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Wenn ein Riesentalent nicht mehr dribbeln kann

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Marco Zürn ist die große Fußball-Hoffnung der DJK Bieringen, bis er bei einem Zugunfall einen Unterschenkel verliert

Von Andreas Eberle
Wenn ein Riesentalent nicht mehr dribbeln kann
Wenn ein Riesentalent nicht mehr dribbeln kann
 Es gibt Momente, die ein (Fußballer-)Leben verändern. Für den Schöntaler Marco Zürn war am 29. August 2004 ein solcher Moment. Während eines Mannschaftsausflugs nach Düsseldorf passiert dem damaligen Torjäger der DJK Bieringen ein folgenschwerer Unfall: Bei der Rückfahrt gerät er zwischen den anfahrenden Zug und die Bahnsteigkante. Sein rechtes Bein wird eingeklemmt, das Fußgelenk zertrümmert. Noch am selben Tag wird er operiert. „Was genau an dem Bahnhof passiert ist, weiß ich nicht - und das hat mich später auch gar nicht mehr interessiert“, sagt Zürn.

Sechs Monate ist er Stammgast in den Spezialkliniken in Ludwigshafen und Schlierstadt. Vier weitere Operationen muss er über sich ergehen lassen. Eine Prothese ersetzt heute den entfernten Unterschenkel. Besonders schmerzhaft ist für Zürn die Gewissheit, nie wieder Fußball spielen zu können. „Die ersten Spiele, die ich mir angeschaut habe, waren am schwersten. Mittlerweile ist der Drang aber nicht mehr so groß“, erklärt der 22 Jahre alte Winzenhofener.

In Bieringen galt Marco Zürn als Riesentalent. In der Saison 2003/2004 war er mit seinen 19 Treffern maßgeblich daran beteiligt, dass der Verein an der Relegation zur Bezirksliga teilnehmen durfte. In der Torschützenliste der Kreisliga A 3 belegte der 1,71 Meter große und 64 Kilogramm leichte Angreifer damals sogar den dritten Platz - in seinem erst zweiten Spieljahr bei den Aktiven, wohlgemerkt.

„Er war ein Vollblutstürmer und ein Dribbler wie Pierre Littbarski“, erzählt sein früherer Trainer Robert Himmel und gerät ins Schwärmen, wenn er an die Auftritte des schmächtigen Torjägers denkt: „Marco hat einfach mal aus 25 Metern abgezogen, und der Ball ist reingefahren. So etwas traute man ihm bei seiner Statur gar nicht zu.“ Die Bezirksliga hätte er seinem Ex-Schützling ohne Weiteres zugetraut, vielleicht auch die Landesliga. „Um höher zu spielen, hat ihm aber der Ehrgeiz gefehlt - und ein Trainingsweltmeister war er auch nicht“, sagt Himmel.

Obwohl er selbst nicht mehr für die DJK aufläuft, gehört Zürn immer noch fest zur Bieringer Mannschaft. Er ist bei fast jedem Spiel dabei, schreibt die Presseberichte, fehlt bei keiner Vereinsfeier und ist mit vielen Kickern befreundet.

Den Schicksalsschlag hat Zürn gut verkraftet. Während seiner Leidenszeit besuchten ihn fast täglich Familienangehörige, Kumpels, Mitschüler und Mitspieler und sprachen ihm Mut zu. „Mein Umfeld hat mich super unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt er. Eine Erfahrung aus dem Krankenhaus relativierte seine eigene Verletzung: In Ludwigshafen wurde er mit Brandopfern konfrontiert, die die Katastrophe von Ramstein überlebt haben. „Da habe ich gesehen, dass es noch viel schlimmere Fälle gibt“, sagt Zürn. Auch sein Zivi-Einsatz im Behindertenheim in Krautheim habe ihm viel geholfen. „Ich wusste immer, dass ich später ohne fremde Hilfe alles machen kann.“

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog sich der Fan von Borussia Dortmund nicht in ein Schneckenhaus zurück, sondern ging sofort wieder unter Leute. Er sei noch immer der gleiche gesellige Typ wie früher, sagen seine Freunde. Wie gehabt spielt Zürn in seiner Freizeit gerne Tischkicker, Darts, Skat und Poker. Zum Ersatz für den Fußball sind andere Sportarten geworden: Fahrradfahren, Fitnesstraining sowie das Angeln beim Angelverein Marlach/Winzenhofen.

Beruflich hat Zürn allerdings ein Jahr verloren. Sein Studium an der Berufsakademie Mosbach zum Ingenieur und Mechatroniker musste er zwölf Monate später als geplant in Angriff nehmen. Das frühe Karriereende im Fußball hat den 22-Jährigen aber vermutlich mehr getroffen als der vertagte Studienstart.

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