Kurt Gaub fährt das Schlussfahrzeug beim Trollinger-Marathon

Heilbronn - Nach ihm kommt niemand mehr in die Zeitwertung, denn Kurt Gaub knipst die elektronische Zeiterfassung aus und wünscht den Streckenposten einen schönen Feierabend. Der gebürtige Esslinger muss mit seinem Auto die 42,2 Kilometer in etwa sechs Stunden zurücklegen.

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Heilbronn - Nach ihm kommt niemand mehr in die Zeitwertung, denn Kurt Gaub knipst die elektronische Zeiterfassung aus und wünscht den Streckenposten einen schönen Feierabend. Der gebürtige Esslinger, der seit 43 Jahren in Heilbronn lebt und früher unter anderem Sportkreisjugendleiter war, muss mit seinem Auto die 42,2 Kilometer in etwa sechs Stunden zurücklegen. Wer aus diesem Zeitfenster fällt, entscheidet Kurt Gaub. Ein Job, der ziemlich viel Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis erfordert.

Manchmal muss Kurt Gaub fast schon grob werden, um Läufer, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, vor sich selbst zu schützen. Einmal half nur noch die Polizei, um einen Läufer zum Aufgeben zu zwingen. Manche vergessen schlicht, dass sie gerade einen Marathon laufen, und verhocken sich bei den zahlreichen Weinfesten entlang der Strecke. Darum hat sich Gaub angewöhnt, beim Fest in Nordheim eine Durchsage per Megafon zu machen: "Sollte hier noch ein Marathonläufer sitzen, dann muss er jetzt aber los, es wird Zeit." Der Schlussmann hat schon alles erlebt. Positives, Negatives.

Zuerst ein negatives Beispiel. Eine Frau, Ende 40, Kurt Gaub ist ihre "Diskuswerferfigur" in Erinnerung geblieben. Diese Dame habe sich beim Trollinger-Marathon vom Start weg gequält. Irgendwann konnte sie nicht mehr, setzte sich einfach vor Erschöpfung auf die Strecke. Der Schlussmann ertrug das Elend nicht länger. "Müssen Sie sich kaputt machen?", hat Kurt Gaub die Frau gefragt. Zur Antwort bekam er diesen Satz: "Ich habe das Meldegeld gezahlt, darum habe ich das Recht, ins Ziel zu kommen."

Das positive Beispiel: Ein Läufer, der keinen Weinprobierstand ausgelassen hat, fiel nach rund 20 Kilometern immer weiter zurück. Zuerst schüttelten ihn Wadenkrämpfe, plötzlich war er spurlos verschwunden, um kurze Zeit später wieder aufzutauchen. "War nur kurz austreten", hat er dem besorgten Gaub gesagt, der in Gedanken schon eine Vermisstenanzeige formulierte. Schlussmann und Schlussläufer − da hatten sich zwei gefunden.

Mutlos

Dem Marathoniken ging 400 Meter vor dem Ziel mental die Luft aus, und er beschloss, sich einfach hinzusetzen und aufzugeben. Kurt Gaub hat diese Mutlosigkeit entsetzt, und, ja: auch ein bisschen wütend gemacht. Er schrie seinen Begleiter, dem er mehr als 41 Kilometer gefolgt war, an, drohte ihm: "Freund, wenn du nicht sofort aufstehst und weiterläufst..." Der Mann hat es natürlich mit Gaubs Zuspruch über die Ziellinie geschafft. Noch heute begegnet Kurt Gaub diesem Läufer regelmäßig beim Heilbronner Weindorf, wo der Mann an einem Stand Wein ausschenkt. Er bedankt sich immer sehr dafür, dass jemand da war, als er Hilfe brauchte.


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