Noch kann Jogi Löw nicht auf seine erste Elf setzen

Fußball  Joachim Löw muss beim Test gegen Dänemark das letzte Mal als Bundestrainer improvisieren. Noch stehen nicht alle EM-Fahrer zur Verfügung. Ein ernster Test soll es trotzdem werden.

Von Frank Hellmann
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Sie alle sollen an diesem Mittwoch in Innsbruck zum Einsatz kommen: Die 16 Feldspieler, die in den vergangenen Tagen zusammen in Seefeld trainiert haben, dürfen sich gegen die Dänen zeigen. Foto: dpa

Auf seine Bike- und Wander-Strecken ist die Olympiaregion Seefeld mächtig stolz. Am Fuße des Wettersteingebirges bieten sich Touren aller Schwierigkeitsgrade an, die das Herz eines jeden sportlichen Naturliebhabers höherschlagen lassen. Manuel Neuer und Kollegen treten hier immer dann in die Pedale, wenn es vom Hotel "Nidum" in Mösern zum Trainingsplatz an den Skisprungschanzen in Seefeld geht.

Damit den deutschen Nationalspielern unterwegs in Corona-Zeiten niemand zu nahekommt, wurde sogar der Wanderweg zwischen Sportalm und Möserertal gesperrt und mit einem langen Sichtschutz umzäunt.

Die Blase der DFB-Auswahl geht nun kurz auf, wenn das Testspiel gegen Dänemark an diesem Mittwoch (21 Uhr/RTL) im nahe gelegenen Innsbruck ansteht. Der Antrag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wenigstens dort Zuschauer zuzulassen, lehnten die österreichischen Behörden ab.

Die Mannschaft soll sich festigen und Wettkampfpraxis sammeln

Die Protagonisten sollen dennoch die hohe Intensität vom Trainingsplatz in Seefeld in einen Härtetest im Innsbrucker Tivoli überführen. Assistenztrainer Marcus Sorg verlangt "viel Leidenschaft und Engagement". Zudem wolle man "gewisse Trainingsinhalte" sehen. Überdies soll die Mannschaft "viel kommunizieren"; wobei ja davon auszugehen ist, dass insbesondere die mit Hoffnungen fast schon überfrachteten Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels gegen das gespenstische Ambiente anreden werden. Joachim Löw hat bereits in einer Grundsatzrede für die Testspiele gefordert: "Die Mannschaft soll sich festigen und Wettkampfpraxis sammeln."

Der Bundestrainer kann aber gegen die in Stans stationierten Dänen nur ansatzweise eine Formation aufstellen, die auch zum EM-Auftakt gegen den Weltmeister Frankreich in München (15. Juni) aufläuft. Der Südbadener ist das letzte Mal als Improvisationskünstler gefragt. Der am Sonntag im Teamcamp eingetroffene Toni Kroos hat zwar nach seiner nur milde verlaufenen Corona-Erkrankung das Training aufgenommen, steht aber ebenso wenig zur Verfügung wie der wegen seiner Muskelverletzung erst am Dienstag angereiste Leon Goretzka. Und die am Champions-League-Finale beteiligten Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger, Timo Werner und Matchwinner Kai Havertz werden erst noch auf dem Seefelder Plateau erwartet.

Ein Abschlusstraining soll auf die Wertigkeit des Tests hinweisen

Für Löw heißt das, in allen Mannschaftsteilen noch einmal Kompromisse zu schmieden. Es bleibt ihm eigentlich nur das Freundschaftsspiel gegen Lettland in Düsseldorf am Montag zur echten EM-Generalprobe 2021. Der Vorlauf beim WM-Debakel 2018 sollte Mahnung genug sein: Damals verlor Deutschland erst einen Blitz-und-Donner-Test gegen Österreich, mühte sich dann gegen Saudi-Arabien ab. Den Schlendrian schleppte der gesamte Tross dann mit nach Russland.

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Damit sich das nicht wiederholt, hielt die Mannschaft am Dienstag ein Abschlusstraining in Innsbruck ab. "Das soll auf die Wertigkeit hinweisen", betonte Sorg, der Dänemark als "sehr guten Gradmesser" ansieht. Die Skandinavier hatten zuletzt im März die Österreicher in der WM-Qualifikation mit 4:0 überrollt und werden nun auch Deutschlands Defensive bearbeiten. Dort hat Löw den meisten Verbesserungsbedarf ausgemacht und erste Schwerpunkte die vergangenen Tage mit seinen Spielern abgearbeitet.

Nach dem WM-Titel 2014 war Löw nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung

Wie sehr den Bundestrainer die Herausforderungen rund um die großen Turniere ausgezehrt haben, verriet er in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit": Nach dem WM-Titel 2014 sei er "nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung" gewesen - so groß sei das Loch danach gewesen. Der Bundestrainer gab auch Inhalte aus einem Besuch im Berliner Kanzleramt preis, wo er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über fast ähnliche Empfindungen nach einer langen Amtszeit ausgetauscht hat.

In der Umgebung des Trainingslagers greift übrigens schon mal eine kompromisslose Abwehrhaltung: Nachdem für einen Tag an einem Waldweg auf einer Anhöhe Kiebitze durch einige lose Sichtschutzblenden gelugt hatten, ist jetzt alles wieder blickdicht verpackt. Es passen sogar Tiroler Polizisten auf, dass niemand am Hang vor dem Zaun hochklettert. Welche Einblicke es gibt, möchte Löw auf der Station Seefeld im Zuge seiner letzten Turniermission selbst entscheiden.

 

Bundestrainer Joachim Löw war zu einem Austausch im Bundeskanzleramt zu Besuch. Über was Angela Merkel mit Löw sprach? "Wir finden beide, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt ist, Abschied zu nehmen. Wir haben auch darüber gesprochen, dass nach einer so intensiven Zeit wahrscheinlich eine gewisse Leere auf uns zukommt", sagte der 61-Jährige. Er selbst empfand die Verantwortung mitunter als Last und freue sich bald auf eine "gewisse Freiheit". Das "Wellenbad der Gefühle" habe ihn über die Jahre verschlossener gemacht: "Das ist der Preis dieses Lebens als Bundestrainer. Ich habe mir natürlich so etwas wie einen Panzer zugelegt." 

 


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