Nagelsmann über Schreuder: "Alfred spricht mit seinen Spielern deutlich härter als ich"

Fußball  Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann spricht im Stimme-Interview über seinen Nachfolger bei der TSG Hoffenheim, das Wiedersehen mit seinem ehemaligen Club am Samstag und angebliche Disziplinlosigkeiten aus der Kabine.

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"Alfred spricht mit seinen Spielern deutlich härter als ich"

Foto: dpa

Montag, 10.25 Uhr. Julian Nagelsmann sitzt gut gelaunt im Trainingszentrum von RB Leipzig, das ist auch durchs Telefon vernehmbar. 30 Minuten lang nimmt sich der Fußballlehrer vor dem Samstag-Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim Zeit für dieses Interview.

Herr Nagelsmann, Ihre Mannschaft hat von Ihnen nach dem 3:2 in Paderborn zwei freie Tage spendiert bekommen. Mit was haben Sie sich für eine erfolgreiche Woche belohnt?

Julian Nagelsmann: Mit nichts. Ich muss ja Interviews wie das hier geben, die nächste Trainingswoche und den nächsten Gegner vorbereiten.


Der heißt am Samstag TSG 1899 Hoffenheim.

Nagelsmann: Es ist natürlich eine besondere Partie, weil ich neun Jahre im Verein war und mich freue, viele bekannte Gesichter wiederzusehen. Ich weiß natürlich ein bisschen mehr über die einzelnen Spieler Bescheid, diese aber auch über mich.


Wie intensiv haben Sie denn Ihren Ex-Club in den vergangenen Wochen und Monaten verfolgt?

Nagelsmann: Ich habe schon viele Spiele gesehen. Die schwierige Anfangszeit war recht normal, bei den Abgängen, die sie hatten. Natürlich schaut man da genauer hin, was die alten Jungs so machen, wie sie sich entwickeln, was sie vielleicht anders machen.


Was vermissen Sie in Bezug auf die TSG 1899 am meisten?

Nagelsmann: Die Menschen im Verein. Mit manchen habe ich ja neun Jahre zusammengearbeitet. Der Austausch ist noch da, aber es ist was anderes per Whats App oder Telefon, als wenn man sich täglich sieht. Da ist der Kontakt eben oberflächlicher. Außerdem fehlt mir hier in Leipzig der Süßigkeitenschrank von Christian Frommert (Mediendirektor der TSG, Anmerkung der Redaktion). Da habe ich mir vor Pressekonferenzen das eine oder andere "Nimm zwei" gegönnt.


Wie sah der Austausch mit Ihrem Nachfolger Alfred Schreuder zuletzt aus?

Nagelsmann: Wir haben uns ab und zu mal geschrieben, aber nicht wirklich viel. Er hat mich nach seinem Amtsantritt nicht angerufen und ausgefragt zur Mannschaft, denn er kannte ja einen Großteil der Spieler schon. Ich werde ihm diese Woche sicherlich keine Wette anbieten. Wenn er eine möchte, dann muss ich schauen, ob sich der Einsatz lohnt (lacht). Im Ernst: Am Samstag will jeder drei Punkte holen, auch ohne Wetteinsatz.


Sie kennen Alfred Schreuder gut aus der gemeinsamen Zeit in Hoffenheim. Welche Fähigkeit von ihm hätten Sie denn gerne?

Nagelsmann: Ich denke, wir sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich, gerade auch was die Siegermentalität angeht. Aber vielleicht wäre ich ab und an gerne ein bisschen mehr ein Hardliner, das ist er nämlich.


In Bezug auf was?

Nagelsmann: Ich glaube, er spricht mit seinen Spielern deutlich härter als ich. Ich bin ja nicht im Training dabei, aber als Co-Trainer hat er zum Beispiel mal Niklas Süle vor versammelter Mannschaft zusammengefaltet, dass es gekracht hat. Da ist er schon etwas anders als ich.


Der Umbruch in Hoffenheim war groß im Sommer. Hat es Sie überrascht, dass mit Ihnen so viele Spieler den Verein verlassen haben?

Nagelsmann: Überrascht hat mich das nicht. Ich hatte es im vergangenen Jahr immer mal versucht, durch die Blume zu sagen, dass einige Spieler im Kader waren, die mit einem Wechsel geliebäugelt haben. Da hat vielleicht auch mein Weggang einen Teil dazu beigetragen. Das war sicherlich auch ein Grund, warum wir am Ende die Kurve nicht mehr so gekriegt haben, wie wir sie hätten kriegen können. Weil einige Spieler schon gewusst haben, für den Trainer geht es hier nicht mehr weiter, für mich geht es hier nicht mehr weiter.


