Nagelsmann: „Es gibt bestimmt eine Übersättigung bei den Fans“

Fußball  Der Fußball ist eine Gefahr für sich selbst: Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann blickt im Interview über den Tellerrand dieses Geschäfts hinaus und verrät, wie viel er schon für seinen künftigen Arbeitgeber RB Leipzig macht.

Von Florian Huber
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Julian Nagelsmann
Zum Abschied von der TSG im Mai werden Tränen fließen. Da ist sich Trainer Nagelsmann sicher. Foto: dpa

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann blickt im Interview mit der Heilbronner Stimme über den Tellerrand des Fußballgeschäfts hinaus. Hier verrät er, wie viel er schon für seinen künftigen Arbeitgeber RB Leipzig macht und weshalb im Mai Abschiedstränen fließen werden. Warum Nagelsmann keine Einzelgespräche mit unzufriedenen Spielern mag – und welche Gefahr der Fußball für sich selbst ist.

 

Herr Nagelsmann, haben Sie vor dieser Rückrunde mehr Respekt, weil es Ihre letzte mit der TSG Hoffenheim ist?

Nagelsmann: Vom Sportlichen her grundsätzlich nicht, vom Emotionalen her schon ein bisschen. Es gibt besondere Momente. Zum Beispiel, wenn Dir bewusst wird, dass das gerade eben die Besprechung mit Mannschaft und Trainerteam für deine letzte Vorbereitung in Hoffenheim war. Mit jedem Spiel geht es halt mehr Richtung Ende zu. Ein wenig traurig bin ich, dass das letzte Spiel kein Heimspiel ist. Das finde ich schade. Sportlich habe ich nicht mehr Respekt, weil das Team leicht zu führen ist und in der Mannschaft super Charaktere sind. Ich habe noch keine Sekunde gedacht, dass es ein Problem geben könnte, weil mein Abschied naht. Aber emotional wird es sicher etwas Besonderes.

 

Wie emotional wird denn der Abschied im Mai?

Nagelsmann: Es wird nicht nur berufsbedingt emotional nach neun Jahren hier in diesem Verein. Bei uns kommt die private Komponente dazu, weil sich meine Frau hier sehr, sehr wohlfühlt, viele Freunde gefunden hat. Für sie ist die Region hier fast schon mehr Heimat als München. Es werden auf jeden Fall ein paar Tränchen vergossen werden. Da bin ich mir sicher.

 

Haben Sie die Befürchtung, dass Sie mit dem Team nicht den europäischen Wettbewerb erreichen und Ihre Zeit somit unvollendet bleibt?

Nagelsmann: Wir haben als Gruppe die Messlatte schon recht hoch gelegt. Im DFB-Pokal und in der Champions League haben wir zwar nicht das erreicht, was ich erreichen wollte. Aber vom Grundsatz her wird der Klub national und international schon anders wahrgenommen als vor meiner Zeit. Ich wünsche dem nächsten Trainer genauso viel Erfolg oder sogar noch mehr, dass die Arbeit von mir etwas gebracht hat und der neue Mann einige Früchte ernten kann. Für die Rückrunde bleibe ich wie immer Optimist und rechne damit, dass es eine sehr gute Halbserie werden wird.

 

Was muss der Verein tun, damit er dauerhaft um die Top vier mitspielen kann?

Nagelsmann: Das ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Es ist sicherlich erstrebenswert, sich dort zu etablieren, um das Volumen, das man in die Mannschaft investieren kann, hoch zu schrauben. Aber es ist keine Selbstverständlichkeit, es zu schaffen. Wir haben bei den Transfers, gemeinsam mit Alexander Rosen und den Scouts, sehr viele gute Entscheidungen getroffen. In den vergangenen drei Jahren waren extrem viele Schnäppchen dabei, die sich hervorragend entwickelt haben.

Solange es keine Regularien und Gehaltsobergrenzen von der Fifa gibt, wird es darum gehen, klug in den Kader zu investieren. Und es wird auch nicht immer so funktionieren wie im Fall von Kerem Demirbay, Kevin Vogt oder Benjamin Hübner, um nur einige zu nennen, die hier eingeschlagen haben. Man muss schon versuchen, durch die Platzierungen und internationalen Qualifikation mehr Einnahmen zu bekommen. Im Moment sind wieder die finanzstärksten Clubs in Deutschland vorne, die Bundesliga ist fast identisch mit der Etat-Tabelle. Und auch wenn es keiner glaubt, wir in Hoffenheim gehören finanziell nicht zu den Spitzenteams. Heißt: Es ist gewiss nicht ganz einfach, oben dran zu bleiben.

