Genauso hat sich das die VfB-Familie vorgestellt

Fußball  Matarazzos Stuttgarter überraschen Sandhausen, drücken vor dem Spiel in Nürnberg aber erneut den Resetknopf.

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Welt, lass dich umarmen: Kapitän Marc Oliver Kempf (von rechts), Atakan Karazor und ihre Kollegen wollen die Euphorie nach dem 5:1-Sieg mitnehmen, keinen Prozentpunkt nachlassen.

Foto: dpa

Es ist erstaunlich, wie schnell sich ein Stadion bei einem Geisterspiel leert - niemand da, von dem sich die Spieler bejubeln lassen könnten. Wobei sich am Mittwochabend in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena zwei Edel-Fans als winkende Bremse für die Profis des VfB Stuttgart hervortaten: Thomas Hitzlsperger und Günther Schäfer hatten sich nach dem 5:1 (4:0)-Sieg gegen den SV Sandhausen oberhalb des Spielertunnels positioniert und reckten Daumen, klatschten, winkten. Anschließend fachsimpelten der Vorstandsvorsitzende und der Teammanager, gestikulierten, nickten, als wollten sie sagen: Genau so haben wir uns das immer vorgestellt.

Ja, genauso hat sich die VfB-Familie die Auftritte ihrer Elf in der 2. Bundesliga vom ersten Spieltag an vorgestellt: Dominant. Temporeich. Torreich. Erfolgreich. Es hat allerdings bis zum 32. Spieltag gedauert, ehe die Umsetzung beim höchsten Saisonsieg tatsächlich erstmals klappte. Umso größer war die Erleichterung. "Wir hatten etwas gutzumachen", sagte Kapitän Marc Oliver Kempf, "und daher ist uns ein Stein vom Herzen gefallen, dass wir dieses Spiel so deutlich für uns entscheiden konnten." Der Mann, der den Stein ins Rollen brachte: Trainer Pellegrino Matarazzo.

An eine Komödie erinnernder Aufstiegskrimi

"Mein Kollege ist ein Wagnis eingegangen", sagte Sandhausens Trainer Uwe Koschinat nach dem Spiel, "mit einer sehr, sehr stark veränderten Mannschaft, aber eben auch mit einer anderen Grundordnung. Ich fand den VfB sehr, sehr offensiv und sehr, sehr mutig ausgerichtet." Als studierter Mathematiker liebt Matarazzo Berechenbarkeit, der VfB punktete aber am Mittwoch dreifach mit seiner Unberechenbarkeit - die in einem viel zu oft an eine Komödie erinnernden Aufstiegskrimi wieder auf Platz zwei in der Tabelle geführt hat.

Koschinat: So offensive Entscheidung dem VfB nicht zugetraut

Uwe Koschinat musste erklären, wie seine zuvor in fünf Spielen unbesiegte Mannschaft so unter die Räder kommen konnte. Er hatte das Gefühl, dass seine Jungs in vielen Situationen "dem VfB-Spieler so eine schnelle, offensive Entscheidung nicht zugetraut haben". Wenn man immer wieder hinterherlaufe, man keine Körperlichkeit ins Spiel bringen könne, "dann hat dieser VfB Stuttgart eine wahnsinnige Qualität". Die seit Juli lediglich phasenweise aufgeblitzt ist - weshalb man nun nicht für den Saisonendspurt am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) beim 1. FC Nürnberg und eine Woche später zu Hause gegen Darmstadt 98 zwei weitere Hurra-Siege erwarten darf. Klar ist, so Marc Oliver Kempf: "Wir wollen die Euphorie mitnehmen, bleiben fokussiert und dürfen in den nächsten beiden Partien keinen Prozentpunkt nachlassen." Das ist eine Kempf-Ansage.

Matarazzo lässt sich vom Bauchgefühl leiten

Pellegrino Matarazzo hatte schon nach dem 3:2-Sieg gegen den Hamburger SV zart darauf hingewiesen, dass er nicht so ein sachlicher, analytischer Typ sei, wie ihn viele wahrnehmen würden. Er habe auch eine emotionale, gefühlsgeleitete Seite. Die er mutmaßlich nach 0:2-Rückstand gegen den HSV in der Pause gezeigt hat. Und in Personalplanung sowie der Strategiewahl für das Sandhausen-Spiel. Er sei bei seiner sechsfachen Rotation einem Bauchgefühl gefolgt, baute das 4-3-3 in ein 3-5-1-1 um. "Mein Gefühl sagte, dass wir gegen Karlsruhe überspannt waren, dass uns dieser Druck nicht gut tut." Deshalb habe das Trainerteam probiert, die optimale Spannung mit Spielfreude und Lockerheit auf den Platz zu bringen.

Aber Pellegrino Matarazzo bleibt sich treu. Er spricht nicht zu viel. Auf die Frage, wie er diesen Schwung nun nach Nürnberg mitnehmen wolle, sagte er: "Jeder Sieg tut gut, besonders wenn die Leistung passt. Aber jedes Spiel fängt bei null an." Es gelte nun, erneut den Resetknopf zu drücken. "Wir wollen gegen Nürnberg erneut Spielfreude zeigen." Genauso stellt sich das die VfB-Familie vor - und bitte schön erfolgreich.

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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