Großes Abenteuer, noch größere Herausforderung

Fußball  Der 30-jährige Heilbronner Ouadie Barini ist Kapitän des ehemaligen Fußball-Erstligisten KFC Uerdingen, der als Regionalliga-Schlusslicht schon bessere Zeiten erlebt hat.

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Mit der Kapitänsbinde am Arm: Ouadie Barini am Wochenende im Uerdinger Trikot beim 1:1 in der Regionalliga West gegen den FC Wegberg-Beeck

Foto: imago images/Kaelke

Ouadie Barini würde sehr gerne mal wieder Glückwünsche erhalten, statt sie immer nur zu versenden. Nach einem 2:8 beim 1. FC Köln II macht es keinen Spaß, die Nachrichten auf dem Handy zu lesen. "Es wäre natürlich schöner, sich zu zwei Toren und einem Sieg gratulieren zu lassen", sagt der zweite Kapitän des KFC Uerdingen. Beim Regionalligisten in der Weststaffel spielt der 30-Jährige seit wenigen Wochen.

"Habe nicht blind unterschrieben"

Zwischen 2013 und 2019 (mit kurzer Unterbrechung) war der Linksaußen Leistungsträger der Neckarsulmer Sport-Union. Barini trägt derzeit die Kapitänsbinde eines Clubs, bei dem nur noch der Name und die Leidensfähigkeit der vielen Fans in Liga vier groß ist. "Ich habe nicht blind unterschrieben. Ich habe überlegt, ob es bei der Ausgangslage Sinn macht", sagt Barini über den ehemaligen Erstligisten.

Eine Woche vor Saisonstart bestand der Kader aus neun Akteuren, viele Spieler stammen aus der eigenen Jugend, ohne Meriten im Männerfußball. Eine Saisonvorbereitung gab es nicht. Nach dem Rückzug des russischen Geschäftsmannes Michail Ponomarew und dem Abstieg aus der 3. Liga sind die Sorgen so hoch wie der Mount Everest. Den zu bezwingen und den Klassenerhalt zu schaffen, das wäre für alle wie die Besteigung des Mount Everest. Ohne Sauerstoffflaschen und in Turnschuhen. "Ich liebe Herausforderungen - und das ist eine riesige Herausforderung, die größte für mich als Fußballer", sagt Ouadie Barini.

Minus sechs Zähler in der Tabelle

Der Verein ist pleite, aufgrund des Insolvenzverfahrens werden dem KFC am Saisonende neun Punkte abgezogen. Das eigene Stadion ist ein Sanierungsfall, weshalb der heimatlose Club seine Spiele in Velbert austrägt. "Die anderen Teams haben mehr Erfahrung, mehr Qualität", sagt Barini. Drei Unentschieden in sieben Spielen hat der KFC geholt, am vergangenen Wochenende fehlte nicht viel zum ersten Dreier. Macht durch den Punktabzug minus sechs Zähler in der Tabelle. "Unser Vorteil ist: Wir können nur gewinnen", sagt Barini, der für ein Jahr unterschrieben hat.

Durchkämpfen, mehr und härter arbeiten als alle anderen, das ist eine Eigenschaft, die Barini weit gebracht hat. "Meine Ausgangslage war immer schon schlechter, ich habe mich schon immer von ganz unten nach oben gearbeitet", sagt der Linksaußen, der seine fußballerische Ausbildung nicht bei der TSG Hoffenheim oder dem VfB Stuttgart genoss, sondern zwei Mal die Woche beim ESV Heilbronn, SC Böckingen oder VfL Neckargartach kickte. Im Männerfußball stieg er mit Neckarsulm von der Landesliga bis in die Oberliga auf.

In Köln eine neue Heimat gefunden

Über den SGV Freiberg schaffte der Offensivspieler im Sommer 2020 den Sprung zum VfR Aalen in die Regionalliga Südwest, dort überzeugte er insbesondere Ende der vergangenen Spielzeit mit Toren: "Ich hätte bleiben können". Doch Barini hat erst geheiratet, Ehefrau Touria stammt aus Dortmund, in Köln haben die beiden aus familiären Gründen nun eine neue Heimat gefunden. Die Suche nach einem neuen Club gestaltete sich schwierig. Denn Barini setzt - anders als die meisten Kollegen in Liga vier - nicht alles nur auf die Karte Fußball. Der Heilbronner mit marokkanischen Wurzeln hat Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Logistik studiert und arbeitet bei einem Großunternehmen.

Dank Corona und Homeoffice ist es möglich, Fußball mit dem Halbtagsjob zu kombinieren. Logistisch ist das auch für einen Logistiker nicht immer einfach. Morgens geht es 60 Kilometer zum Training nach Uerdingen. Während sich die Teamkollegen mittags auf einen Kaffee treffen, arbeitet sich Barini erst durch den täglichen Stau auf der Autobahn, anschließend daheim durch den E-Mail-Eingang.

Nach der Arbeit ins Fitnessstudio

Damals beim VfR Aalen, sei es schwierig gewesen, die Balance aus Profi-Fußball und Arbeit zu finden, sagt er: "Mittlerweile gelingt mir das besser. Irgendwann ist ja auch Schluss mit dem Fußball, dann will ich beruflich Karriere machen."

Zum Feierabend geht es für den 1,73-Meter-Wirbelwind oft noch ins Fitnessstudio, um im Duell mit Zwei-Meter-Schränken eine Chance zu haben. Auch ein scheinbar sicherer Absteiger wie Uerdingen kann ja zu einem Sprungbrett werden. "Ich bin zwar 30, aber mein Weg ist noch nicht zu Ende", sagt Ouadie Barini über das Ziel 3. Liga. "Es wird ihm helfen, sich von dort durch seine Leistungen für etabliertere Clubs zu empfehlen", ist sich sein ehemaliger Neckarsulmer Trainer, Thorsten Damm, sicher.

 

Herzensverein

Die Neckarsulmer Sport-Union verliert Ouadie Barini trotz aller räumlicher Distanz nicht aus den Augen. Samstags gilt: "Ich schaue immer als Erstes wie Neckarsulm gespielt hat, das ist mein Herzensverein." Nicht ausgeschlossen, dass sich die sportlichen Wege nochmals kreuzen. "Man soll niemals nie sagen", sagt Barini und lacht.


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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