Goethe hätte keinen Elfmeter für den VfB Stuttgart gegeben

Fußball  Viel Wirbel um das ganz späte VfB-Tor zum Stuttgarter 2:2 gegen Mönchengladbach, dem ein umstrittener Videobeweis voraus geht. Das Motto dabei: Halb zog er ihn, halb sank er hin.

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Es läuft die 96. Minute, drin ist der Ball. Silas Wamangituka (Mitte) hat den umstrittenen Foulelfmeter für den VfB Stuttgart zum 2:2 verwandelt.

Foto: dpa

Es gibt in der deutschen Sprache ein Kunstwort, das genau für solche Situationen zusammengebastelt worden ist. Sasa Kalajdzic sagte also "Jein", als er gefragt wurde, ob das ein Foulelfmeter war, "ja oder nein?"

Ja, es war ein Elfmeter, der dem VfB Stuttgart in der sechsten Minute der Nachspielzeit das 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach ermöglichte. Es war ein Elfmeter, weil Video-Assistentin Bibiana Steinhaus im viel beschimpften Kölner Keller eingriff und Schiedsrichter Felix Brych nach Ansicht der Fernsehbilder im Stadion auf Foul entschied. VfB-Stürmer Kalajdzic war in der 94. Minute im Gladbacher Strafraum zu Boden gegangen. Brych hatte das Spiel danach weiterlaufen lassen.

Kalajdzic und der "Jein"-Elfer

Und nein, es war kein Elfmeter, wenn man die Szene aus verschiedenen Perspektiven nochmal anschaute und mit der digitalen Lupe aufgezeigt bekam, dass Sasa Kalajdzic auch über den Fuß seines VfB-Teamkollegen Waldemar Anton gestolpert war.

Ja? Nein?

Jein. Der österreichische Angriffsriese Kalajdzic lachte. Er wusste, dass die Partie sehr wohl auch mit einer Stuttgarter 1:2-Niederlage hätte enden können. Aber Silas Wamangituka verwandelte den Strafstoß nervenstark. Und dem Gladbacher Mittelfeldspieler Christoph Kramer blieb nichts anderes übrig als zu klagen: "Das ist natürlich nie und nimmer ein Elfmeter!" Zwar hatte Verteidiger Ramy Bensebaini beide Arme von hinten um Kalajdzic gelegt. Aber Kramer befand: "Das ist ja nicht mal im Mittelfeld ein Foul."

Die Basis für einen Videoreferee-Eingriff lautet: klare Fehlentscheidung! Kramer war konsterniert: "Da kannst du nie und nimmer drauf kommen, dass das ne klare Fehlentscheidung ist."

Sein Mitspieler Jonas Hofmann bewertete den Strafstoß als "eine absolute Frechheit", "Wahnsinn". Er redete sich am Sky-Mikrofon mächtig im Rage, versuchte aber, seine Wut halbwegs zu kanalisieren. In der heutigen Zeit sei es so, "dass die Spieler kaum noch ihre Meinung sagen dürfen. Wenn ich die jetzt kundtun würde, würde ich wahrscheinlich für den Rest der Saison gesperrt werden."

Ein Geschenk, das man gerne annimmt

Den Stuttgartern war es recht, dass sie die ganz späte Chance zum Ausgleich bekamen. Eine Niederlage wäre unverdient gewesen. Der Elfmeter? Hauptsache drin. "Schlussendlich sind wir happy, dass wir ihn kriegen", sagte Torwart Gregor Kobel. Ein Geschenk war er. Aber ein Geschenk hatten auch die Borussen bekommen, als VfB-Verteidiger Borna Sosa in der ersten Halbzeit Stefan Lainer im Strafraum unnötig umgegrätscht hatte. Foulelfmeter für Mönchengladbach. Lars Stindl verwandelte ihn sicher (35. Minute). Kobel wollte Sosa nicht an den Pranger stellen: "Es ist nicht immer einfach als Verteidiger. Ein kleiner Moment reicht ab und zu, wo man sich falsch entscheidet."

Es gab ja dann die Stuttgarter Happy-End-Glücksgefühle. Und für Trainer Pellegrino Matarazzo keinen Anlass, sich vor Scham auf den Boden zu werfen. Der Blick zurück auf andere Spiele offenbarte auch VAR-Ärger. "Wir haben uns mehrmalig benachteiligt gefühlt." Also: "Vielleicht ist es eine Gleichgewichts-Entscheidung." Ausgleichende (Un-) Gerechtigkeit.

Nach Stindls Elfmeter-0:1 hatte Nicolas Gonzalez ausgeglichen (58.). Dem schnellen 1:2, das Denis Zakaria nach einen beeindruckenden Tempolauf zu Lasten von VfB-Sprintschnecke Pascal Stenzel erzielt hatte (61.), mühte sich die Stuttgarter Mannschaft lange vergeblich.

Die Hände haben dort oben nix zu suchen, sagt Sven Mislintat

Bis eben Sasa Kalajdzic im Strafraum fiel und es den Elfmeter gab. Für VfB-Sportdirektor Sven Mislintat war es allerdings keine Jein-Entscheidung. "Für mich ist es ein klarer Elfmeter." Denn "die Hände von Bensebaini haben nichts um den Oberkörper von Sasa zu suchen".

Der Stuttgarter Stürmer wollte nix Falsches sagen. "Ich kann mich nicht genau erinnern." Aber eines machte Kalajdzic deutlich: "Ich habe keine Schwalbe gemacht." Er habe "schon das Gefühl gehabt, dass ich runtergezogen wurde".

Johann Wolfgang von Goethe war kein Fußballanalytiker, sondern ein Dichtergenie. Er schrieb in seiner Ballade "Der Fischer" über die Nixe: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin." So ähnlich war es auch bei Bensebaini und Kalajdzic.

Vielleicht darf man so weit gehen und behaupten: Goethe hätte keinen Elfmeter gegeben.


Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

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