Die TSG Hoffenheim und ihre Suche nach einer neuen Perspektive

Fußball  Nach dem Europa-League-K.o. gegen Molde FK und vor dem Bundesligaspiel am Sonntag bei Union Berlin gehen den Kraichgauern die Saisonziele aus. Die Erklärungsversuche der Verantwortlichen verwundern.

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Jäh ausgebremst in der Europa League: Florian Grillitsch (links) im Zweikampf mit Moldes Magnus Wolff Eikrem.

Foto: dpa

Der Hoffenheimer Treffer, er fiel dann doch noch. Stürmer Munas Dabbur drosch den Ball voller Wut ins eigene Netz. Er zählte halt nicht, weil die kleine norwegische Delegation gerade an der Eckfahne das Tor zum 2:0-Auswärtssieg und das Weiterkommen von Molde FK zelebrierte. Die Enttäuschung nach dem Europa-League-Aus gegen den krassen Außenseiter aus Norwegen nahm Trainer Sebastian Hoeneß mit in die kurze Nacht. Am Morgen danach "spüre ich schon wieder den Kämpfer in mir", sagte der Trainer der TSG Hoffenheim 14 Stunden nach dem Ende der Hoffenheimer Europa-Ambitionen. Nicht minder bitter war der Blick aufs eigene Handy am Freitagnachmittag, als die Auslosung des Achtelfinales rum war und der FC Granada als Moldes nächster Gegner feststand.

Große Europapokal-Abende wird es in diesem Jahr wohl kaum mehr in Sinsheim geben. Die Gefahr ist groß, dass bereits Ende Februar komplett die Luft aus einer missratenen Hoffenheimer Saison raus ist, weil man im einzigen verbliebenen Wettbewerb weit weg von allem ist. Rang sechs, der künftig zur Playoff-Teilnahme an der drittklassigen Conference League berechtigt, ist derzeit schon zehn Zähler entfernt. Nach unten hat die TSG Hoffenheim hingegen acht Punkte Vorsprung.

"Berechtigte Frage" nach Perspektive und Saisonzielen

Was bleibt im Niemandsland der Bundesliga? Worin besteht die Perspektive für die noch anstehenden zwölf Spiele? Diese "berechtigte Frage" (Sebastian Hoeneß) stellt man sich auch im Club-Zentrum in Zuzenhausen. "Aber jetzt sollten wir uns nicht damit beschäftigen", sagt Hoeneß: "Es hilft nix, jetzt irgendwelche Ziele auszurufen." Denn bereits am Sonntag (13.30 Uhr/DAZN) steht das Auswärtsspiel bei Union Berlin an. Neue Ziele sollten danach dringend her, sie dürften auch eng mit der Trainer-Zukunft verknüpft sein. "Natürlich müssen wir von einer verkorksten Saison sprechen, trotz aller Widrigkeiten", räumt Hoeneß selbstkritisch ein.

Wenn die Fallhöhe in den vergangenen Wochen am größten war, legten die Kraichgauer prompt eine Bruchlandung hin. Das war im DFB-Pokal vor Weihnachten gegen Zweitligist Greuther Fürth so. In der Bundesliga gegen rekordverdächtig sieglose Schalker (0:4) und nun wieder gegen ein No-Name-Team aus Norwegen. "Hoffe" hat ein Herz für die Kleinen, die TSG hilft den vermeintlich Schwächeren immer wieder. "Wir dürfen kein Mitleid erwarten, nicht in die Opferrolle geraten", sagt Hoeneß über die vielen Nackenschläge.

Positiv bleiben, das sei nun die größte Herausforderung. Bedenklich wird es allerdings, wenn Führungsspieler wie Florian Grillitsch wie nach dem Molde-Spiel davon sprechen, dass "vielleicht im Strafraum ein bisschen die Gier gefehlt habe". Wo, wenn nicht in der Europa League, sollte diese Gier für alle spürbar sein? Die mangelnde Präzision in der Spieleröffnung war unübersehbar. Zudem fehlte es gegen Molde an einem Plan B, weil die vielen Flanken ohne zählbaren Ertrag blieben.

Dem größten Kader der Liga fehlt die Frische

Der 38-jährige Fußballlehrer Hoeneß setzt auf eine differenzierte Analyse: "Man hat das erste Mal gespürt, dass in der einen oder anderen Situation die nötige Frische gefehlt hat", bilanzierte er nach dem Europa-Aus. Trotz aller Verletzungssorgen lässt sich nicht alles daran festmachen. Weil man über den größten Kader der Liga verfügt, steht immer noch hochveranlagtes Personal auf dem Rasen, für das ein Team wie Molde FK kein Stolperstein sein darf.

Die TSG hatte auch Pech. Kurz vor dem Molde-Spiel war bei Andrej Kramaric noch mal die alte Verletzung aufgebrochen. "Nicht so schlimm wie in der Woche zuvor", sagte Hoeneß. Zu mehr als 40 Minuten als Joker reichte es nicht. "Wir werden kurzfristig entscheiden, was fürs Union-Spiel möglich ist", sagt Hoeneß. Es gilt, den Topstar behutsam zu behandeln. Die schwache Saison liefert sicherlich kaum Argumente, dass der Topstar und -torschütze seinen im Sommer 2022 auslaufenden Vertrag verlängert. Auch der sehr ehrgeizige Kramaric wird nach einer Perspektive fragen - und eine zufriedenstellende Antwort hören wollen. Einen ablösefreien Abgang des sportlich wie finanziell wertvollsten Akteurs kann sich die TSG Hoffenheim eigentlich nicht leisten.


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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