Jan Schindelmeiser: "Es sind junge Menschen, keine Fußball-Roboter"

Interview - Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser über die Fußball-Bundesliga-Rückrunde, Neuzugänge und das Potenzial der Mannschaft.



Sinsheim - Zuletzt gab es mehr Fragezeichen als Punkte: Als Tabellensiebter schloss 1899 Hoffenheim die Hinrunde ab. Ab Freitag, mit dem Spiel beim FC Bayern, greifen die Kraichgauer wieder an. "Wir haben extrem konzentriert gearbeitet", sagt Manager Jan Schindelmeiser im Interview mit Eric Schmidt.


Herr Schindelmeiser, haben Sie früher auch Panini-Bildchen für das Fußballalbum gesammelt?

Jan Schindelmeiser: Ja. Das ist aber sehr, sehr lange her.


Und: Waren Sie erfolgreich?

Schindelmeiser: Ich habe das Album nie ganz voll bekommen. Ich war auch nicht der große Sammler. Vor den Welt- und Europameisterschaften habe ich damit angefangen und es eine Zeit lang betrieben, aber Enthusiast war ich nie. Da habe ich lieber selbst Fußball gespielt.


Als Manager von 1899 Hoffenheim können Sie nun Ihr eigenes Team zusammenstellen. Welche Spieler fehlen noch in Ihrer Sammlung?

Schindelmeiser: Der Kader, wie er sich momentan darstellt, entspricht in wesentlichen Zügen dem, was wir vor einiger Zeit geplant haben. Das ist allein schon daran zu erkennen, dass wir eine Reihe von Verträgen verlängert haben. Das ist ein Commitment von beiden Seiten. Von unserer Seite, weil wir mit der Entwicklung der Spieler zufrieden sind; von Seiten der Jungs, weil sie sich hier wohlfühlen - in der Hoffnung, dass wir in Zukunft gemeinsam vielleicht noch etwas erfolgreicher sind als in der jüngsten Vergangenheit.


Müsste "Hoffe" auf dem Markt nicht noch zuschlagen? So berauschend verlief die Vorrunde ja nicht.


Schindelmeiser: Ich kann doch nicht jedes Mal, wenn ich eine Phase habe, in der es nicht so gut läuft, Substanz von außen zuführen. Das bedeutet gleichzeitig ein Misstrauensvotum gegenüber den Spielern, die da sind. Die Mannschaft hat uns nur ganz selten enttäuscht. Wir haben zuletzt nicht immer unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, gemessen an den Vorstellungen des vergangenen Jahres. Dafür gibt es Gründe. Gesund und in Top-Verfassung kann die Mannschaft jeden Gegner in Verlegenheit bringen. In den letzten Wochen ist uns dies - zugegeben - schwergefallen. Es sind eben junge Menschen, die auf dem Platz stehen, keine Fußball-Roboter.


Die Bild-Zeitung hat in einem FormCheck das derzeitige Leistungsvermögen von 1899 auf 67 Prozent geschätzt. Hat sie Recht?

Schindelmeiser: Wenn jemand sagt, dass wir - gemessen an dem, was möglich ist -, bei 70 Prozent liegen, dann ist das gar nicht völlig aus der Welt. Was uns zuletzt fehlte, war die Präzision und Entschlossenheit, insbesondere in der Vorwärtsbewegung. Wir hatten nicht mehr die Ballsicherheit, darunter hat auch ein wenig die Spielfreude gelitten. An dieser Stelle wird angesetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mannschaft Schritt für Schritt zu alter Stärke zurückfindet. Am Ende haben wir das Korrektiv der Tabelle. Im Vordergrund steht nach wie vor, in den nächsten Jahren fester Bestandteil der Bundesliga zu werden.


Aber Sie wollen schon irgendwann international spielen?

