Fußball 2020: Wenn Chefs ihre Angestellten anfeuern

Fußball  Der Fußball im Corona-Sommer 2020 ist anders als je zuvor: Beobachtungen und Erlebnisse rund um die Geisterspiele in den Bundesligen der vergangenen Wochen.

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Der Vorsänger der CEO-Ultras: Geschäftsführer Peter Görlich.

Dr. Peter Görlich war bei Heimspielen seiner TSG Hoffenheim stets die Ruhe in Person. Geschäftsführer eines Bundesligisten brüllen ihren Verein nicht lautstark nach vorne, das übernehmen die Zuschauer, die Fans in der Kurve. Görlich saß oder stand in der letzten Reihe der Haupttribüne inmitten der Führungsriege der TSG 1899 Hoffenheim. Er kaute Kaugummi und verfolgte das Bundesligaspiel so, wie man das auf der Haupttribüne halt meist macht.

Dann kam Corona und nun ist alles anders. Seit die Stadien leer sind, weil die Fans draußen bleiben müssen, hat Görlich die Rolle des Hoffenheimer Vorsängers inne. Jede Aktion sorgt für lautstarke Kommentare. "Auf, beiß, Maxi!", bekommt Youngster Maximilian Beier zu hören. Und: "Super, Grillo" - Florian Grillitsch wird für eine erfolgreiche Grätsche gefeiert. Alles prima hörbar in der leeren Sinsheimer Arena.

"Unsere CEO-Ultras machen richtig Stimmung, das ist sensationell", sagt Alexander Rosen, der Hoffenheimer Sportdirektor vorm Hoffenheimer Saisonfinale bei Borussia Dortmund an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky). CEO, das ist die englische Abkürzung für Chief Executive Officer, also Geschäftsführer.

Anfeuerung als Liebeserklärung der Vorgesetzten

"Ich war ja Teil der Gruppierung am Anfang. Das kam aus uns heraus. Aus Überzeugung. Ich liebe unsere Jungs", sagt Alexander Rosen, der nun noch das Trainerteam koordiniert und die Spiele an der Seite von Videoanalyst Timo Gross verfolgt. Sieben Auswärtssiege holte die TSG Hoffenheim in dieser besonderen Spielzeit bereits, ein achter könnte reichen für den Sprung auf Platz sechs und die Gruppenphase der Europa League. Statt 80 000 BVB-Fans gegen sich, hat die TSG Hoffenheim nun die lautstarken Geschäftsführer Peter Görlich und Frank Briel sowie Chefscout Bastian Huber verbal im Rücken. Jede Stimme zählt, jede Stimme ist laut und deutlich vernehmbar.

Fußball 2020: Wenn Chefs ihre Angestellten anfeuern

Abstand halten: Während Hoffenheims damaliger Trainer Alfred Schreuder ein Stockwerk tiefer die vorab gestellten Fragen nach dem Sieg in Mainz beantwortet, sitzen die Reporter vor ihren Computern.

Fotos: Florian Huber

Rosen und seine Mitstreiter waren sich am Anfang nicht sicher, ob ihre Kommentare überhaupt erwünscht sind bei den Herren Profis. "Wir sind richtig zusammengewachsen mit den Jungs. Lob und positive Unterstützung findet kein Mensch schlecht", sagt Rosen.

Für alle Beteiligten hat sich der Fußball in den vergangenen sechs Wochen rapide verändert. Für die Fans vor dem TV, die Profis auf dem Rasen, die wenigen Funktionäre, aber auch Schiedsrichter wie Bastian Dankert. "Als ich das erste Spiel gepfiffen habe, ging es mir so, als wäre ich 20 Jahre zurückversetzt worden, als wenn ich in der Kreisliga B wieder vor 20 Zuschauern pfeife", sagt er: "In den Stadien hallt es dann auch sehr nach, wenn man die Anweisungen der Trainer oder Offiziellen lautstark hört."

Es scheppert in der leeren Arena

Das gilt auch für die Stadion-Musik. Am ersten Geisterspieltag beim SV Wehen Wiesbaden schepperte eine Stunde lang blechern 80er-Jahre-Rock durch Wiesbaden. Der VfB Stuttgart passte sich dann bei der 1:2-Niederlage nahtlos ans Niveau der Soundanlage an. Wie bekommt man Stimmung hin? In Großaspach beim mauen Drittliga-0:0 gegen Preußen Münster verteilte Sportdirektor Joannis Koukoutrigas Klatschpappen, um das Kellerkind anzutreiben. Klappte nicht so recht. Der kleine Block älterer Herrschaften vergaß vor lauter Bruddelei, die Klatschpappen zu benutzen.

Auch für die wenigen Journalisten in den Stadien hat sich das Arbeiten auf Abstand verändert. Nachfragen ist unmöglich, wenn bei der Pressekonferenz niemand dabei sein darf, wenn Fragen nur vorab per Whatsapp gestellt werden.

Vesperbrottausch ist verboten

Auf der Pressetribüne ist es wieder wie früher auf dem Schulhof. Was hast du denn in deiner Vesperbox? Tauschen natürlich unmöglich, über das Abstandsgebot und die Maskenpflicht wird mit strengem Blick von einem DFL-Verantwortlichen gewacht. Wie der Fußball im September aussieht, wenn die nächste Saison beginnen soll? Schwer zu prognostizieren.

 

Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik. 

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