonferenz diskutiert. "Die Mehrheit der Oberligavereine ist dafür, so früh als möglich wieder weiterzuspielen", berichtet der Sportliche Leiter der Neckarsulmer Sport-Union, Thorsten Damm, dass es Vereinsvertreter gibt, die in diesem Jahr noch "vier Spieltage absolvieren wollen unter Einbeziehung der Weihnachtsfeiertage". Doch wer glaubt schon daran, dass im Jahr 2020 nochmals angetreten werden kann? Dario Caeiro vom TSV Ilshofen ist jedenfalls skeptisch. Er hat sich schon im Sommer für das Playoff-Playdown-Modell ausgesprochen. An seiner Meinung hat sich nichts geändert. "Durch die Entscheidung, mit 21 Teams in die Runde zu gehen, gab es ja schon von Beginn an kaum freie Termine. Unsere Jungs arbeiten alle, da ist es schwer, ständig Samstag-Mittwoch spielen zu müssen. Ich glaube nicht, dass wir eine normale Runde durchbekommen." Zumal keiner weiß, ob es nicht weitere Zwangspausen geben wird. 


Alexander Bertok

Alexander Bertok

Autor

Alexander Bertok arbeitet seit 1980 bei der Heilbronner Stimme, ab 1996 in der Sportredaktion.

Marc Schmerbeck

Marc Schmerbeck

Autor

Marc Schmerbeck ist seit 2009 zuständig für den Sport in Hohenlohe. Als Heilbronner geht sein Blick aber auch über jegliche Grenzen hinweg.

Kommentar hinzufügen