Der VfB und die neue Favoritenrolle

Fußball  Stuttgart empfängt am Freitag als Tabellenfünfter den seit 14 Spielen sieglosen 1. FC Köln. Das scheint eher für die Fans als die Spieler ein Charaktertest zu sein.

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Zurückhaltende Miene zu gutem Spiel: Für den Geschmack von Pellegrino Matarazzo (links) ist im Umfeld des VfB zu viel Euphorie. Hier klatscht sich der Cheftrainer während des 2:0-Sieges bei Hertha BSC mit Athletiktrainer Oliver Bartlett ab.

Foto: dpa

Pellegrino Matarazzo war als Spieler Abwehrspezialist. Er ist es als Trainer noch immer. Ja, der VfB Stuttgart könnte tatsächlich am Freitagabend vorübergehend die Führung in der Tabelle der Bundesliga übernehmen - gesetzt, der Aufsteiger gewinnt zu Hause gegen den 1. FC Köln mindestens 4:0. Aber nein, für solche Gedankenspiele ist der Cheftrainer des Vereins für Bewegungsspiele nicht zu haben. Er verdreht in der Videokonferenz die Augen und sagt in die virtuelle Journalistenrunde, in der immer wieder das Wort "Euphorie" fällt: "Meine Absicht ist es, euch ein Stück weit zu bremsen." Auch die jungen Spieler, die mit sieben Punkten aus vier Begegnungen auf Tabellenplatz fünf gestürmt sind und bisher hinter den Bayern (17 Tore) und Dortmund (zehn) den drittbesten Sturm (neun) stellen?

Bloß nicht übermütig werden

"Ich schaue nicht auf Punkte oder Tore", sagt Pellegrino Matarazzo und zwingt sich dabei, freundlich zu schauen. "Ich will Leistung, eine Verbesserung, eine Entwicklung sehen. Ob wir Dritter, Vierter oder Fünfter sind, ist mir schnuppe!" Es sollte also bloß keiner seiner Spieler nach dem 2:0-Sieg bei Hertha BSC auf die Idee kommen, übermütig zu werden. So wie Reporter, die behaupten: "Gegen Köln ist ihre Mannschaft erstmals Favorit." Matarazzo: "Wer sagt das?" Reporter: "Die Tabelle!" Matarazzo: "Wir tun gut daran, wenn wir auf dem Boden bleiben und dem Gegner Respekt zollen."

Matarazzo: Müssen weg von Begriffen wie Favoriten- und Underdogrolle

Köln sei ein Team mit Erfahrung, einem guten Trainer und einer guten Qualität nach vorne als auch nach hinten, sagt der 42-Jährige. Er sehe seine Mannschaft in der Lage, gegen den mit drei Niederlagen und einem Remis gestarteten Tabellen-16. zu punkten, wenn sie wieder bereit sei, ans Limit zu gehen. Matarazzo fordert: "Es ist Bundesliga, wir müssen weg von Begriffen wie Favoriten- und Underdogrolle!"

Am fünften Spieltag kommt es vor allem für das Umfeld des VfB zum Charaktertest. Lassen sich die Fans von der Auswärtsbilanz verführen - einen Bundesligastart mit zwei Siegen in der Fremde gab es zuletzt in der Meistersaison 2006/07. Spekulieren sie auf die Tabellenführung, die erste seit dem ersten Spieltag 2011/12? Oder schauen sie - wie es Matarazzo betont - darauf, wo die sehr junge Mannschaft herkommt, nämlich frisch aus der zweiten Liga?

Im Corona-Hotspot sind keine Zuschauer zugelassen

Es muss jedenfalls kein Fehler sein, dass im Corona-Hotspot Stuttgart keine Zuschauer beim Köln-Spiel zugelassen sind. "Wir sind uns der Emotionalität des Umfelds bewusst", sagt Pellegrino Matarazzo zum freudvollen Saisonstart der zuletzt leidgeplagten Stuttgarter. Man sei um eine stabile Mitte bemüht. Denn die Erwartungen von außen, "die können einen zerreißen, und da wollen wir nicht mitgehen".

Das Spiel gegen den 1. FC Köln am Freitagabend (20.30 Uhr/DAZN) wird keine Zerreißprobe für den VfB - schon eher für die Verantwortlichen um den ehemaligen VfB-Spieler und -Manager Horst Heldt, der seit knapp einem Jahr Sport-Geschäftsführer der Kölner ist. Gästetrainer Markus Gisdol ist umstritten, seine Mannschaft saisonübergreifend seit 14 Spielen ohne Sieg.

Steigerungslauf von 112 auf 120 Mannschaftskilometer

Matarazzo erwartet eine klare Spielidee der Kölner, viele Flanken, gutes Gegenpressing. Seine Spieler seien sensibilisiert, er habe diese Woche nicht in die Trickkiste greifen müssen, um die Spannung in der Bundesliga hochzuhalten. Die ist für den VfB bisher sprichwörtlich ein Steigerungslauf: Beim 2:3 gegen Freiburg war die Mannschaft in der Partie insgesamt 112 Kilometer gelaufen, beim 4:1 in Mainz 113, beim 1:1 gegen Leverkusen 114, zuletzt in Berlin 120. Zufall oder Trend? Da müsse man aufpassen, sagt Matarazzo: "Klar gibt das einem das Gefühl, gut zu arbeiten. Aber jedes Spiel hat ein eigenes Gesicht." Und im Übrigen sei es für die Spieler keine Motivation, Tabellenspitze zu sein, sondern eine gute Leistung zu bringen.

Einmal Abwehrspezialist, immer Abwehrspezialist.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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