 

Weiß ihr vierjähriger Sohnemann denn schon, dass er ab dem Sommer in einen anderen Kindergarten geht, dass er mit Mama und Papa nach Leipzig umzieht?

Nagelsmann: Er hat das schon realisiert, er weiß bereits, dass es woanders hingeht. Er war in Leipzig mit seiner Mutter schon im Zoo. Er hat sich schon unsere neue Wohnung angeschaut. Im Gegensatz zu mir kennt er sie also schon. Ich bezahle sie bislang nur (lacht).

 

Sind Sie eigentlich in Ihre Nachfolge-Frage hier in Hoffenheim mit eingebunden?

Nagelsmann: Ich habe meinen Rat immer angeboten, auch im Gespräch mit Dietmar Hopp. Natürlich stehe ich auch im Austausch mit Alexander Rosen, Peter Görlich und Frank Briel. Aber letztlich muss ich nicht involviert sein, weil es nicht meine Baustelle ist. Natürlich hoffe ich, dass der Club den bestmöglichen Nachfolger findet und biete dem neuen Trainer bei der Übergabe meine Hilfe an, weil ich den Kader besser kenne als jeder andere in diesem Club. Aber wenn es nicht gefragt ist, bin ich auch nicht böse.

 

Wurden die Vorgänge mit Hoffenheim abgesprochen, wann Sie wie mit Leipzig Kontakt haben?

Nagelsmann: Wir kommunizieren alle hier völlig offen. Natürlich hatte ich auch in der Winterpause ein Gespräch mit Leipzig, das ist ja völlig normal, dass es Austausch gibt, aber das tangiert meine Arbeit hier nicht. Es läuft alles in einem überschaubaren Rahmen, und ich finde es gut, wie Hoffenheim und Leipzig das handhaben. In der digitalen Welt geht das ja alles schnell, da kriegt man eine WhatsApp und man schreibt eine WhatsApp zurück. Grundsätzlich gab es in Leipzig für mich nur einmal eine Sitzung, auf welchen Positionen ich gerne neue Spieler hätte. Und da gab es einmal den Austausch mit Namen, die auf der Liste stehen. Der Rest wird nun dort vorbereitet und ich muss nur noch Ja oder Nein sagen. Es ist also nicht so, dass ich jeden Tag drei Stunden investieren muss und in Hoffenheim etwas darunter leidet. 

 

Ist es klar, wer vom TSG-Stab zu RB mitgeht?

Nagelsmann: Das ist schon bekannt - Benjamin Glück (Spielanalyst, Anmerkung d. Red.) und Timmo Hardung (Teammanager). 

 

Wechseln auch Spieler mit Ihnen nach Leipzig?

Nagelsmann: (Lacht) Nö, ich glaube, die sind hier alle ganz zufrieden. Ich werde aktiv keinen Spieler abwerben. Natürlich gibt es Spieler, die sagen, das war schön mit Julian und ich würde gerne mit ihm weiter machen. Dann ist das der Spielerwunsch und der Spieler darf es gerne selbst regeln.

 

Stehen bei der TSG Perspektivspieler zur Debatte, die im Winter dazugeholt werden?

Nagelsmann: Aktuell nicht, was auch daran liegt, dass noch kein neuer Trainer da ist. Diese Entscheidung ohne ihn zu treffen, würde aus Vereinssicht wenig Sinn machen.

 

Gilt das auch für die Torhüterposition oder ist da noch Bewegung denkbar?

Nagelsmann: Erst einmal lassen wir das so. Wir müssen in der Vorbereitung schauen, wie es die Jungen (Daniel Klein von der U19 und Stefan Drljaca von der U23, Anm. d. Red) machen und ob wir ihnen zutrauen, die Nummer zwei oder drei in der Bundesliga zu sein. Natürlich hängt es auch davon ab, ob sich einer verletzt. Aber Oliver Baumann hatte während meiner Zeit hier noch nicht einmal eine Zerrung. Ich hoffe, dass er das halbe Jahr auch verletzungsfrei durchhält.

 

Von welchen Spielern erwarten Sie in der Rückrunde den nächsten erkennbaren Entwicklungsschritt?