Mit welchen Folgen?

Nagelsmann: Dann hat die Überzeugung bis zur letzten Sekunde nicht mehr ganz gereicht. Als Hoffenheim musst du Spieler, die du für drei Millionen holst und für 34 Millionen verkaufen kannst, auch gehen lassen. Der Verein braucht diese Transfererlöse, um überleben und auch wieder investieren zu können. Dazu kommt das Gehaltsgefüge: Wir hätten einen Spieler wie Kerem Demirbay nur halten können mit einem Angebot, das extrem weit über dem der anderen gelegen hätte. Bei einer gewissen Ablöse musst du als Verein dann eben auch reagieren. Das war in den Jahren zuvor auch schon so, nur nicht in der Hülle und Fülle.
 

Was halten Sie davon, wie die TSG die vielen Abgänge ersetzt hat?

Nagelsmann: Die Neuzugänge sind typisch für Hoffenheim. Kevin Vogt oder Benjamin Hübner waren damals auch nicht unbedingt Spieler, die jeder Verein haben wollte. Adamyan, Skov, Stafylidis - alles Spieler, die nicht jeder kannte, aber die überwiegend ganz gut einschlagen.


Was erwarten Sie für Samstag? Wird es eher ein offener Schlagabtausch oder eine Partie, die von der Taktik geprägt sein wird?

Nagelsmann: Für die Hoffenheimer Jungs wird das schon was Besonderes, die werden sich gegen ihren alten Trainer richtig reinhauen, das ist klar. Ich gehe aber davon aus, dass es kein extrem offener Schlagabtausch wird.


Warum?

Nagelsmann: Hoffenheim hat eine andere Idee mittlerweile. Sie sind grundsätzlich eher Richtung Konter ausgerichtet, stehen tiefer, verdichten die Räume und versuchen, mit viel Spielkontrolle nach vorne zu kommen. Sie spielen nicht mehr mit diesem großen Risiko und dem extremen Tempo nach vorne, sondern sind ein bisschen mehr auf Ballbesitz ausgelegt, gerade in der letzten Linie.


Haben Sie sich als Trainer in ihrer Art in Leipzig eigentlich verändert?

Nagelsmann: Ich bin immer noch derselbe Typ, habe aber hier eine ganz andere Kaderstruktur vorgefunden. Eine Mannschaft, die grundsätzlich mehr auf die Defensive ausgelegt war. Mit Hoffenheim war das anders, da hatten wir größere Probleme, die Gegner vom Tor wegzuhalten. Da war es nicht immer einfach, so viele Tore zu schießen, dass es am Ende für den Sieg reicht. Dass immer mal wieder von Disziplinlosigkeiten in der Kabine zu lesen war, darüber kann ich nur müde lächeln. Die gab es nicht. Das waren ganz normale Dinge, die über das Jahr in jeder Mannschaft passieren und die auch dieses Jahr in Hoffenheim und in Leipzig wieder passieren werden. Die Mannschaft war zu keiner Zeit disziplinlos, daher habe ich auch meine Art und Weise nicht ändern müssen.


Wie nahe am Optimum ist RB nach vier Ligasiegen in Serie momentan denn schon?

Nagelsmann: Im Gegensatz zu Hoffenheim haben wir aufgrund der Champions-League-Spiele keine Trainingszeit. Gefühlt vor zwei Monaten waren mal alle Spieler im Training. Weil wir 15, 16 Nationalspieler haben, die bei ihren Auswahlen Stammspieler sind, muss ich denen auch mal zwei Tage am Stück freigeben. Es gab Spiele wie gegen Mainz (8:0) oder im Pokal in Wolfsburg (6:1), in denen wir außergewöhnlich gut gespielt haben. Wir machen es insgesamt gut, sind aber in vielen Bereichen noch nicht am Ende der Entwicklung.


Hat es Sie überrascht, wie schnell Ihre neue Mannschaft Ihre Ideen umsetzt?

Nagelsmann: Eigentlich nicht. Grundsätzlich haben die Jungs hier was die Defensive angeht eine super Ausbildung bekommen, das über drei, vier Jahre schon richtig verinnerlicht. Allein durch eine defensive Grundstabilität - was wir in Hoffenheim nicht immer hinbekommen haben - kannst du Spiele in der Bundesliga gewinnen. Das Grundgerüst war da, aber die ersten sechs Wochen in der Vorbereitung habe ich hier schon auch mal gedacht: Wir werden doch auch mal bitteschön einen Flachpass hinbekommen. Es sind viele Neuzugänge da, die noch gar nicht so richtig gezündet haben. Es gibt einige Spieler, die noch nicht am Limit sind.

 


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik. 

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