Adamyan weiß genau, wie man die Großen ärgert

Fußball  Der Hoffenheimer Fußball-Profi hofft nach achtmonatiger Verletzungspause auf sein Bundesliga-Comeback und spricht nicht nur über seinen Beruf, sondern auch die politische Situation in seiner Heimat.

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Der Torjubel danach: Im Hintergrund freut sich Teamkollege Sebastian Rudy mit. Die beiden duellieren sich auch gern im Tischtennis.

Komplizierte und weite Wege kennt Sargis Adamyan ganz gut. Mit 24 Jahren kickte er noch in der Regionalliga Südwest, mit 26 sorgten seine beiden Tore vor einem Jahr für den ersten Hoffenheimer Sieg beim FC Bayern München. Fünf Tore in 15 Spielen als Erstliga-Neuling: Da hatte einer einen Lauf, der Anfang Februar dieses Jahr zu einem abrupten Halt kam.

Sprunggelenk als Grund für Leidenszeit

Mehr als acht Monate ist sein letztes Bundesligaspiel für die TSG Hoffenheim nun her. Ein kompliziertes 2020 liegt hinter dem Armenier. Anfang Februar knickte Adamyan gegen Bayer Leverkusen um. Simple Sprunggelenksprobleme verwandelten sich in eine lange Leidenszeit.

"Es gab ein paar Komplikationen, ich musste nochmals operiert werden. Alles hat etwas länger gedauert", sagt Sargis Adamyan, der seine Stärken im linken offensiven Mittelfeld besitzt, aber auch schon als Sturmspitze überzeugte. "Es war eine schwierige Zeit, ich bin froh, dass ich wieder ohne Schmerzen bin", sagt er.

Er ist der Mann, der am liebsten die Großen ärgert. Das war in der 2. Liga schon so, als er im Trikot von Jahn Regensburg gegen den Hamburger SV in 180 Minuten vier Tore erzielte. Das Hoffenheimer Startelf-Debüt in der Bundesliga verzierte er mit einem Doppelpack gegen den FC Bayern München, den Heimsieg gegen Dortmund im Dezember 2019 ermöglichte er mit einem Tor und einer Vorlage. Ist das nun Zufall oder Masche? "Die großen Gegner scheinen mir zu liegen. Wenn ich es könnte, dann würde ich gerne immer treffen", sagt Sargis Adamyan und lächelt während des Videogesprächs in die kleine Computer-Kamera.

Jetzt geht es um die Spritzigkeit

Was wäre da passender als ein Comeback an diesem Samstag, wenn Borussia Dortmund ab 15.30 Uhr in der Sinsheimer Arena gastiert? "Mein Ziel ist, so schnell wie möglich wieder ins Team reinzukommen. Ich denke schon, dass ich bei 95 Prozent bin", sagt Adamyan. Sein Trainer macht ihm Hoffnung auf ein baldiges Comeback: "Er ist wieder in Schlagdistanz. Jetzt geht es darum, den Feinschliff, die Spritzigkeit zu bekommen", sagt Sebastian Hoeneß: "Dann wird er in naher Zukunft für uns eine gute Alternative sein." Adamyan ist sich sicher: "Bis Dezember sind es praktisch nur Englische Wochen." Heißt: Meine Zeit kommt sicher.

Adamyan weiß genau, wie man die Großen ärgert

Das Tor zum 1:1 beim 2:1 gegen Borussia Dortmund am 20. Dezember 2019: Sargis Adamyan (Mitte) kommt für die TSG Hoffenheim in 15 Bundesligaspielen auf fünf Tore. Eine durchaus beachtliche Erfolgsquote.

Fotos: dpa

Zuletzt hatte der 27-Jährige mit Sebastian Hoeneß ein offenes Gespräch. "Wenn man so lange Zeit weg war, muss man auf Einsatzzeiten kommen", sagt Adamyan. In der U 23 in der Regionalliga sammelte er Wettkampfpraxis - und reiste mit "Hoffe zwo" zurück somit kurioserweise zurück in die eigene Vergangenheit. Beim hessischen TSV Steinbach begann im Sommer 2017 mit dem Wechsel nach Regensburg sein Weg in den Profifußball. "Der Club war mein Sprungbrett", sagt Sargis Adamyan. Es hat ihn weit und hoch katapultiert. Innerhalb von 24 Monaten aus Liga vier in Liga eins. Dabei geht der Blick auch immer wieder in die Heimat, für die er im November wieder Länderspiele bestreiten wird.

Onkel und Tante in Jerewan

Die gesamte Welt ist im Corona-Modus. Für einen Konflikt im Kaukasus fehlt es gerade an öffentlicher Wahrnehmung. "Dort sterben jeden Tag so viele Menschen, dass das so wenig Aufsehen international erregt, ist bitter", sagt Adamyan über die Gefechte zwischen Armenien und Aserbaidschan in der Konfliktregion Berg-Karabach. In der Hauptstadt Jerewan leben noch Onkel und Tante.

"Es gibt einige Mitspieler, die fragen mich schon, was da gerade passiert", sagt Adamyan. Als er viereinhalb Jahre alt war, verließ die Familie Armenien, der Vater gab seine Schuhfabrik auf. "Ich bin einfach in den Kindergarten und in die Schule gegangen. Da lernt man dann die Sprache schon leichter als die Eltern", erinnert er sich an die späten 90er Jahre, als er viel Zeit auf dem Bolzplatz verbrachte, wo weder Religion noch Herkunft zähle.

Tischtennis half bei der Integration in der neuen Heimat, Klein-Sargis hatte durchaus ein talentiertes Händchen, war sogar mal Landesmeister von Mecklenburg-Vorpommern. Ob er es auch im Tischtennis bis in die Bundesliga geschafft hätte? "Das Talent hatte ich, aber Fußball hat irgendwann mehr Spaß gemacht", sagt er. In Hoffenheim hat er in Sebastian Rudy einen Kontrahenten auf Augenhöhe gefunden. Der Konkurrenzkampf ist groß bei der TSG, nicht nur an der Tischtennisplatte.

 

Im Sommer 2019 verpflichtete die TSG Hoffenheim Sargis Adamyan für 1,5 Millionen Euro aus Regensburg. Auf herausragende Zweitligakicker zu setzen, das ist eine erfolgreiche Strategie bei der TSG. Das funktionierte auch bei Kerem Demirbay, der 2019 für 32 Millionen Euro nach Leverkusen verkauft wurde. Adamyan ist seit sechs Jahren mit Anna Wilken liiert, die aus einer Model-Casting-Show im TV bekannt ist. 

 

Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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