Hoffenheimer Frauen-Coach: "Das letzte Wort habe ich abgeben müssen"

Interview  Jürgen Ehrmann trägt beruflich gleich doppelt große Verantwortung. Der Trainer der Hoffenheimer Bundesliga-Frauen ist auch Berufschullehrer - und deshalb aktuell für seine Prüflinge da. Das ist eine außergewöhnliche Konstellation, denn an der Quarantäne seines Teams konnte er dadurch nicht teilnehmen.

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Foto: imago images/foto2press

Es geht wieder los - und zwar gleich richtig. Beim Re-Start der Frauen-Bundesliga müssen die Frauen der TSG Hoffenheim am Samstag, 13 Uhr, beim FC Bayern München zum Verfolgerduell ran. Es geht um viel. Und ausgerechnet jetzt kann Trainer Jürgen Ehrmann nicht dabei sein.

Herr Ehrmann, zwischen der Entscheidung, dass die Saison fortgesetzt wird und dem Re-Start liegen gerade mal zehn Tage: Kann das gut gehen?

Jürgen Ehrmann: Letztlich haben sich alle auf eine Fortsetzung vorbereitet. Es hat nur die Entscheidung gefehlt. Als die dann kam, waren wir nicht untrainiert. Das Mannschaftstraining läuft jetzt in der dritten Woche, davor haben wir fünf Wochen in Kleingruppen trainiert. Selbst im Lockdown durften die Mädels raus.


Die Mannschaft ist fit, es kann guten Gewissens losgehen?

Ehrmann: Wir freuen uns sehr, dass es nun wieder losgeht. Klar ist das jetzt eine sportliche Herausforderung, wenn man bedenkt, wie lange nicht gespielt wurde. Aber wir achten sehr auf die Belastung und die Gesundheit der Spielerinnen.


Aber alle begrüßen, dass es nun weitergeht?

Ehrmann: Am Anfang war auch bei uns ein wenig Unsicherheit zu spüren. Es gibt aber mittlerweile in allen Lebensbereichen Lockerungen, außerdem haben wir großes Vertrauen in das Hygienekonzept, das uns den Re-Start ermöglicht. Von daher freuen sich jetzt alle, dass die Runde sportlich zu Ende gebracht wird.


Inwiefern ist der Neustart eine Chance für mehr mediale Präsenz?

Ehrmann: Für den Stellenwert des Frauen-Fußballs ist der Start in dieser Phase natürlich gut. Aber natürlich ist klar, dass die Stimmung in einem leeren Stadion auch nicht mehr so begeisternd ist.


Ohne dem Frauen-Fußball zu nahe zu treten: Wahnsinnig viel los ist auf den Rängen sonst auch nicht, oder?

Ehrmann: Wir haben doch auch einen Fanclub und Zuschauer, die immer kommen. Wenn du Glück hast, kommen mal 2000, und mal nur 600. Trotzdem ist da Stimmung, da ist es schon was anderes, wenn ein Stadion leer ist. Das hat bei uns dann jetzt eher Testspiel-Atmosphäre.


Los geht es am Samstag mit dem Spitzenspiel beim FC Bayern: Ist das Spiel zu diesem Zeitpunkt ein Nachteil?

Ehrmann: Das kann ich Ihnen nach dem Spiel erst sagen (lacht). Es ist aber für beide gleich: Keiner hat vorher gespielt, beide haben zum gleichen Zeitpunkt aufgehört. Im Endeffekt ist es egal.


Es geht aber schon noch um Platz zwei und die Qualifikation um die Champions League?

Ehrmann: Ganz genau. Das haben wir uns vor der Saison zwar gar nicht als Ziel gesetzt. Es wäre ja vermessen gewesen, uns auf die Augenhöhe von Wolfsburg und Bayern zu stellen. Die Saison hat es aber jetzt so erbracht, das wollen wir mitnehmen.


Inwiefern hat die kurze Anlaufphase ohne Testspiele Auswirkungen auf die Vorbereitung?

Ehrmann: Was gefehlt hat, waren die Zweikämpfe, die kamen jetzt erst wieder dazu. Und das Spiel elf gegen elf. Du kannst trainieren, was und so viel du willst: Ein Spiel elf gegen elf ist noch einmal was anderes.


Ist das taktisch ein Problem, sie konnten nichts ausprobieren?

Ehrmann: Wir hatten ja noch Zeit. Durch die Quarantäne konnten wir mehr trainieren als sonst.


Seit Sonntag ist Ihr Team in Quarantäne - ohne Sie. Warum?

Ehrmann: Ich bin Berufsschullehrer, in der Schule fehlen jetzt Kollegen, weil sie oder Familienangehörige zur Risikogruppe gehören. Unsere Schüler stehen kurz vor den Prüfungen, da war klar, dass ich das machen muss. Die Schule darf nicht unter dem Fußball leiden.


Und der Fußball?

Ehrmann: Der darf auch nicht leiden. Aber das ist jetzt eine außergewöhnliche Situation. Klar, der erste Gedanke war: So ein Mist, jetzt fehle ich ausgerechnet gegen Bayern und kann die ganze Woche nicht da sein. Es ist aber gar nicht so schlimm, die Mannschaft ist in guten Händen.


Inwiefern haben Sie trotzdem bei der Vorbereitung mitgemischt?

Ehrmann: Bis Sonntag war ich normal dabei. Für die Spielvorbereitung haben Gabor (Trainer Gallei, Anm. der Red.) und ich einen Plan entworfen, den er jetzt umsetzt.


Wer hat bei der Aufstellung das letzte Wort: Sie oder Ihr Trainerkollege?

Ehrmann: Das habe ich abgeben müssen. Sonst lassen wir beide unsere Trainingseindrücke einfließen. Jetzt sehe ich das Training nicht. Da wäre es ja blödsinnig, wenn ich jetzt sage, wer spielt - und wer nicht.


Wie werden Sie das Spiel verfolgen?

Ehrmann: Das ist noch nicht ganz sicher. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten. Die Mannschaft sehe ich aber nicht, das lassen wir schön bleiben. Vielleicht kann ich mit ins Stadion. Notfalls auf dem Sofa.


Werden Sie während der Partie Kontakt zu Gabor Gallei haben?

Ehrmann: Wenn ich ihn jetzt groß am Telefon beschäftige, hilft das ja auch nicht. Ich bin erreichbar, aber eigentlich haben wir das nicht vor. Alle wissen, was Sache ist und sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren.


Am Dienstag (14 Uhr) geht es weiter: Da steht das Viertelfinale im DFB-Pokal bei Bayer Leverkusen an. Wieder mit Ihnen. Ihr Team ist Favorit?

Ehrmann: Vom Papier her. Klar haben wir Leverkusen auch schon geschlagen. Unser Gegner ist aber eine Wundertüte, sie haben gute Spielerinnen. Wir wissen nicht, wie sie drauf sind. Und wir müssen selber erstmal schauen, wie wir drauf sind.


Eine Woche später würde es im Halbfinale zu Hause gegen Potsdam oder Essen gehen - ein Knaller. Gefährlich, schon daran zu denken?

Ehrmann: Das machen wir nie. Das geht sonst schon vorher schief. Gerade nach einer so langen Pause gilt die alte Trainer-Weisheit: Du musst von Spiel zu Spiel denken.

 


Martin Peter

Martin Peter

Autor

Über Umwege ist Martin Peter im August 2017 bei der Heilbronner Stimme gelandet. Der gebürtige Norddeutsche lebte davor lange Zeit am Alpenrand und berichtet nun über Eishockey und das sportliche Geschehen im Kraichgau.

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