Der Fußball-Weise aus Heilbronn ist tot

Nachruf  Im Alter von 86 Jahren stirbt der langjährige und weltweit anerkannte Nachwuchs- und Nationaltrainer Dietrich Weise. Nicht nur in der Region ist die Trauer groß.

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Szene aus 2016: Zahlreiche Erinnerungsfotos, Geschenke und Dokumente fußballerischer Zeitgeschichte bewahrte Dietrich Weise in seinem Arbeitszimmer in Heilbronn auf. Gestern ist der ehemalige Fußballtrainer verstorben.

Foto: Andreas Veigel

Sein Arbeitszimmer war eine Schatztruhe. Von den Wänden lächelten Fußballgrößen wie Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski oder Andreas Möller. Hier hingen Wimpel wie jener vom DFB-Pokalfinale zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln, datiert auf den 15. April 1978. Im Regal standen Geschenke wie eine von zwei Fußballern eingerahmte gläserne Uhr - überreicht zum 65. Geburtstag vom SV Teuchern, seinem Heimatverein. Daneben sorgfältig aneinandergereihte Ordner mit Dokumenten fußballerischer Zeitgeschichte.

Dietrich Weise wird nicht mehr darin blättern. Der frühere Bundesligatrainer ist gestern im Alter von 86 Jahren in einer Heilbronner Einrichtung, bei der er nach einer Darm-Operation zur Kurzzeitpflege war, gestorben. Nicht nur in der Region, sondern bei all jenen Clubs, in denen er als Aktiver wie als Coach seine Spuren hinterlassen hat, auch beim DFB ist die Trauer groß. Um einen Experten, der nie mit seinem profunden Wissen prahlte. Dazu war der Fußball-Weise zu klug. Und schon gar nicht gab er mit seinen Titeln an - wie jenem mit den deutschen U 20-Junioren, die 1981 in Sydney WM-Gold geholt haben.

Die Meriten als Trainer waren über die nationalen Grenzen hinweg bekannt

Die Zeit als Fußballer bei der Spvgg Neckarsulm und dem VfR Heilbronn ist lange her, die Meriten als Trainer waren über die nationalen Grenzen hinweg anerkannt. Mit einer wohltuenden Mixtur aus Gelassenheit und Schalk sagte der Mann mit den weißen Haaren über seine Nachfolger: "Ich würde den jungen Kerlen raten, erst mal abzuwarten, aber viele brauchen Aufmerksamkeit."

Er brauchte sie nicht - und bekam sie doch. In sein Reich im Heilbronner Osten aber kam nur, wen er mit dem Aufzug hinauf bat. Hier oben, wo er den wohltuenden Ausblick auf das Köpfertal und die Weinberge genoss, klingelte immer mal wieder das Telefon - und alte Bekannte meldeten sich. Wie Erich Ribbeck, von 1998 bis 2000 Trainer der deutschen Nationalelf. Dann plauderten sie - und lästerten auch mal. "Hoffentlich werden wir nicht abgehört", sagte der DFB-Nachwuchstrainer bei einem Besuch. Weise sprach aus, was er dachte und handelte konsequent.

Dietrich Weise war ein Weltreisender in Sachen Fußball

Wie 1958, als Dietrich Weise die DDR verließ und seinen Eltern nach Heilbronn folgte. Mit 23 Jahren. Seine Spieler fanden die ehrlichen Worte nicht immer gut. Aber sie brachten Weise Anerkennung - auch im Ausland. Weil er 1981 während der U 20-WM in Australien die Spielweise der Ägypter lobte, standen sie später bei ihm im Sontheimer Hohrain vor dem Haus - mit Flugtickets und dem innigen Wunsch, er möge doch Al Ahly Kairo übernehmen.

Dietrich Weise war ein Weltreisender in Sachen Fußball. Rastlos. Jahrelang. Ob Scouting oder Final-spiele, internationale Großereignisse oder zum Karriereende noch das Engagement für Liechtensteins Nationalteam, stets getrieben vom Wunsch, alles für den Fußball zu geben. Weises Ehefrau Ilse kam nie mit ins Stadion. Und auch nicht nach Heilbronn. Dorthin aber zog es Dietrich Weise wieder. Weil er hier fand, was er so schätzte: Großstadt, aber keine zu große Stadt. Und Ruhe. Nun für immer.

Auf den Fußball blickte er immer am kritischsten

Im Unterland kannten ihn alle. Nicht nur auf den Fußballplätzen in Flein, Heilbronn oder Neckarsulm, wo er immer Eintritt zahlte. "Das lasse ich mir nicht nehmen", betonte Weise, "sie können das Geld ja der Jugend geben." Auch beim Eishockey oder Handball schaute der Sportinteressierte lange vorbei, ehe ihm die Gesundheit die Gelegenheiten nahm.

Auf den Fußball aber blickte er am kritischsten. Und mockierte sich stets darüber, "dass die Heilbronner nur meckern". Zu seinen Freunden zählte auch Eugen Lieb. Seine Frau und er kümmerten sich bis zuletzt um Dietrich Weise. "Wir haben einen Freund verloren, wir hatten ein gutes Verhältnis", sagt der Neckarsulmer gestern voller Trauer. Jetzt vermissen ihn alle. Und bewahren ihre Erinnerung an einen wahren Experten in ihrem Fußballerherzen.

Mentor, Vorbild und Freund

Ob Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer("Wir trauern um einen Menschen, der den Fußball gelebt hat"), Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz Körbel ("Er hat auf meine Karriere den größten Einfluss gehabt! Von ihm habe ich gelernt, was es bedeutet, Profi zu sein") oder Rolf Härdtner, Vereinschef der Neckarsulmer Sport-Union, alle reagieren bestürzt auf den Tod von Dietrich Weise: "Nicht nur ich habe einen Freund verloren, sondern der ganze Verein", sagte Rolf Härdtner gestern Abend unserer Zeitung. "Ich habe immer zu ihm aufgesehen." 


Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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