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Ein Schiff für 1899: Fans leben mit der Anfeindung

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Sinsheim - Zwei treue Fans, ein unbeliebter Verein: Ein Binnenschiffer-Ehepaar hat aus Liebe zu 1899 Hoffenheim sein Frachtschiff blau-weiß angemalt. Auf Rhein und Neckar werden sie beschimpft und beworfen.

Von Stefanie Dodt


Sinsheim - Anfeindungen gibt es täglich. Wenn die Leute vom Ufer wieder „scheiß Hoffe“ herüber schreien oder sogar Flaschen und Steine werfen. „Da frag ich mich manchmal, warum gibst du dir das.“ Binnenschiffer Martin Odenwald denkt trotzdem nicht daran, sein in den Farben des Bundesligavereins 1899 Hoffenheim gehaltenes Frachtschiff umzustreichen. Auch seine Ehefrau Monika steht zum blau-weißen Anstrich: „Man kann sein Fähnchen ja nicht immer nach dem Wind richten.“ 

So viel Fantreue gibt es bei Hoffenheim nicht alle Tage. Sie steckt in jeder Ecke des Kiesladers, angefangen mit dem „TSG 1899 Hoffenheim“-Schriftzug unter dem Führerhaus. Jeder Buchstabe ist einen Meter hoch und wird mindestens einmal die Woche geschrubbt. Genauso wie das riesige Vereinswappen dazwischen. Der Bug ist blau-weiß. Sogar den Gartenzwergen auf dem Deck hat Monika Odenwald die Vereinsfarben verpasst.

Heftige Reaktionen

Auch 1899 Hoffenheim-Sprecher Holger Tromp ist das Frachtschiff auf dem Neckar schon aufgefallen. Er spricht von einem „außergewöhnlichen Bekenntnis zum Verein“, findet die Idee „klasse, einfach nur kreativ und gut“. Besonders heftig sind die Reaktionen rheinaufwärts in der Waldhof-Mannheim-Zone und im Gebiet des Karlsruher SC. Bei jeder Brücke rechnen die Odenwalds damit, dass etwas herunterfliegt.

„In Hochstetten waren letztens drei KSC-Fans am Ufer, die sind völlig ausgeflippt. Die haben alles geschmissen, was sie gefunden haben“, erzählt Martin Odenwald. Aber er will zu seinem Verein stehen. Ins Zweifeln gerät er nur, wenn er trotz Verdienstausfall von mindestens einem Tag in der Fankurve steht und auf lustlose Spieler herabblickt.

„Wenn man sieht, dass sie nicht rennen, das ist das Schlimmste was es gibt.“ Enttäuscht ist er, wenn die Stars nach dem Spiel genervt abhauen - scheinbar telefonierend - während das Ehepaar drei Stunden im Schnee auf ein Autogramm wartet. Und wenn der Verein jedes Jahr 80 Euro Mitgliedsgebühr abbucht, und dafür nicht mal ein Stadionheft umsonst herausgibt.

Farbe bekennen

Die Farbe kam vor vier Jahren aufs Schiff. Am 19. April 2009, als nach Hoffenheims bislang erfolgreichster Hinrunde die Siege ausblieben und der Hoffe-Hype langsam zerbröselte. „Uns hat aufgeregt, dass im ersten halben Jahr alles Hoffe Hoffe geschrien hat. Wirklich jeder Depp. Und als es im zweiten halben Jahr bergab gegangen ist, war man dann der Idiot, wenn man Hoffe Hoffe gesagt hat“, erzählt der Binnenschiffer. Deshalb wollte er auf seinem Frachter im wahrsten Sinne des Wortes Farbe bekennen und sich von diesen „Eventies“ absetzen. „So lang wies läuft sind sie dabei, und wenn's nicht mehr läuft, ist keiner dabei“.

Seither richtet das Ehepaar sein Leben am Spielplan der TSG aus. Am Schlüssel zur Wohnung im Schiffsinneren baumelt das Vereinswappen. Im Wohnzimmer zieht Monika Odenwald eine blaue Papp-Schachtel aus dem Schrank. Auf einem Stapel liegen die Eintrittskarten zum Stadion feinsäuberlich sortiert, daneben auf drei Haufen die Autogrammkarten.

Foto mit Hopp

Den wertvollsten Schatz hütet sie in einem Babystrumpf: Speicherkarten. Auf ihnen sind unzählige Fotos, auf denen sie Spieler und Funktionäre der TSG im Arm hält. Von Momenten, in denen diese sich Zeit genommen haben. „Das blätter ich immer wieder mal durch.“ Besonders oft sieht sie sich das Foto mit Mäzen Dietmar Hopp an. „Da wirst ja schier ohnmächtig, wenn so ein Hopp neben dir steht. Da bin ich so dagestanden“, sagt sie und ahmt mit den Händen ein Zittern nach.

Für die neue Saison wünscht sie sich von den Spielern vor allem Engagement. „Sie sollen sich den Arsch aufreißen!“ Von den Menschen in der Region erhofft sich das Paar mehr Verständnis. Sie sollen ihr Schiff endlich so verstehen, wie es gemeint ist: Als Aufruf, zu ihrem Verein zu stehen. Und dann gibt es noch den großen Traum: Dass ihnen eines Tages Dietmar Hopp auf dem Schiff die Ehre gibt.

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