Ist der deutsche Fußball noch ein Spitzenprodukt?

Fußball  Alle Bundesligisten sind raus aus der Champions League und Europa League, die Nationalmannschaft verliert gegen Nordmazedonien. Ein Pro und Contra zum deutschen Fußball von zwei Stimme-Redakteuren.

Email

Pro
Von Andreas Öhlschläger

Man könnte jetzt heulen, jammern, wehklagen. Keine Bundesliga-Mannschaft ist mehr dabei, wenn es im Europapokal in die ganz heiße Phase geht. Borussia Dortmund und der FC Bayern München sind als letzte deutsche Teams im Viertelfinale der Champions League ausgeschieden, für Bayer Leverkusen und die TSG Hoffenheim war in der Europa League sogar schon im Sechzehntelfinale Schluss. Und Jogis Jungs? Puuh! Wer gegen Nordmazedonien verliert, kriegt bei der Europameisterschaft, wenn es gleich gegen Schwergewichte wie Frankreich und Portugal geht, doch ganz sicher nix hin. Wirklich nicht?

2018, als Frankreich Weltmeister wurde, tat sich die Equipe Tricolore in der Gruppenphase schwer. Da war kein Glanz zu sehen. Und 2016, als Portugal Europameister wurde, kam das Team als rumpeliger Dritter seiner Gruppe mit drei Remis weiter. Die deutsche Nationalelf kann bei der EM weit kommen, vielleicht sogar den Titel holen, wenn sie beim Abschied von Bundestrainer Joachim Löw eine gute Turniermentalität entwickelt. Es kommt nicht auf irgendwelche Vorschusslorbeeren an.

Und der FC Bayern wäre mit Robert Lewandowski auf dem Platz vielleicht nicht knapp aus der Champions League eliminiert worden. Es braucht auf ganz hohem Niveau immer auch ein bisserl Glück und das Wohlwollen des Fußballgotts. Ja, in der europäischen Güteklasse 1a findet man deutsche Mannschaften momentan nicht. Aber das heißt nicht, dass der hiesige Fußball gar nichts mehr taugt.

 

Contra
Von Lars Müller-Appenzeller

Der deutsche Fußball war 2020 wieder wer: Erst schenkte er der Sportwelt im Mai und Juni eine Perspektive mit einem funktionierenden Coronakonzept, stellte im August drei Trainer im Halbfinale der Champions League, die vom FC Bayern München triumphal gewonnen wurde, und erlebte diese drei magischen Nächte Anfang November, als alle sechs Europapokalstarter gewannen (bei einem Torverhältnis von 26:5) und in ihren Vorrundengruppen Tabellenführer waren beziehungsweise punktgleich mit dem Ersten. Corona schien den kranken Fußball mit seinen wahnwitzigen Ablösesummen und Gehältern gesundzuschrumpfen, der deutsche Weg schien die Zukunft zu sein. Nein, so ist es nicht gekommen, so wird es nicht kommen.

Mit dem deutschen Fußball ist es 2021 wie mit der deutschen Impfkampagne in der Pandemie: Es war so viel Hoffnung da – aber die Strukturen und Absprachen sind unprofessionell. Dass die deutsche Nationalmannschaft murkst, verwundert nicht, schaut man auf den zerstrittenen Deutschen Fußball-Bund, der Bundestrainer Joachim Löw allerspätestens nach dem 0:6 Mitte November gegen Spanien hätte zum Rücktritt nötigen müssen. Dass der Nationalelf als auch den Proficlubs überdurchschnittlich gute Nachwuchsspieler fehlen, hat (noch) nichts mit Corona zu tun. 

Fußball made in Germany ist nach wie vor ein gutes Produkt. Aber es glänzt nicht mehr, es hat seine Basis verloren: die Fans. Corona hat diese Entfremdung beschleunigt. Wenn Zuschauer wieder erlaubt sind, werden die Stadien nicht mehr voll sein.


Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

Kommentar hinzufügen