Innerhalb von fünf Jahren aus Liga sieben zum HSV-Profi: Die Geschichte des Heilbronner Fußballers Maximilian Rohr

Fußball  Der ungewöhnliche Karriereweg eines Heilbronners, der 2016 noch in der Landesliga für den VfB Eppingen kickte: Was der Zufall, ein Wachstumsschub und Tim Walters Prognosefähigkeiten mit der Karriere von HSV-Profi Maximilian Rohr zu tun haben.

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Auf Heimatbesuch mit Freundin Julia als Gast im Neckarsulmer Pichterichstadion. Foto: Andreas Veigel

Es ist wohl nicht die allerschlechteste Idee, sich dieses besondere Souvenir aufzubewahren. Gemeint ist jene kleine Metallplatte, die mit acht Schrauben zwei Jahre lang das Schlüsselbein von Maximilian Rohr fixierte. Vor zehn Tagen wurde das Ding bei einer Operation in Hamburg entfernt. "Vielleicht ist das ja mal richtig etwas wert", sagt Freundin Julia - und lacht.

Die Fußballkarriere von Maximilian Rohr aus Heilbronn hat schon etwas von einem Märchen. Es hat ihn im Alter von 26 Jahren die ersten fünf Zweitligaspiele als Fußballer des Hamburger SV absolvieren lassen. Der Weg aus Liga sieben in Liga zwei innerhalb von fünf Jahren ist weit, kaum einer geht ihn. "Das ist definitiv ungewöhnlich", findet Maximilian Rohr.

Mit 16 war er zu klein, zu schmächtig

"Hier hast du noch vor zweieinhalb Jahren mitgekickt", erinnerte sich am Samstagnachmittag Freundin Julia beim Oberligaspiel der Neckarsulmer Sport-Union gegen seinen Ex-Club SSV Reutlingen an die nicht allzu ferne Vergangenheit. "Es konnte ja keiner ahnen, dass das noch so explodiert", sagt Maximilian Rohr, der einst bei der TSG Heilbronn begann und zurückblickt auf seine Anfänge. Der Karlsruher SC sortiert ihn als 16-Jährigen aus. Zu klein, zu schmächtig, zu wenig robust: Durchs Raster gefallen.

Beim FC Astoria Walldorf folgt ein Jugend-Jahr ohne Spielpraxis: "Ich wollte mit Fußball aufhören." Sein Vater überredet ihn, beim VfB Eppingen den verlorenen Spaß zu suchen - und zu finden. Rohr junior schießt mit 18 Jahren 20 Zentimeter in die Höhe, wird dadurch zum 1,95-Meter-Innenverteidiger. "Körperlich war ich trotzdem ein Hemd", sagt Rohr, der im Training nicht immer an sein Limit ging. Es sei schon damals zu erkennen gewesen, dass er ein richtig guter Fußballer ist, erinnert sich sein Eppinger Trainer, Marco Unser: "Er ist einfach ein bisschen durchs Raster gefallen."

Wegen seiner heutigen Freundin bewirbt er sich beim SSV Reutlingen

Nach zwei Jahren Männer-Fußball mit dem VfB Eppingen und der Meisterschaft in der Landesliga Rhein/Neckar bewirbt sich Rohr 2016 per E-Mail (!) beim SSV Reutlingen. Warum? Seine Julia studiert in Reutlingen. "Damals war sie noch nicht meine Freundin, aber ich habe darauf spekuliert", sagt Maximilian Rohr. Beide Bewerbungen sind erfolgreich.

Der SSV hat eigentlich nur Platz in der zweiten Mannschaft, doch der junge Mann aus Heilbronn-Sontheim wird schnell zum Leistungsträger in der Oberliga-Elf. Im Sommer 2018 steht Rohr schon bei Oberligarivale Neckarsulmer Sport-Union im Wort. Ein Ausbildungsangebot eines weiteren Oberligisten (SGV Freiberg) kommt dazwischen. Die damals begonnene Lehre als Bürokaufmann schließt Rohr nun in diesem Winter in Hamburg ab.

