Hoffenheims Trainer Gallai: "Wir kämpfen immer noch um unsere Daseinsberechtigung"

Fußball  Der Cheftrainer der Bundesliga-Frauen spricht im Interview über den Stellenwert des Frauenfußballs nach dem Vogel-Theater, leere Worte und die Lage bei der TSG. Bleiben die Hoffenheimerinnen Dritte, spielen sie kommende Saison in der Champions League.

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Nach fünf Jahren als Co-Trainer hat Gabor Gallai im Sommer die Nachfolge von Jürgen Ehrmann als Chefcoach der Bundesliga-Frauen angetreten.

Foto: imago images/Loerz

Unfreiwillig ist der Frauen-Fußball zuletzt in den Fokus gerückt. Nach dem verbalen Aussetzer von Borussia Mönchengladbachs U 23-Trainer Heiko Vogel, der als "Strafe" die Leitung von sechs Trainingseinheiten bei Frauen zur Folge hat, entwickelte sich eine Debatte über die Rolle der Frauen im Fußball. In einem Offenen Brief machten viele Spielerinnen deutlich, dass sie sich diskriminiert fühlen. Vor dem Heimspiel am Sonntag (14 Uhr) gegen die SGS Essen in der Bundesliga sprachen wir mit dem Hoffenheimer Cheftrainer Gabor Gallai über den Frauenfußball.

 

Herr Gallai, der Frauenfußball stand zuletzt unfreiwillig im Fokus. War das Ganze bei Ihnen im Team Thema?

Gabor Gallai: Um ehrlich zu sein nicht. Ich habe es nur am Rand mitbekommen, weil unsere Spielerin Nicole Billa in einem Fernseh-Interview darauf angesprochen wurde. Aber intern haben wir es nicht thematisiert.

 

War es das nicht wert?

Gallai: Nachdem der Brief der Frauen rausgegangen ist, hat man sich noch einmal damit auseinandergesetzt. Es ist wichtig, dass das Thema angesprochen wird und die Mädels für ihre Rechte einstehen - und sich wehren. Wir wollen ja ernst genommen werden.

 

Was sagt die Diskussion über den Stellenwert des Frauenfußballs? Sind wir nicht so weit, wie wir gerne tun?

Gallai: Wir reden viel darüber, dass der Frauenfußball vorangetrieben werden und ernst genommen werden soll. Aber im Endeffekt bleibt es häufig leider bei leeren Worten. Es passiert insgesamt zu wenig. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir müssen beispielsweise präsenter in den Medien werden, kämpfen aber meist immer noch um unsere Daseinsberechtigung.

 

Was sagt das über die Entwicklung in unserer Gesellschaft aus?

Gallai: Schwer zu sagen. Es gibt immer noch Leute, die Frauen- und Männerfußball vergleichen. Im Pokalspiel zuletzt ist unserer Torhüterin ein unglücklicher Fehler unterlaufen. Da heißt es in Kommentaren im Internet: typisch Frauenfußball.

 

Wieso lässt sich es nicht vergleichen?

Gallai: Es ist zwar dieselbe Sportart, wird aber einmal von Männern und einmal von Frauen ausgeführt. Wenn ein Frauen-Bundesligist gegen einen Männer-Landesligist verliert, ist das einfach so, weil Männer eine andere Athletik haben. Der Vergleich hinkt, insofern müssen wir da immer noch Pionierarbeit leisten.

 

Was bedeutet es für Sie, mit Fußballerinnen zusammenzuarbeiten?

Gallai: Mir macht es sehr viel Spaß, mit den Mädels zu arbeiten. Sie sind sehr akribisch und in der Lage, die Dinge, die wir vorgeben, sehr zügig umzusetzen. Sie sind proaktiv, hinterfragen die Dinge, spielen sehr intelligent. Ich komme aus dem Männerfußball, war acht Jahre im Amateurbereich tätig. Am Anfang konnte ich mir die Arbeit im Frauenfußball auch nicht unbedingt vorstellen. Ich war aber nie voreingenommen. Und trotzdem hat sich mein Bild gegenüber dem Frauenfußball verändert.

 

Also ist es ein Privileg?

Gallai: Diesen Job gibt es nur zwölf Mal in Deutschland. Also ja. Mich freut es, einer von diesen zwölf Bundesligatrainern zu sein. Das ist eine Aufgabe, an der man wachsen kann.

 

Sie sind in ihrem ersten Jahr als Cheftrainer der TSG aktuell Dritter. Hatten Sie sich das so vorgestellt?

Gallai: (lacht) Ja, habe ich. Ich bin ja schon länger da, habe die Entwicklung der letzten paar Jahre gesehen. Wir fahren jetzt die Ernte dafür ein, dass wir in der Vergangenheit viele Dinge richtig gemacht haben.

 

Der Rückstand zum Spitzenduo München und Wolfsburg ist groß. Ist Platz drei das maximal Mögliche?

Gallai: Aktuell ja. Die zwei da oben haben noch einmal ganz andere Voraussetzungen.

 

Und über diese Saison hinaus?

Gallai: Unser Ziel in den nächsten Jahren ist zum einen, diesen dritten Platz zu festigen. Zum anderen wollen wir aber auch den Abstand nach oben verringern. Wir sind auf jeden Fall schon näher herangerückt - gerade an Wolfsburg. Das sind mittlerweile 50:50-Spiele.

 

Mit Tabea Waßmuth und Lena Lattwein verliert die TSG nach der Runde zwei Leistungsträgerinnen ausgerechnet an den VfL Wolfsburg. Kann die TSG das kompensieren?

Gallai: Unser Ziel muss auf Dauer sein, solche Spielerinnen zu halten. Das gelingt uns aktuell nicht immer, weil Adressen wie Wolfsburg und München ein Magnet sind. Dennoch sind wir ein sehr interessanter Verein für talentierte Spielerinnen. Unser Ziel muss sein, dass wir weiter hoch talentierte Spielerinnen kriegen, entwickeln und längerfristig halten.

 

Da passt es gut, dass sich der Bundesliga-Dritte für die Champions-League-Qualifikation qualifiziert. Ein weiteres Argument für die TSG ?

Gallai: Ja, absolut. Die Spielerinnen, die nach Hoffenheim kommen, wollen sich für die Nationalmannschaft empfehlen und wollen international spielen. Es ist ein Argument für uns, deswegen wäre es schön, wenn wir diesen dritten Platz halten könnten.

 

Anbrennen dürfte nichts mehr, oder?

Gallai: Sechs Spiele sind es noch, also sind noch 18 Punkte zu vergeben. Wir haben fünf Punkte Vorsprung, das ist eine gute Ausgangsposition. Aber wir haben auch noch einige schwere Aufgaben vor uns.


Martin Peter

Martin Peter

Autor

Über Umwege ist Martin Peter im August 2017 bei der Heilbronner Stimme gelandet. Der gebürtige Norddeutsche lebte davor lange Zeit am Alpenrand und berichtet nun über Eishockey und das sportliche Geschehen im Kraichgau.

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