Nagelsmann: Grundsätzlich erwarte ich das von allen. Aber wir haben natürlich schon ein paar hochtalentierte Spieler, wie zum Beispiel Robin Hack, in dem so viel Talent schlummert. Leider bekommt er es wegen zu geringer Trainingsbeteiligung nicht hin, das zu zeigen. Er war sehr oft angeschlagen. Sein Körper muss noch etwas reifen. Er ist einer, der mehr zeigen darf, weil er ein großes Talent ist - und natürlich auch, weil er ein wichtiger Spieler für den Verein ist, der in das Ausbildungskonzept passt - ähnlich wie Niklas Süle. Von den Neuzugängen war keiner über die Hinrunde mega-stabil. Es gab Phasen, in denen Neuzugänge sehr gut drin waren, aber auch Phasen, in denen sie komplett raus waren. Hier ist eine Konstanz über die Rückrunde hinweg wichtig. Zudem müssen wir mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld und bei Standards entwickeln, um erfolgreicher zu sein.

 

Der Hoffenheimer Kader war und ist groß. Wie halten Sie alle Jungs bei Laune? Wie viel Platz nimmt die „Moderation mit den Unzufriedenen“ bei Ihnen ein?

Nagelsmann: Wir machen uns im Trainerteam immer sehr lange Gedanken über die Kadernominierung; manchmal diskutieren wir anderthalb Stunden. Ich verstehe grundsätzlich, dass ein Profi unzufrieden ist, wenn er nicht spielt. Auf der anderen Seite ist es aber doch so, dass es einem Spieler alles in allem nicht schlecht geht, auch wenn er mal nicht spielt. Im Jugendfußball war das dramatischer: Wenn du da einen Spieler nicht für den Kader nominierst, entfernt er sich immer ein Stück weiter von seinem Traum. Ein Profispieler bekommt trotzdem sein Gehalt, und es geht ihm am Ende des Monats trotzdem gut. 

 

Wo liegt denn das Problem aus Spielersicht?

Nagelsmann: Es ist im Grund immer das Gleiche: Wenn ein Spieler nicht spielt, vermutet er mangelndes Vertrauen. Aber als Trainer entscheidest du dich für einen Spieler und nicht gegen einen anderen. Wenn das die Jungs verstehen, gibt es auch weniger Unmut. Es bringt einfach nichts, andauern unzufrieden zu sein, weil Spieler dann in einen Teufelskreis kommen und durch die Unzufriedenheit auch wieder schlechter trainieren. Steven Zuber ist hier ein Vorzeigeprofi: Wenn er nicht spielt, ist er auch sauer auf mich, gibt aber dennoch im Training immer Gas.

Andere sind dagegen sauer und trainieren bewusst schlechter. Damit tun sie mir aber nicht weh, sondern schaden sich selbst. Irgendwie steckt man im Fußball in einer Blase und hängt das Thema Fußball zu hoch. Wenn man aber einen Schritt zurücktritt und auf diese Blase draufschaut, müsste man erkennen: Jetzt spiele ich halt mal nicht, aber mir geht es ja trotzdem sehr gut in meinem Leben, ich gebe weiter Gas und dann ist doch alles nicht so dramatisch.

 

In dieser Sache sind doch aber auch Familie, Berater und das Umfeld des Spielers gefragt.

Nagelsmann: Es ist besser, nicht nur im Hier und Jetzt zu denken, sondern auch einmal vorauszuschauen. Wir hatten in der Hinrunde doch so viele Startelf-Änderungen. Da kommt die Chance für jeden wieder. Es nutzt doch nichts, ein Gesicht zu ziehen. Das mit dem Vertrauen ist ja wieder wie mit dem Huhn und dem Ei: Was kommt zuerst? Muss erst Vertrauen kommen, damit ich gut spiele oder muss ich erst gut spielen, damit Vertrauen entsteht? Man kann ja unzufrieden sein, doch mag ich es nicht, wenn man das extrem zur Schau stellt.

 

Das hört sich aber schon so an, als ob Sie solche Gespräche öfters haben führen müssen …

Nagelsmann: Da bin ich nicht der Einzige. Solche Gespräche hast du als Trainer nun einmal zu führen.

 

Sie haben schon zu Beginn Ihrer Amtszeit betont, wie wichtig Führungsqualitäten eines Trainers sind. Wie sah in diesem Bereich Ihr Lernprozess aus?

Nagelsmann: Ich bin kein großer Freund von extrem vielen Einzelgesprächen. Es werden aber immer mehr, die Spieler verlangen das. Es ist scheinbar eine Entwicklung, die das „Ich“ immer mehr in den Vordergrund schiebt. Es geht mehr und mehr um die Eigenvermarktung. Auch soziale Medien spielen dabei eine Rolle. Die große Kunst des Trainers wird es in Zukunft sein, die Gruppe auf ein Ziel hinzusteuern, bei allen individuellen Zielen und Plänen, die Spieler haben und die der Coach auch irgendwie berücksichtigen muss.

 

Jeder Profi denkt erst einmal an sich.

