Der VfB will wegbleiben von der roten Zone

Fußball  Stuttgarter erhoffen sich gegen Union Berlin drei Punkte, um frei zu sein von Abstiegsangst. Lilian Egloff ist wieder im Mannschaftstraining.

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Weiter so: Hier bejubeln die Stuttgarter Spieler die Führung zuletzt gegen Mönchengladbach − der VfB hat drei Mal in Folge nicht verloren.

Foto: dpa

Pellegrino Matarazzo ist überfordert, man muss es so hart ausdrücken. Der Trainer des VfB Stuttgart hat keine Ahnung. Auf diese eine Frage weiß er keine Antwort. Was bedeutet die Zahl 662?

Hmm. "Sechs, sechs, zwei", sagt er. Aber auch die Aufteilung in Ziffern bringt dem Trainer keine Erleuchtung. Dabei hat die Zahl 662 sehr viel mit ihm selbst zu tun. Denn 662 Tage waren es am Freitag, seit Matarazzo am 30. Dezember 2019 zum neuen VfB-Trainer gemacht wurde. Das ist für Stuttgarter Verhältnisse eine ziemlich gute Verweildauer. Trainer waren beim VfB oft nur Kurzzeitversuche. "Ich war mir schon bewusst, dass das ein Stück weit ein Schleudersitz war", blickt der 43-Jährige zurück auf seine Entscheidung, Ja zu sagen.

Als Spieler ein Wandervogel, als Trainer eine Konstante

Matarazzo möchte gerne noch ein Weilchen bleiben, daran lässt er vor dem Heimspiel am Sonntag (17.30 Uhr/DAZN) gegen den 1. FC Union Berlin keine Zweifel aufkommen. "Ich war als Spieler ein Wandervogel." Aber als Trainer will er das nicht sein. "Ich habe das Gefühl, ich habe hier noch was zu tun."

So sieht es auch VfB-Sportdirektor Sven Mislintat. Er hat Matarazzo vor drei Monaten eine Job-Garantie gegeben. "Wir brauchen kein einziges Mal in dieser Saison, egal, wo wir stehen, über den Trainer zu reden", machte Mislintat im "Kicker"-Interview deutlich. Pellegrino Matarazzo sei der Beste, den der VfB bekommen könne.

Vier Punkte Vorsprung auf den Tabellen-17. Bielefeld

Das Ziel für die Spielzeit 2021/22 ist klar: drinbleiben in der Bundesliga, auch im zweiten Jahr nach dem Aufstieg. Momentan sieht es ordentlich aus. Der VfB hat zuletzt drei Mal in Folge nicht verloren. 0:0 in Bochum, 3:1 gegen Hoffenheim, 1:1 in Gladbach. Vier Punkte Vorsprung hat der Tabellen-Zwölfte auf Bielefeld, das den ersten Direktabstiegsrang 17 einnimmt. Nach dem Heim-1:3 gegen Leverkusen am 5. Spieltag waren die Stuttgarter der roten Zone noch ganz nah gewesen.

Nun soll auch gegen den 1. FC Union gepunktet werden, am besten dreifach, auch wenn Matarazzo vor den Berlinern warnt. "Die haben ein sehr gutes Konterspiel", sagt er, und "sie lassen dem Gegner wenig Raum." Kurz: Das sei "ein unangenehmer Gegner". Drei Siege hintereinander gab es für Union zuletzt in der Bundesliga.

Trainer Matarazzo hat einen Sieg-Plan im Kopf

Doch am Sonntag soll der VfB jubeln. Matarazzo hat nach seiner Gegner-Analyse einen Sieg-Plan im Kopf, den er aber nicht verraten will. "Es gibt Momente, es gibt Räume, die aufgehen - die wir natürlich attackieren wollen." Mittelfeld-Anker Orel Mangala wird nach seinen zuletzt negativen Coronatests wohl in die VfB-Startelf zurückkehren. Abwehrchef Waldemar Anton (zurück im Training, aber noch nicht fit, "er wird aufgebaut") , Flügelmann Roberto Massimo und Stammtorwart Florian Müller sind wegen ihrer jüngsten Corona-Infektionen noch kein Thema für Sonntag. Zusätzlich zu den länger bekannten Verletzungsausfällen sind nun auch die Stürmer Omar Marmoush und Tanguy Coulibaly angeschlagen. Ihr Einsatz: fraglich.

Gut möglich, dass Matarazzo einmal mehr improvisieren muss. Zuletzt hat das gut geklappt. Also ist er trotz aller negativen Nachrichten ziemlich entspannt. "Persönlich gehe ich damit um, indem ich immer wieder auf den Resetknopf drücke."

Mangala kommt zurück, Dreier-Konstrukt im Mittelfeld bleibt

Also alles auf Null? Nein. Keineswegs. Die Konstellation im zentralen Mittelfeld will der Trainer allenfalls personell ändern (Mangala statt dessen Vertreter Nikolas Nartey), doch das Dreier-Konstrukt mit Wataru Endo und Atakan Karazor hat dem VfB Stabilität gegeben. "Ich glaube, es tut uns aktuell gut." Die Idee war, mit den drei Mann "Balleroberungen zu haben". Es sind "drei Spieler, die eher ein defensives Gen haben", aber auch im Vorwärtsgang "mit dem Ball umgehen können".

Nur noch zwei Gegentore haben die Stuttgarter in den vergangenen drei Ligaspielen kassiert. Ein klarer Fortschritt gegenüber der Wackelphase nach dem 5:1-Auftaktsieg im Duell mit Aufsteiger Fürth. Pellegrino Matarazzo denkt momentan gerne in defensiven Kategorien, auch wenn sein Grundverständnis vom Fußball von Angriffsmut geprägt ist. "Wenn der Gegner kein Tor schießt, haben wir mindestens einen Punkt." Der Mann hat Ahnung. Absolut.

Egloff am Donnerstag voll integriert, auch mit Zweikämpfen

Es sieht tatsächlich so aus, als nähere sich die lange Leidensgeschichte des Hohenloher VfB-Talents Lilian Egloff allmählich ihrem Ende. Am Donnerstag absolvierte der 19-jährige Offensivspieler die erste Mannschaftstrainingseinheit, bei der er "voll integriert war - auch mit Zweikämpfen", wie es der Stuttgarter Trainer Pellegrino Matarazzo beschrieb. Egloff, aus der Jugend der TSG Bretzfeld hervorgegangen, mache "gute Schritte", steigere sich langsam. "Jetzt geht es nur noch darum, dass er fit wird und Leistung bringt." Das könne "ein bisschen Zeit dauern", ganz einfach, "weil er extrem lang weg war". Mitte Dezember 2020 hatte Egloff einen Kurzeinsatz in Dortmund. Danach plagten ihn ewige Mittelfuß-Probleme.


Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

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