Trollinger-Marathon: Am Rand der Strecke sind viele froh um ihr Zuschauerdasein

Heilbronn - Sie ist sichtlich gut drauf. „Hermann, heute hast du ja gar nicht deinen String-Tanga an“, ruft Regina Lossau zum Chef der Helfer am Haigern. Der Lauftreff Talheim hat hier am Berg der Berge wieder die Verpflegungsstation aufgebaut, und um 9 Uhr ist von Hektik nichts zu spüren. Dafür herrscht am Rand der Strecke Partystimmung.

Von Carsten Friese
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Heilbronn - Sie ist sichtlich gut drauf. „Hermann, heute hast du ja gar nicht deinen String-Tanga an“, ruft Regina Lossau zum Chef der Helfer am Haigern. Der Lauftreff Talheim hat hier am Berg der Berge wieder die Verpflegungsstation aufgebaut, und um 9 Uhr ist von Hektik nichts zu spüren.

Noch ist kein Läufer in Sichtweite am „Kotzbuckel“, wie der steilste Anstieg der Strecke des Trollinger-Marathons im Volksmund heißt. Vier Kisten Äpfel und acht Kisten Bananen haben Regina Lossau und Verena Hofmann unter ihren Fittichen. 138 Kisten Sprudel und 40 Kisten Saft warten am Stand gegenüber auf durstige Kehlen. „Die Sportler sind gottfroh, wenn sie hier oben Wasser bekommen“, weiß Hauptorganisator Hermann Marquardt aus Erfahrung. Regina Lossau berichtet von der amtlichen Vorgabe, Bananen in drei gleich große Teile zu schneiden. Ob sie denn auch selbst einmal mitlaufen würde? „Klar“, sagt die 53-Jährige verschmitzt – „wenn ich einen Rollator habe.“

Keine Gnade

Am Rand der Strecke herrscht Partystimmung. Birgit Sautter hat Verwandte aus Reutlingen eingeladen, und gemeinsam mit Silke Baumann hüpft sie zur Musik von „So ein schöner Tag“ umher. Ihren Pavillon mit Wasser, Kaffee, Weizenbier und Hefezopf haben sie genau an jener Stelle aufgebaut, wo auf dem Asphalt „Keine Gnade für die Wade“ geschrieben steht. Birgit Sautters Mann Andreas ist am Start. Sie dagegen ist gottfroh, dass sie „bei dem Wetter nicht laufen muss“. 20 Grad sind es bereits gegen 9.30 Uhr. Mitleid mit den Läufern? Silke Baumann schüttelt den Kopf. „Die machen das doch alle gerne...“

Irgendwo aus einem CD-Player dröhnt der AC/DC-Hit „Highway to hell“ durch die Weinberge. Jetzt kommt der erste Marathonike und fliegt behende den Berg hinauf. Zino Baumann (10) wundert sich. „Der ist ganz schön schnell.“

Auftrieb

Szenenwechsel: Lauffen, kurz vor der Brücke über den Neckar. Einen Höllenlärm entfacht die Gruppe Ferro Tamburo mit ihren Stahl- und Plastiktrommeln. „Das gibt den Läufern Auftrieb“, sagt Chef Horst Rügner schmunzelnd. Auf einer Bank sitzen Lore Baumann (70) und Rose Ziegler (77). Zu laut? „Wenn es um den Marathon geht, dürfen sie. Sonst würden wir schimpfen“, sagt Lore Baumann. Sie schwingen selbst knatternde Rätschen. Für sie ist das Dabeisein beim Trolli „Ehrensache“ – wo sich die Läufer doch so anstrengen.

Rätschen-Alarm herrscht auch in Dürrenzimmern. Erstmals verläuft die Strecke durch den Ort, und rund um die WG ist die Stimmung prima. Am Wasserbottich mit den Schwämmen greift jeder vierte Läufer zu. „Noch zwei Kurven, dann kommt das Ziel“, gibt Peter Klein den Athleten mit auf den Weg. Es ist gelogen, hier ist Kilometer 25. Klein: „Man muss sie doch aufmuntern.“

Am WG-Tisch bleiben die kleinen Gläser mit Trollinger lange unangetastet. Dann kommt endlich ein Läufer und leert ein halbes Zehntele in einem Zug. Als Lokalmatador Bernd Brose gegen 11.15 Uhr unter großem Jubel einläuft, bleibt auch er kurz stehen und nimmt einen Schluck Wein-Doping. Verblüffend: Brose sieht taufrisch aus, im Gegensatz zu manch anderen Athleten. „Der macht das locker, der rennt jede Woche in den Weinbergen“, erklärt WG-Chef Matthias Schilling. Auf einem Klappstuhl hat Harry Blatt es sich gemütlich gemacht. Mitlaufen? Blatt winkt ab. „Wir schwitzen schon beim Zuschauen.“

Verdient

12.30 Uhr: Volksfeststimmung herrscht im Stadion. Erschöpft, aber glücklich strömen die Läufermassen ins Ziel. Manch einer, dem schwarz vor Augen wurde, wird von Sanitätern auf einer Liege ins Behandlungszelt geschoben.

Ganz ohne fremde Hilfe liegt der Stuttgarter Detlev Herbst im Massagezelt auf einer Pritsche und lässt sich nach dem Halbmarathon von der angehenden Physiotherapeutin Edwina (18) die Beine durchkneten. „Das tut absolut gut“, sagt Herbst und spricht stellvertretend für die Läufer, die gerade von 15 weiteren Azubis des Physiotherapiezentrums Bad Krozingen massiert werden. Irgendwie, so Herbst, habe man sich dies jetzt auch verdient. In Stuttgart warten seine Söhne bereits auf den Papa. Fußballspielen soll er heute noch mit seinen Jungen. „Das Leben kann hart sein“, sagt der 44-Jährige. „Aber es macht Spaß.“


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