Als Union Böckingen in der Sportschau kam

Fußball  1966 schieden die Böckinger Fußballer nach zwei heißen Spielen gegen Werder Bremen im Viertelfinale der deutschen Amateur-Meisterschaft aus. Joachim Becker erinnert sich, der 73-Jährige war damals Vorstopper.

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Ausgleich: Eberhard Lindner trifft für die Union gegen Werder Bremens Schlussmann Gerhard Teupel zum 1:1-Endstand. 5000 Zuschauer waren am 13. Juni 1966 bei 30 Grad im Schatten im Stadion am See.

Foto: Archiv/Eisenmenger

Der 1. FC Heidenheim ist diese Woche nach Hin- und Rückspiel knapp an Werder Bremen gescheitert - das ist schon ganz anderen Vereinen aus Württemberg passiert. Zum Beispiel der Union Böckingen 1966. Es waren in jeglicher Hinsicht zwei heiße Spiele im Juni vor 54 Jahren gegen die Bremer Amateure. Vom spektakulären Hinspiel im Viertelfinale der deutschen Amateurmeisterschaft mit einem Eigen- und einem Wembleytor berichtete sogar am Abend die Sportschau. Joachim Becker erinnert sich: "Es war eine knappe Minute." Die für den damaligen Vorstopper der Rot-Weißen Folgen haben sollte.

Es war eine "morgendliche Sommerschlacht" im Weserstadion, berichtete die Heilbronner Stimme am 6. Juni 1966, mit "vier peinlichen Toren". Die um 10.30 Uhr angepfiffene Partie war eine enge Kiste. "Die Unionisten lieferten eine hervorragende Partie und hielten bis fünf Minuten vor Schluss ein 2:2. Ja, sie waren sogar dem Siegtreffer näher als die Grün-Weißen", war in der Montagausgabe zu lesen. Dem 0:1 war ein Fehler von Torhüter Werner Schnepf vorausgegangen; das 0:2 war ein Eigentor von Eberhard Lindner; beim 2:3 griff der "offenbar von der Sonne geblendete" Schnepf an einer Flanke vorbei; beim 2:4 der Eigenmarke Wembley war der Ball gar nicht im Tor, wie in der Zeitlupenaufnahme in der Sportschau zu sehen war und Fernsehsprecher Hugo Murero vom Westdeutschen Rundfunk anmerkte.

Einmal in der großen Fußballwelt

Trotz der Niederlage sei es eine Wahnsinnsrückfahrt im Zug gewesen, erinnert sich der heute 73-jährige Joachim Becker: "Da waren wir kleinen Böckinger einmal in der großen Fußballwelt. Wir hatten erstmals einen einheitlichen Trainingsanzug." Werner Schnepf habe von Bremen bis Hannover in der hintersten Ecke gesessen. Doch der kürzlich verstorbene Union-Schlussmann erhielt von der Deutschen Presse-Agentur positive Kritik: "Der überragende Spieler war Halbstürmer Kübler, der nicht nur beide Treffer erzielte, sondern mit seinem gekonnten Dribbling die Bremer mehr als einmal in Verlegenheit brachte. Außerdem überzeugten noch Lindner, der später verletzte Röhm und Torwart Schnepf."

Riesige Kulisse bei der Union

Union-Trainer Wolfgang Schmitz kündigte an: "In Böckingen werden wir ganz groß aufspielen." Doch eine Woche später begann Stimme-Redakteur Siegfried Schilling seinen Bericht mit dem Satz: "Revanchelüsterne Union, wo bist du geblieben?" Es war eine "Sonnenschlacht bei 30 Grad im Schatten", die diesmal vor 5000 Zuschauern 1:1 endete - für die matten Gastgeber hatte Eberhard Lindner per Strafstoß ausgeglichen. "Diese Kulisse war bei uns seinerzeit gang und gäbe. Es waren damals in der 1. Amateurliga, der dritthöchsten Spielklasse, aber auch gerne mal doppelt zu viele", sagt Joachim Becker, der damals als 19-jähriger Neckarsulmer seine "allerersten Spiele für die Union" bestritt. Junge Böckinger (Durchschnittsalter 22,1) schieden jedenfalls gegen noch jüngere Bremer (20,6) aus.

Freies Wochenende für den Soldaten Becker

Joachim Becker ist sein Gegenspieler Carsten Baumann in Erinnerung geblieben, der ihm vor dem 0:1 im Rückspiel enteilt war - Baumann entschied wenig später das mit 5:1 gegen Hannover 96 gewonnene Finale quasi im Alleingang, traf drei Mal. "Er ist der einzige der Bremer gewesen, der später bei den Profis Fuß gefasst hat", sagt Joachim Becker. Er bewachte damals als Soldat die innerdeutsche Grenze. "Mein Vorgesetzter hat unser Spiel damals in der Sportschau gesehen - ab da hatte ich jedes Wochenende frei und konnte für die Union spielen."

Die im Viertelfinale eingesetzten Spieler der Union Böckingen: Werner Schnepf, Klaus Kliebisch (Tor), Harald Petras, Willi Kuhn, Klaus Pfitzer, Dieter Wölfel, Joachim Becker, Horst Hägele, Eberhard Lindner, Werner Röhm, Martin Kübler, Dieter Feil.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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