Schindelmeiser: Aber das wollen doch zehn Clubs in der Bundesliga. Ich kann doch nicht ständig über internationalen Fußball fabulieren. Ein Platz im internationalen Wettbewerb und im Jahr danach 2. Liga ist nicht das, was wir anstreben. Dazu ist das Gebilde zu jung und auch zu fragil. Unser Club muss zunächst Stabilität gewinnen. Wir werden versuchen, unseren Prinzipien treu zu bleiben.


Einen Spieler für 96 Millionen Euro würde Hoffenheim nie kaufen, oder?

Schindelmeiser: Nein, das würden wir nicht machen. Es sei denn, dass wir für das Folgejahr einen festen Käufer für 120 Millionen haben. Dann würden wir es riskieren. Aber im Ernst: 96 Millionen sind absurd. Das ist virtuell, beinahe surreal und passt auch gar nicht in die Landschaft. Wir haben intern intensiv disktutiert, als wir im Sommer Josip Simunic für sieben Millionen Euro verpflichtet haben - einen Spieler, der knapp 30 ist. Manchmal muss man gewisse Risiken eingehen, um das Gesamtgebilde zu stabilisieren. Und wir sind sehr froh, dass wir Joe haben. Trotzdem setzen wir weiterhin auf junge Spieler - auch wenn wir uns damit selbst einschränken.


Inwiefern?

Schindelmeiser: Einerseits wollen wir junge Spieler weiterentwickeln. Andererseits versuchen wir der hohen Erwartungshaltung gerecht zu werden, die durch die Herbstmeisterschaft 2008 entstanden ist. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Was wir anstreben müssen, ist, dass die Jungs an ihre Grenzen gehen und diese weiter nach oben verschieben. Es darf zu keinem Zeitpunkt Selbstzufriedenheit einkehren. Dann hätten wir ein Problem im Haus.


Gefällt Ihnen die Bundesliga, so wie sie sich in dieser Saison präsentiert?


Schindelmeiser (lacht): Das Jahr 2008 hat mir besser gefallen.


Verständlich aus Ihrer Sicht ...

Schindelmeiser: Wir waren der Farbklecks. Der Exot und Aufsteiger, der die Bundesliga aufgemischt hat. Aber ganz allgemein ist die Bundesliga ein Teamsport-Produkt. Einer der interessantesten Wettbewerbe weltweit - eigentlich direkt nach der Premier League in England. Vom Gesamtbild her - Stadien, Auslastung, Zuschauer, wirtschaftliche Stabilität, Sponsoren, - gibt es neben der Premier League keinen attraktiveren Fußballmarkt.


1899 Hoffenheim polarisiert. Glauben Sie, dass der Verein irgendwann als "normal" wahrgenommen wird?


Schindelmeiser: Versuchen Sie keinen Vegetarier von McDonald's zu überzeugen, dort reinzugehen und einen Big Mac zu kaufen. Das wird ihnen nicht gelingen. Wir können und wollen es nicht jedem recht machen. Das ist noch niemandem gelungen. Unser Club ist viel beliebter, als es uns manche Leute glauben machen lassen wollen. Wir haben so viele Rückmeldungen aus ganz Deutschland, die sagen: Wenn wir Sportschau gucken, sehen wir am liebsten Hoffenheim. Das ist doch ein wunderschönes Kompliment.


Zur Person: Jan Schindelmeiser

Er gilt als einer der Macher des „Wunders von Hoffenheim“. Nach dem Amtsantritt von Jan Schindelmeiser am 1. Juli 2006 ging es mit 1899 Hoffenheim steil bergauf. Von der Regionalliga Süd führte der Weg direkt in die Bundesliga. Schindelmeiser wurde am 17. Dezember 1963 in Flensburg geboren. Von 1981 bis 1994 bestritt er 246 Oberliga-Spiele für den RSV Göttingen 05 und den KSV Hessen Kassel. Im Alter von 21 erkrankte er an Pfeifferschem Drüsenfieber – ein tiefer Einschnitt in seiner Karriere. Schindelmeiser orientierte sich anderweitig, studierte Politik, Publizistik und Sportwissenschaften. Seinen ersten Manager-Posten trat er 1996 bei Eintracht Braunschweig an. esc