Kempf ärgert sich über die Pfiffe bei der Fan-Rückkehr

Fußball  VfB-Verteidiger mosert die Zuschauer nach der 2:3-Heimspielniederlage gegen den SC Freiburg an. Maskenpflicht wird weitgehend eingehalten.

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Von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr diszipliniert in der Einhaltung der Hygieneregeln: Es dürfen wieder Fans in die Mercedes-Benz-Arena.

Foto: dpa

Am Schluss gab es eine Watschn vom Ex-Kapitän. Marc Oliver Kempf war keineswegs begeistert von der Rückkehr der Fans ins Stuttgarter Stadion. Es sei "schade, wenn man direkt im ersten Spiel Pfiffe kassiert", motzte der VfB-Verteidiger kurz nach der 2:3-Niederlage gegen den SC Freiburg ins Fernsehmikrofon.

Immerhin, bevor er in Badelatschen vom Spielfeldrand zurück in den Kabinentrakt schlurfte, den Kopf gesenkt, hadernd mit dem Frusterlebnis in der Premierenpartie beim VfB-Comeback in der Erstklassigkeit, hatte Kempf noch ein paar versöhnliche Worte formuliert. "Schön" sei gewesen, dass die 7123 Fans in der Arena den VfB am Ende "nach vorne gepeitscht" hätten.

Erstmals Fans seit dem Lockdown im März

Ja, als der Aufsteiger ab der 60. Minute richtig ins Rollen kam und aus dem 0:3 ein 2:3, beinahe sogar ein 3:3 machte, da gab es positives Feedback von den Tribünen. Erstmals seit dem Coronavirus-Lockdown im März hatten wieder Fans dabei sein dürfen. Maximal 8000. Und dauerhaft mit Masken vor den Gesichtern, das war die strikte Vorgabe gewesen.

Die Rückkehr dieser paar Tausend war gewiss noch kein Schritt zurück zur Normalität früherer Zeiten. Aber es war ein gelungener Versuch. Das Publikum in Stuttgart zeigte sich von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr diszipliniert in der Einhaltung der Hygieneregeln. Und die Stimmung in der Mercedes-Benz-Arena war zwar weit entfernt von einstigen schwäbisch-badischen Duellen, doch es hallte mal wieder vielstimmiger Jubel durchs Oval. Es gab Fangesänge. Und da war ein lebendiger Rahmen, wo bei den Geisterspielen des vergangenen halben Jahres nur eine große Leere die Emotionen auf dem Rasen absorbiert hatte.

Der Schwabe wird halt zum Bruddler geboren

Aber es waren eben auch Pfiffe zu hören, als der VfB schwuppdiwupp eins, zwei, drei Gegentore kassierte, als die freudigen Erwartungen der Fans ins Bodenlose abrutschten. Der Schwabe wird halt zum Bruddler geboren. Daran kann der gebürtige Hesse Marc Oliver Kempf nichts ändern.

Mannschaftskapitän ist er zwar nicht mehr, aber der meinungsstarke Abwehrmann war mit der Spielführerbinde vom Feld gegangen. Als der neue Käpt"n Gonzalo Castro ausgewechselt wurde, hatte erst Marcin Kaminski die Binde übernommen, als auch der ersetzt wurde, war Kempf dran gewesen. Im Sky-Interview stellte er sich dann schützend vors Team, "gerade mit den ganzen jungen Leuten, die schon verunsichert genug waren. Da müssen wir auch vom Publikum ein Stück weit erwarten, dass sie uns verstehen und sie uns lieber mehr nach vorne pushen." Die Pfiffe, nein, die wollte der Verteidiger ganz und gar nicht verstehen. Denn: "Das wird eine schwere Saison."

Komplett im Freien, aber mit Maske

Kempf meinte dies mit Blick auf den Kampf um den Klassenerhalt. Doch Schwierigkeiten macht weiterhin auch die Coronavirus-Pandemie. Keiner weiß, wie der Herbst und Winter verlaufen werden. Jutta Gumbert jedenfalls war mit gemischten Gefühlen aus Hattenhofen im Kreis Göppingen nach Stuttgart zum Spiel gefahren. Die Dauerkarteninhaberin hatte eines der personalisierten Sondertickets für die erstmalige Fan-Rückkehr bekommen und stand zwar voller Vorfreude vor dem Stadion, aber mit der kurzfristig verkündeten Maskenpflicht auch am Sitzplatz haderte sie ebenso wie ihr Mann Rolf. "Wir sind keine Maskengegner, aber diese Regelung sollte wieder weg. Man ist doch hier komplett im Freien. Und wer im Biergarten sitzt, muss auch keine Maske im Gesicht haben."

Es war plötzlich gekommen, dass von der Politik doch wieder Zuschauer in den Stadien zugelassen wurden. Stephan Werner, in Stuttgart geboren, im Egloff-Trikot aus Karlsruhe zum Spiel des VfB gekommen, hat Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war. "Mir ging es ein bisschen zu schnell." Von 0 auf 8000, im kommenden VfB-Heimspiel dann 12 000. Das ist der Plan. Aber Werner ließ sich letztlich von der Sehnsucht leiten, den VfB mal wieder live im Stadion zu sehen.

Dass es keinen Sieg des VfB Stuttgart gab: bitter. Die Enttäuschungs-Pfiffe: Normalität in gänzlich unnormalen Zeiten.


Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

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