Ein schnelles Urteil und ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Der Sprung in den Profifußball ist wieder mit Zufall verbunden. Beim letzten, vorverlegten Freiberger Oberliga-Saisonspiel im Sommer 2019 in Friedrichstal schaut Lukas Kwasniok als neuer Trainer des Drittligisten FC Carl Zeiss Jena zu. Er meldet sich umgehend bei der sportlichen Führung seines Clubs: Diesen Rohr, den müsse man unbedingt verpflichten. Der Satz von der 5. in die 3. Liga gelingt überraschend schnell.

Innerhalb von fünf Jahren aus Liga sieben zum HSV-Profi: Die Geschichte des Heilbronner Fußballers Maximilian Rohr

Eppinger Landesliga-Torschütze im Jahr 2015 gegen die SG Wiesenbach. Foto: Archiv/Krüger

Am Ende steht aber trotzdem der Drittliga-Abstieg und im Spätsommer 2020 ein Angebot des Hamburger SV im Raum. Über die zweite Mannschaft wird ihm ein Weg ins Zweitligateam aufgezeigt. "Wenn du die Chance hast, beim HSV zu kicken, dann schlägst du das nicht aus", sagt Maximilian Rohr über den Ärger mit Jena, das mehr Geld vom HSV möchte, sich von Rohrs Wunsch erpresst fühlt.

Der Wechsel klappt doch noch, aber immer wieder verhindern Muskelfaserrisse den Sprung in den Zweitligakader - und die Pandemie den Spielbetrieb des HSV II in der Regionalliga. Mit drei zusätzlichen Krafteinheiten pro Woche arbeitet der Neue an seinen Defiziten: "Das Mentale, das macht so viel mehr aus als Talent. Den Kopf frei haben, diese Komponente wird im Fußball noch gar nicht ausgeschöpft."

Tim Walter wusste es schon vor über zehn Jahren

Der Zufall will es, dass im Sommer 2021 ein Mann Trainer beim Hamburger SV wird, der schon dem 15-jährigen Rohr in der Jugend des KSC prophezeite: "Mach dir keine Sorgen, du wirst mal Fußball-Profi." Rohr darf die Sommer-Vorbereitung mit den Profis absolvieren und hinterlässt Eindruck, weil er (fast) alles spielen kann. "Maxi ist sehr vielseitig einsetzbar", lobt Tim Walter. "Im Sommer habe ich gemerkt, dass es klappen könnte", sagt die Allzweckwaffe.

Innerhalb von fünf Jahren aus Liga sieben zum HSV-Profi: Die Geschichte des Heilbronner Fußballers Maximilian Rohr
Erstes Zweitligaspiel, erste Vorlage: Maximilian Rohr (rechts) jubelt hier im Juli über das HSV-Tor zum 2:1 beim Sieg gegen Schalke 04. Foto: dpa

Beim Saisonauftakt auf Schalke wird der Innenverteidiger als linker, offensiver Außenspieler eingewechselt und legt prompt das Hamburger 2:1 auf. In der Nacht danach macht er kein Auge zu. Rohr ist nun Zweitligaprofi. "Das Wichtigste ist, dass die Leute mich noch so sehen wie vor zwei Jahren. Wenn Fans ein Autogramm von mir wollen, dann ist mir das noch völlig fremd", sagt er bei seinem Drei-Tages-Aufenthalt in der Heimat.

Es folgen Einwechslungen, das Startelf-Debüt. Mal als Innenverteidiger, mal als Sechser. Zwei Tage vor dem Derby gegen Werder ist das HSV-Training eigentlich schon vorbei. Ein letzter Schuss noch ins Tor. Maxi(males) Rohr. Erneut reißen Muskelfasern im Oberschenkel, die Zwangspause nutzt der 26-Jährige, um die eh notwendige Entfernung der Metallplatte in der Schulter vorzuziehen. In zwei, drei Wochen will er zurück sein.

Vielleicht zum Gastspiel beim Karlsruher SC, Anfang November, wo Maximilian Rohr einst Balljunge im Wildparkstadion war. "Bei seinem Weg ist auch die Bundesliga noch möglich", sagt Ex-Trainer Marco Unser. Im Aufstiegsfall wäre im HSV-Museum noch ein Plätzchen frei für diese kleine Metallplatte aus Rohrs Schulter.

 

Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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