Herzschmerz-Spiel in Nürnberg

Fußball  Stuttgarts Trainer Pellegrino Matarazzo kann am Sonntag seinem Herzens-Club richtig weh tun, Jens Keller seinem Herzens-VfB. Für den einen Bundesliga-Absteiger geht es um den Aufstieg, für den anderen Absteiger um den Klassenerhalt.

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Sehnsüchtiger Blick nach oben, Richtung Bundesliga: Pellegrino Matarazzo, Trainer des VfB Stuttgart, hofft auf einen Erfolg in Nürnberg − und dass der Club, wo er Spieler war und Trainer wurde, nicht absteigt.

Foto: imago images/Eibner

Spiele am vorletzten Spieltag sind oft besonders. Dieses Spiel ist ganz besonders: Wenn der VfB Stuttgart am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) beim 1. FC Nürnberg zu Gast ist, geht es vor allem für den einen Bundesliga-Absteiger um den direkten Wiederaufstieg, für den anderen Absteiger um den Klassenerhalt. Aber da sind noch so viele verblüffende Parallelen und Querverbindungen. So werden die Nürnberger von Jens Keller trainiert, einem gebürtigen Stuttgarter, der seinem Herzens-VfB richtig weh tun könnte. VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo wiederum lebte elf Jahre in Nürnberg, war beim Club Spieler, wurde dort Trainer - auch er könnte seinem Herzens-Club richtig weh tun. Herzschmerz ist am Sonntag also garantiert.

Natürlich bleibe eine so lange Beziehung bestehen, sagt Pellegrino Matarazzo. "Ich habe noch Kontakte zu Spielern und dem Trainerteam. Es ist eine schöne Zeit gewesen. Ich wünsche dem Club, dass der Klassenerhalt gelingt - er gehört mindestens in die zweite Liga." Und der VfB mindestens in die erste. Beide Vereine waren jüngst auf derselben Achterbahn unterwegs: Stuttgart verlor am vergangenen Wochenende das Derby gegen Karlsruhe (1:2), Nürnberg das Derby gegen Fürth (0:1). Der VfB reagierte unter der Woche mit dem höchsten Saisonsieg (5:1 gegen Sandhausen), ebenso der Club (6:0 gegen Wiesbaden). Ein Unentschieden wäre eine gemeinsame Weiterfahrt - die für keinen von beiden eine Option ist.

Auf derselben Achterbahnfahrt

Pellegrino Matarazzo lacht am Freitagmittag in der Videopressekonferenz, als mit Blick auf die Achterbahnfahrt die Worte "Weltuntergang" und "Wiederauferstehung" fallen. Der 42-jährige US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln und fränkischer Assimilation verstehe die Gefühle um den VfB, sagt aber: "Ich gehe diesen extremen Weg nicht mit." Matarazzo bleibt rational, wiederholt den wiederholten Satz, dass seine Mannschaft wieder bei null starte. Er wolle die gleichen Knöpfe drücken wie vor dem Spiel gegen Sandhausen, es gehe um das gleiche Mindset, also die Denkweise, die Einstellung, nicht um die Aufstellung oder die Taktik.

Pellegrino Matarazzo erklärt ohne zu dozieren: "Dieses Mindset brauchst du für jedes Spiel. Die wichtigsten Punkte sind ein optimales Maß an Spannung - nicht zu viel und nicht zu wenig. Spielfreude. Der Glaube an die eigene Stärke. Und die Verbundenheit aller Mannschaftsmitglieder. Dann spürt man eine andere Leidenschaft, einen anderen Zusammenhalt. Das brauchen wir gegen Nürnberg." Egal, wer tatsächlich spielt.

Castro fehlt, Endo kommt zurück, viele kehren zurück

Aus der erfolgreichen Startelf vom Mittwoch wird Gonzalo Castro fehlen, der Routinier ist gelbgesperrt. Dafür kommt der zuletzt gesperrte Mittelfeldstratege Wataru Endo zurück. Das Fragezeichen hinter dem angeschlagenen Daniel Didavi, er konnte wegen (muskulären) Knieproblemen nicht trainieren, sei noch größer geworden, so Matarazzo. Der Kreativkopf gehört neben Fabian Bredlow, Philipp Förster und Philipp Klement zu den Profis, die wie Trainer Matarazzo und Co-Trainer Michael Wimmer eine Vergangenheit beim Club haben. Doch jetzt zählt die Zukunft, der Tabellenzweite will zurück in die Bundesliga.

Nürnbergs Coach Jens Keller, der mit dem VfB 1992 als Spieler Meister wurde und in Stuttgart 2007 bis 2010 Jugend- sowie Cheftrainer war, kündigt an: "Wir müssen eine gewisse Ekligkeit und Dreckigkeit mitbringen - ohne dabei unfair zu sein." Der Tabellen-15. hat in seinen bisherigen 16 Heimspielen lediglich 16 Punkte geholt. So steigt man ab.

Matarazzo schaut nicht nach Heidenheim

Der mögliche Aufstieg sorgt nicht dafür, dass sich Pellegrino Matarazzo am Sonntag mit den Gedanken aus dem Max-Morlock-Stadion hinaus bewegt, Richtung Schwäbische Alb, wo das direkte Duell der Verfolger 1. FC Heidenheim und Hamburger SV ausgetragen wird. "Ich schau nicht drauf", versichert der Trainer der Stuttgarter. "Unsere Aufmerksamkeit liegt allein auf unserer Leistung. Unsere Leistung entscheidet jetzt über unseren Weg. Wir haben alles selber in der Hand. Wir wollen das Spiel gewinnen." Das ganz besondere Spiel.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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