Der VfB Stuttgart, die neue Attraktion der Bundesliga

Fußball  Der 5:1-Triumph des Aufsteigers in Dortmund sorgt allseits für Verzückung. Aber der Sportdirektor Mislintat bremst die Euphorie vor dem Spiel gegen Union Berlin am Dienstag.

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Der VfB Stuttgart ist sehr gut angekommen in der Bundesliga. Wataru Endo und Tanguy Coulibaly feiern den Treffer zum zwischenzeitlichen 4:1 für den VfB. 17 Punkte hat das Team bereits geholt.

Foto: dpa

Es fehlte nicht an Lobreden. Der spektakuläre 5:1-Sieg des VfB Stuttgart bei Borussia Dortmund hatte für sehr viel positives Feedback gesorgt. Nicht nur, weil das Ergebnis so beeindruckend war, eher noch, weil die Art und Weise, wie dieser vollkommen verdiente Triumph herausgespielt wurde, es ganz leicht machte, Komplimente an die junge, mutige und spielstarke VfB-Mannschaft zu verteilen.

Trotz der Euphorie die Bodenhaftung behalten

Viel Verzückung war zu erkennen, beileibe nicht nur im Schwabenländle. VfB-Sportdirektor Sven Mislintat weiß allerdings, welche Gefahren darin liegen können, wenn vor lauter Euphorie die Bodenhaftung verloren geht. Also bemühte er sich am Sonntag, bei aller Freude über den Coup die Jubelstimmung wieder einzufangen. "Wenn du so ein Spiel machst, darfst du mit einem Lächeln aufwachen. Du darfst auch Selbstbewusstsein daraus ziehen", sagte Mislintat, um sogleich überzuleiten zum Tagesgeschäft eines Aufsteigers: dem kontinuierlichen Punktesammeln bis zum Moment des feststehenden Klassenerhalts. Denn die Bosse in Stuttgart träumen jetzt nicht von internationalen Spielen, sie wollen erstmal auf Nummer sicher gehen. Mislintat sagte also: "Wir beschäftigen uns nicht mit Europa, sondern mit Union Berlin."

Schon am Dienstagabend (20.30 Uhr/Sky) geht es zu Hause gegen den 1. FC Union weiter, die zweite große Positivüberraschung nach elf Bundesliga-Spieltagen. Die Berliner, die den VfB im Frühsommer 2019 in zwei engen Relegationsduellen (2:2, 0:0) in die 2. Liga bugsiert hatten, stehen in der Tabelle auf Platz sechs, das Stuttgarter Team folgt punktgleich mit 17 Zählern auf Rang sieben.

Ausschläge nach oben und unten gehören für Mislintat dazu

Die rote Zone, in der die Abstiegsangst um sich greift, ist weit weg. Das gibt Sicherheit, das sorgt für Ruhe. Aber es darf nicht zu Überheblichkeit führen. "Wichtig ist nur", sagte Sven Mislintat bei VfB-TV einen Tag nach dem 5:1, "dass man versteht, dass dieser Weg mit "ner jungen Mannschaft, mit entwicklungsfähigen Menschen" kein klar berechenbarer Weg sei. Man müsse bedenken, "dass es Ausschläge nach oben geben kann und nach unten. Wir setzen alles daran, dass es so wenige wie möglich nach unten gibt."

Also schaut er dem Spiel gegen Union Berlin mit viel Respekt entgegen. Man habe da "eine richtig schwere Aufgabe" vor der Brust. Zumal der VfB seit dem Aufstieg noch keine Partie im eigenen Stadion gewonnen hat (zwei Niederlagen, drei Unentschieden).

Aber bei aller professionellen Vorsicht - es war am Wochenende allemal angebracht, den VfB-Profis ein wenig zu huldigen. Deftige Worte fand der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger schnell nach dem 5:1-Triumph bei Twitter. "Ich könnt Konfetti kotzen, so happy bin ich über das, was ich gerade sehen durfte", schrieb er. Zum Kotzen war das Spiel nur für die Dortmunder. Aber Konfetti hatten sich die VfB-Spieler ebenso verdient wie Trainer Pellegrino Matarazzo.

Seine junge Mannschaft ist eine neue Attraktion der Bundesliga geworden - damit war nicht zu rechnen nach dem holprigen Aufstieg, nach dem vielen enttäuschenden Auftritten in der 2. Liga. Doch die Grundidee der VfB-Bosse im vergangenen Sommer, nicht auf erfahrene Zugänge zu setzen, sondern auf die Zuversicht, dass viele Spieler sich positiv entwickeln würden und die Bundesliga dem Potenzial der Stuttgarter Mannschaft entgegenkommen werde, hat sich bislang bestätigt. Das 5:1 in Dortmund war eine Demonstration in Sachen Qualität.

Mut auch gegen Champions-League-Teams

Sven Mislintat ist zuversichtlich, dass der VfB Stuttgart nicht plötzlich vom Kurs abkommen wird. "Das ist schon unser Anspruch, Spiele so anzugehen": mutig, auch wenn es ein Gegner aus der Champions League ist, frech, weil die offensiven Spielertypen im VfB-Kader perfekt für schnellen Umschaltfußball geeignet sind. "Nicht, wir kucken mal, was wir machen können", wie Mislintat am Sonntag sagte.

Vorsicht ist wichtig für einen Aufsteiger. Aber die Vorsicht gilt beim VfB Stuttgart jetzt zuerst der Eingrenzung einer unguten Euphoriewelle. Mislintat betonte: Gegen Union, "da nutzt uns ein 5:1 in Dortmund gar nichts". Die grundsätzlich mutige Spielphilosophie des VfB muss nicht reformiert werden.


Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

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