Der Glaube an die Nationalelf ist zurück

Fußball  Warum die deutsche Nationalmannschaft beim 4:2 gegen Portugal trotz gleicher Formation wie beim 0:1 gegen die Franzosen ein neues Gesicht zeigte. Löws Mannschaft hat den Sprung ins Achtelfinale in eigener Hand.

Von Susanne Fetter
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Kai Havertz erzielt das 3:1 für Deutschland. Mit 22 Jahren und acht Tagen ist Havertz nun der jüngste deutsche Spieler, der bei einer Europameisterschaft getroffen hat. Vor ihm hielt Olaf Thon den Rekord.

Foto: dpa

Da stand Joachim Löw also am Spielfeldrand, die Arme in die Höhe gereckt, die Hände zu Fäusten geballt. Ein Zeichen des Triumphes, nicht laut, aber kraftvoll. Nach dem vierten Tor seiner Mannschaft ahnte der Bundestrainer, dass er und sein Team es allen gezeigt hatten.

Mit 4:2 (2:1) bezwang die deutsche Elf Portugal im zweiten Gruppenspiel bei dieser Fußball-Europameisterschaft. Die ersten drei Punkte im Turnier sind geholt. Aber was genauso wichtig war: Mit ihrer Spielfreude, ihrem Willen und ihrem Mut riss die DFB-Auswahl die knapp 13 000 Zuschauer in München derart mit, dass diese einen fast vergessenen Gassenhauer anstimmten: "Oh, wie ist das schön! So was hat man lange nicht geseh'n!"

Darauf hat die deutsche Fußball-Seele gewartet

Ja, auf so eine Leistung - und dann noch gegen den Titelverteidiger - hatte die deutsche Fußball-Seele gewartet. Zugetraut hatten das dem Team nur wenige. Schon gar nicht exakt jener Startformation, die gegen Frankreich zum deutschen EM-Auftakt 0:1 verloren hatte.

Einige Experten hatten einen Systemwechsel propagiert. Vierer- statt Dreierkette in der Abwehr war der Wunsch. Joshua Kimmich sollte in die Mitte des Spielgeschehens rücken. Und neues Personal sollte sich versuchen. Bundestrainer Löw aber änderte nur eine Sache: die Herangehensweise. "Offensiver und mutiger" wolle man spielen, sagte er. An allem anderen hielt er fest.

Jogi Löw ähnlich wie einst 1982 Jupp Derwall

Einstmals wagte ein Bundestrainer Ähnliches. Jupp Derwall baute nach der 1:2-Auftaktniederlage bei der Weltmeisterschaft 1982 im Spiel danach gegen Chile auf die gleiche Formation. Es gab ein 4:1.

Manche mögen Joachim Löw diese Haltung als Sturheit ankreiden. In Wahrheit ist der 61-Jährige konsequent. Er hat Vertrauen in sein System und in seine Spieler - und sie offenbar auch zu ihm. Der Trainer werde es schon richten, lautete bei ihnen der Tenor.

Das Zauberwort heißt: Stellschrauben

Doch wie genau ist es möglich, dass sich mit gleichem System und gleichem Personal das Gesicht einer Mannschaft derart wandelt, dass es eine ganze Fußballnation in Staunen versetzt? Ein Wort, das oft fällt, heißt: Stellschrauben. Meist klingt es nach einer Floskel, wenn Trainer das Bild bemühen, dass man an ihnen drehen müsse. Löw hat daran gedreht - und wie!

"Wir sind alle eineinhalb Meter reingerückt", beschrieb Stürmer Thomas Müller eine der Veränderungen. Eineinhalb Meter, die es in sich hatten. Offensiver agierte die Mannschaft. Daran änderte auch der 0:1-Rückstand nichts. Cristiano Ronaldo hatte nach einer deutschen Ecke einen Konter eingeleitet und selbst verwandelt. Da wurde sichtbar, welche defensiven Schwächen Löws Mannschaft noch hat, ebenso wie beim 2:4 durch Diogo Jota.

Flügelzange mit Gosens und Kimmich als Schlüssel

Im Angriff aber - und das war die größere Baustelle - ist es gelungen, Lösungen zu finden. Ein Schlüssel war diesmal die Flügelzange mit Robin Gosens und Joshua Kimmich, die ihre Rollen in der vermeintlich defensiveren Fünferkette mit maximaler Angriffslust interpretierten. An allen Toren waren sie beteiligt.

Da ist es auch kein Makel, dass zwei deutsche Tore von Portugiesen erzielt wurden. Die Eigentore von Ruben Dias nach Hereingabe von Gosens und von Raphael Guerreiro nach Hereingabe von Kimmich waren erzwungen. Das 3:1 durch Kai Havertz entstand nach einem Doppelpass von Kimmich und Müller. Beim 4:1 köpfte der überragende Gosens eine Flanke von Kimmich ein. Es war der Moment, in dem Löw die Arme nach oben riss. Auch für einen, der schon 15 Jahre im Amt ist, schien es ein besonders schönes Gefühl zu sein.

Gegen Ungarn reicht am Mittwoch schon ein Remis

"Es war das, was wir wollten", sagte Löw später, "es in der eigenen Hand zu haben." Schon ein Unentschieden gegen Ungarn reicht, um sich für das EM-Achtelfinale zu qualifizieren. Mit drei Punkten wäre sogar der Gruppensieg drin. Bei einer Niederlage droht aber das Aus.

Die DFB-Auswahl hat am Samstag als Mannschaft überzeugt und endlich EM-Stimmung entfacht. Er lebt nun, der Glaube an eine starke deutsche Mannschaft, die in dieser Verfassung nicht nur weiterkommen kann, sondern weit.


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