Nagelsmann: Diese „Ich-AGs“, und das meine ich gar nicht negativ, brauchen extrem viel Zuwendung über Vier-Augengespräche. Davon bin ich eigentlich kein Freund, weil man oft nur zusammensitzt  um des Zusammensitzen-Willens. Stattdessen wäre der Austausch im Mannschaftskreis vielleicht ratsamer. Aber hinter dem Spieler stehen oft Berater, die sagen: Komm, geh’ direkt zum Trainer, es geht um dich und deine Karriere. Das Thema Führung wird auf jeden Fall von Jahr zu Jahr bedeutender und so umfangreich, dass du das als Cheftrainer alleine nicht leisten kannst, weil sonst irgendetwas anderes darunter leidet. Da braucht man schon ein Trainerteam und einen Sportdirektor, die ebenfalls bei Vier-Augen-Gespräche unterstützen.

 

Fußballerisch waren Sie mit der Vorrunde zufrieden. Bleibt die Art des fußballerischen Vortrags bei der TSG in der Rückrunde gleich oder wollen Sie schon noch einmal den einen oder anderen neuen Trend setzen?

Nagelsmann: Viele lechzen danach, immer neue Trends zu sehen. Doch das ist extrem schwer. Das letzte große Ding waren die nach innen gerückten Außenverteidiger von Pep Guardiola. Was aber jetzt auch nicht die Riesen-Umwälzung war, da die anderen Positionen genauso besetzt waren wie zuvor. Dieser Sport ist mittlerweile so stark aufgedröselt in seine Einzelteile, dass es einfach wenig Trends zu setzen gibt. Es geht darum, die Dinge, die man als seine Philosophie beschreibt, zu festigen und sie so gut umzusetzen, dass man erfolgreich ist. Grundsätzlich wollen wir weiter fußballerische Lösungen finden, nicht nur aus ästhetischen Gründen.

 

Das hat ja bisher auch gut geklappt ...

Nagelsmann: Ob da jetzt ein Trend daraus wird, weiß ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass es in den nächsten Jahren einen großen Trend geben wird. Der Sport wird immer extremer durch die vielen Daten, nicht nur durch die physiologischen, sondern auch die zunehmenden taktischen Daten. Der Trend an sich wird eher in der Peripherie stattfinden. Extreme Neuerungen wird es wohl erst dann geben, wenn es eine Regeländerung geben sollte, wie zum Beispiel mehr Wechsel. Dann könnte sich schon etwas verändern, wenn man beispielsweise mal einen Standardspezialisten für fünf Minuten reinbringt.

 

Besteht im Fußball die Gefahr, dass man das Spiel „zu Tode“ analysiert?

Nagelsmann: Ich sehe eine Gefahr eher in der Fülle der Spiele. Mir werden beispielsweise rund um eine Partie immer dieselben Journalisten-Fragen gestellt. Auf dem Weg von den TV-Interviews zur Pressekonferenz nach Abpfiff denkt man sich: Könnten die jetzt nicht mal was Neues fragen? Aber dann stellt man ehrlicherweise fest: Es gibt ja auch nix anderes zu fragen. Es besteht einfach die Gefahr, dass man zu viele Wettbewerbe installiert, und die Fans so überfrachtet, dass sie keine Lust mehr haben, das alles zu sehen - und lieber etwas anderes machen. Interessant ist doch immer nur das, was man nicht im Überfluss bekommt.

 

Weniger Fußball wäre also mitunter mehr.

Nagelsmann: Es gibt extrem viel Fußball-Spiele und Übertragungen und Berichte dazu rund um die Uhr, das begeistert dann vielleicht nicht mehr so. Da sucht man sich etwas Neues. Diesen Trend sieht man doch überall. Selbst im Fußball gibt es ein Vereinssterben wie noch nie in der Bundesrepublik.

 

Woran liegt das?

Nagelsmann: Es gibt bestimmt eine Übersättigung bei Fans, Zuschauern oder Amateurfußballern durch die Vielzahl der Spiele und tausendfachen Analysen von all den Experten. Fußball ist grundsätzlich ein einfaches Spiel, das die Massen bewegt. Es darf aber nicht inflationär werden. Die Kinder gehen dann irgendwann nicht mehr auf den Fußballplatz und rennen dem Ball hinterher. Selbst bei meinem Heimatverein gab es früher vier F-Jugend-Mannschaften. Jetzt ist da eine Spielgemeinschaft, damit sie überhaupt eine Mannschaft zusammenbekommen.

 

Besteht nicht auch eine Gefahr für den Fußball darin, dass sich mancher Trainerkollege mitunter allzu kompliziert ausdrückt?

