Die VfB-Auswärtsstärke: Alles nur Zufall?

Fußball  Aktuell versinnbildlicht die Bilanz des VfB Stuttgart den Trend zu mehr Auswärtssiegen in der Bundesliga. Doch ein englische Studie kommt zu anderem Ergebnis: Die Geisterspiele sorgen nicht für mehr Auswärtserfolge.

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Seit die Zuschauer nicht dabei sein können, gibt es in der Bundesliga deutlich mehr Auswärtssiege.

Foto: dpa

Der VfB Stuttgart ist auf Rekordkurs. Noch keinen Heimsieg, dafür aber auch noch keine Auswärtsniederlage - das gab es in der Bundesliga erst ein Mal. Bleiben die Schwaben auch an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) bei Borussia Dortmund in der Fremde unbesiegt, dann hat der Aufsteiger den Rekord des SC Freiburgs eingestellt, dem dieses Kunststück in der Spielzeit 1998/99 gelang. Der VfB hat auswärts elf Punkte in fünf Partien gesammelt, im eigenen Stadion fremdelt man hingegen angesichts von fünf sieglosen Spielen. Es ist eben alles anders in diesen besonderen Zeiten.

"Ich glaube, es ist aktuell noch ein Zufall, dass wir auswärts so stark sind", sagt Pellegrino Matarazzo. Denn es ist noch gar nicht so lange her, da punktete der VfB bei Geisterspielen in der Fremde mehr schlecht als recht, verlor in Wiesbaden, Kiel oder Karlsruhe. Was ist das Geheimnis, dass der VfB außerhalb von Bad Cannstatt gewinnt? "Unser Ablauf hat sich nicht groß geändert, wir haben ein ähnliches Ritual", sagt der Trainer. In der VfB-Erstligasaison 2018/19, damals noch mit Zuschauern, gelang den Stuttgartern in 17 Auswärtsspielen nur ein Erfolgserlebnis. Am Ende stand der Abstieg. Nun versinnbildlichen die Schwaben den Trend zur Auswärtsstärke in der Bundesliga.

Wo isch die Zahlen nur in Nuancen unterscheiden

Die "Sport Bild" hat die Erstliga-Spiele seit Sommer 2019 mit Publikum (256) verglichen mit denen ohne Zuschauer (140). Bezogen auf Spielaktionen ist alles wie immer. Es gibt fast genauso viele Zweikämpfe pro Spiel (210/208). Ob 50 000 vor Ort zuschauen - oder niemand: Bei Laufdistanzen, Fouls oder Sprints unterscheiden sich die statistischen Werte lediglich in Nuancen.

Deutlicher sind die Unterschiede beim Bundesliga-Heimvorteil. Es gibt ihn seit März 2020 schlichtweg nicht mehr. Der Heimpunkte-Schnitt pro Spiel sank von 1,50 auf 1,21 pro Spiel. "Der Heimvorteil fällt weg, den haben wir auch nicht bei unseren Heimspielen", sagt Pellegrino Matarazzo, der Trainer des VfB Stuttgart, und schiebt nach: "Ich hätte trotzdem gerne in Dortmund vor 80 000 Zuschauern gespielt." Vor Corona setzte sich in 42 Prozent der Spiele das Heimteam durch, in 34 Prozent der Spiele jubelte der Gast über einen Dreier. Nun ist alles anders. 31 Prozent Heimsiegen stehen 41 Prozent Auswärtssiege gegenüber. Der Trend ist ein deutscher Fremd-Freund.

International gesehen gibt es keinen Trend zu weniger Heimsiegen

Britische Wissenschaftler hingegen widersprechen mit ihrer Auswertung von 6481 Profi-Fußballspielen in 17 verschiedenen Ländern (Saison 19/20) den deutschen Zahlen komplett, wie der englische "Guardian" unlängst berichtete. Die Wahrscheinlichkeit für einen Heimsieg sei demnach bei Geisterspielen nur um drei Prozent gesunken. Heim-Fans würden ihrem Team gar nicht helfen, ihre Abwesenheit habe demnach keinerlei Effekt. Ergo: Die schwache Heimbilanz des VfB ist nicht Folge der fehlenden Fans. "Die Leute denken immer noch, dass es einen verminderten Heimvorteil gibt", sagt Wirtschafts-Professor James Reade von der Universität in Reading. "Es gibt aber keinen klaren Effekt auf den Ausgang der Spiele."


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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