Nagelsmann: Das muss jeder für sich entscheiden. Jeder hat da seine eigene Wortwahl. Außerdem werden von Trainern mittlerweile rund um die Uhr zu allen Themen Stellungnahmen eingefordert. Dabei erzähle ich dann manchmal auch mehr als ich sollte. Und manchmal wird ein halber Skandal draus. Aber ganz ehrlich: Es würde mich sonst auch langweilen, wenn ich bei jeder Pressekonferenz immer nur Fragen zum Kader beantworten müsste.

 

Wie hat sich das Trainergeschäft in den vergangenen drei Jahren entwickelt?

Nagelsmann: Der rasante Anstieg der Erwartungshaltung, im Fußball ist schon heftig. Das Vergangene ist nichts mehr wert, wenn es in der nächsten Woche mal nicht so läuft. Das ist schon extrem, das gibt es in wenigen anderen Berufen. Wenn du in einem anderen Job irgendwo ein Projekt hast, dann dauert das vier Monate. Dann schaust du darauf zurück und sagst: Das war gut. Das war weniger gut. Bei uns ist der Bewertungszeitraum oft nur eine Woche lang. Zwar versucht man sich als Verein von dieser überzogenen Erwartungshaltung zu lösen, aber wenn man mal ganz ehrlich zu sich selbst ist, dann wächst die Erwartungshaltung nach Erfolgen auch im Club selbst.

 

Können Sie das mal verdeutlichen?

Nagelsmann: Wenn wir in Düsseldorf verlieren, dann sagt jeder: Wie kann denn Hoffenheim gegen Düsseldorf verlieren? Vor vier Jahren noch wäre eine Niederlage akzeptabel gewesen. Wenn wir in der Rhein-Neckar-Arena gegen Dortmund 1:1 spielen, dann sagt jeder: Das Spiel musst du eigentlich gewinnen. Erfolg wird schnell zur Selbstverständlichkeit.

 

Was lässt sich dagegen tun?

Nagelsmann: Entweder auf die Euphoriebremse treten - wovon ich eigentlich kein Freund bin -, oder einfach gewinnen. Etwas anderes bleibt dir nicht übrig.

 

Sie haben die Euphorie in Hoffenheim im Sommer ja aber auch geschürt, in dem vom maximal Machbaren die Rede war, der Meisterschaft.

Nagelsmann: Wir probieren immer noch Meister zu werden, auch wenn das unrealistisch erscheint. Wie antwortet man auf Fragen nach den Ambitionen nach Platz vier und drei in den beiden Jahren zuvor? Sagst du Europa League, wirst du zum Angsthasen. Wenn du zu hochgreifst beim Ziel, dann sagen alle: Jetzt dreht er komplett durch, jetzt hebt er ab. Sagst du als Trainer: Ich will uns stabilisieren, dann giert der selbstzufriedene Nagelsmann nicht nach mehr Erfolg.

 

Man kann es also niemand Recht machen mit einer Zielsetzung.

Nagelsmann: Es ist auch die Frage, ob man das muss. Es gehört zu den Lerneffekten im Leben, dass man es nicht allen Menschen auf diesem Planeten Recht machen kann. Vom Grundsatz her bleibe ich dabei: Wenn es in der Bundesliga einen Trainer gibt, der nicht um die Meisterschaft mitspielen will, sollte er einen anderen Job machen. Dass dieses Ziel für 15 Vereine unrealistisch ist, habe ich aber schon vor der Saison betont. 

 

Jeder sollte also deutscher Meister werden wollen.

Nagelsmann: Wenn ich mit meiner Mutter „Mensch ärgere dich nicht“ spiele, sagt sie immer: Du musst verlieren können. Seit Jahren versuche ich ihr zu erklären: Nein, falsch. Man muss akzeptieren, wenn man mal verliert. Aber wenn ich in das Spiel reingehe und sage: Es ist ja okay, wenn ich verliere, dann brauche ich auch nicht zu spielen. Denn ich spiele immer, um zu gewinnen.

 

Lassen Sie Ihren vierjährigen Sohn Maximilian gewinnen?

Nagelsmann: Der spielt kein „Mensch ärgere dich nicht“.

 

Und bei anderen Spielen?

Nagelsmann: In dem Alter sind es ja eher Zufallsspiele und keine Strategiespiele. Dann gewinnt er natürlich auch mal gegen den Papa. Mir hat ein Spruch von ihm neulich sehr gut gefallen: Papa, das ist gut, dass ich heute gewonnen habe, denn nächstes Mal gewinne ich sicher auch wieder.

 


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