90 Minuten Hoffenheimer Hörspiel

Sinsheim - Samstagnachmittag in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena. Block U, links unten. Zehn Minuten vor dem Anpfiff: Die beiden wichtigsten Personen für die blinden Fans sind da. Rebekka Wilke und Jonas Keinert öffnen ihre mitgebrachten Koffer. Kleine schwarze Funkempfänger befinden sich darin. Zusammen kommentieren sie das Bundesliga-Spiel. Beide machen daraus ein 90 minütiges Hörspiel, lassen so Bilder in den Köpfen ihrer Zuhörer entstehen.

Von Florian Huber

Heiko Rosenberger verfügt über ein Restsehvermögen von fünf Prozent. „Ich sehe da unten nur eine große grüne Fläche“, sagt er. Das Fernglas und der Audiokommentar sind deshalb Gold wert. Fotos: Florian Huber


Sinsheim - Samstagnachmittag in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena. Block U, links unten. 16 Plätze, angeordnet wie ein schmaler Keil. Das ist das Reich von Michael Mildenberger. „Behindertenbetreuer“ steht auf seiner hellblauen Jacke. Vip-Betreuer wäre treffender. „Mich nennen alle Charly“, stellt sich der 43-Jährige bei jedem seiner Schützlinge vor. Per Handschlag. Er nimmt Helmut Danner an die Hand. „Noch vier, noch drei, noch zwei und jetzt noch eine Stufe“, sagt Mildenberger zu dem 60-Jährigen.

Helmut Danner hält nicht staunend inne - ob der Architektur des neuen Schmuckkästchens. So wie es viele andere tun beim Betreten der Rhein-Neckar-Arena. Helmut Danner ist blind. Er sieht nicht das Dach, das wie eine Wolkendecke über den steilen Rängen schwebt. Er sieht nicht die Spieler von 1899 Hoffenheim und Werder Bremen, die sich in 20 Metern Entfernung für ihr Bundesliga-Spiel aufwärmen. Trotzdem sagt der Bad Rappenauer: „Das hier mitzuerleben, darauf habe ich mich gefreut.“ Er lächelt.

Charly Mildenberger ist froh, wenn seine Schützlinge auf ihrem Platz sitzen. Durchs Gedrängel, durch die Hektik und den Lärm der 30.000 Zuschauer ihr Ziel in Block U erreicht haben. Eine Begleitperson hat jeder Blinde/Sehbehinderte dabei, um sich im Erlebnispark Fußballstadion zurechtzufinden. „Ihnen so etwas zu ermöglichen, ist auch eine Form der Integration“, sagt Charly Mildenberger. Nicht nur acht Blinde beziehungsweise Sehbehinderte, sondern auch 40 Rollstuhlfahrer und jeweils eine Begleitperson können seit der Eröffnung der Rhein-Neckar-Arena die Spiele des Bundesligisten 1899 Hoffenheim mitverfolgen.

90 Minuten Hoffenheimer Hörspiel
Immer auf Ballhöhe: Jonas Keinert und Rebekka Wilke kommentieren 90 Minuten lang das Spielgeschehen für die blinden und sehbehinderten Fans.
Zehn Minuten vor dem Anpfiff: Die beiden wichtigsten Personen für die blinden Fans sind da. Rebekka Wilke öffnet ihren mitgebrachten Koffer. Kleine schwarze Funkempfänger befinden sich darin. Gemeinsam mit Jonas Keinert verteilt sie die schwarzen, zigarettenschachtelgroßen Kästchen. Kopfhörer reinstecken, Lautstärkeregler nach rechts drehen. „Wir fangen gleich an. Ihr könnt die Geräte jetzt anschalten“, sagt Jonas Keinert. Zusammen mit Rebekka Wilke kommentiert er das Bundesliga-Spiel. Beide machen daraus ein 90 minütiges Hörspiel, lassen so Bilder in den Köpfen ihrer Zuhörer entstehen.

Anstrengend, aber auch ein Riesenspaß sei der Job, sagt die 26-jährige. 460 Bewerbungen für den ehrenamtlichen Job als Kommentator hatte es gegeben. Fast alle von Fans, die kostenlos in den Genuss der Hoffenheimer Heimspiele kommen wollten. Die beiden Nachwuchs-Radiokommentatoren sind ausgesucht worden, alle zwei Wochen dürfen sie ran. „Eine bessere Übung gibt es nicht“, sagt Keinert. Zu Übungszwecken hat er in Mannheim mal ein Eishockeyspiel mit geschlossenen Augen verfolgt. „Das ist brutal“, sagt er. Wie brutal? Zeit für einen Selbstversuch. 30 Minuten lang, ohne zu spicken oder schmulen.

Künstler am Mikrofon

Aus dem schwarzen Schal wird eine Augenbinde - und die Nacht über Sinsheim bricht bereits um 15.45 Uhr herein. Die beiden Verbalkünstler am Mikrofon geben sich große Mühe, mit den Ballkünstlern auf dem Rasen Schritt zu halten. Versuchen detailgetreu zu beschreiben, wo sich das Spielgeschehen auf dem Platz abspielt. Meistens gelingt es, die Kulisse ist trotzdem schneller. Das hier ist anders als vor dem Radio. Das hier ist Public Viewing für 30 000 und Private Listening für Wenige.

Die Zuschauer fungieren als Seismograph. Es tobt, rauscht, raunt, jammert im Stadionrund. Von der einen auf die andere Sekunde scheint es, als ob jemand am Lautstärkeregler der Kulisse dreht. Das Murmeln der Zuschauer wird zum Crescendo. „Flanke von rechts an den Fünfmeterraum“, teilt Jonas Keinert seinen Hörern mit. Die Kulisse wird lauter, der Kommentator auch. Die Augen wollen sehen, was die Ohren nicht einordnen können. Tor für Hoffenheim? „Sanogo trifft den Pfosten“, schreit Jonas in den Lärm. Man möchte die Augen aufreißen, sehen was da unten passiert.

Helmut Danner kann das nicht. Seit Anfang der 80er Jahre ist er komplett blind. Auf einem Auge konnte er noch nie sehen. Nach und nach hat der Grüne Star die Sehkraft gedimmt. Bis das Licht langsam ausgegangen ist. 24 Stunden lang, Tag für Tag ewige Dunkelheit. „Am schlimmsten war der Übergang bis ich gar nichts mehr sehen konnte“, erzählt er. Den Weg auf den Sportplatz nach Grombach, wo er sonst die Sonntagnachmittage verbracht hatte, scheute er fortan. Zu frustrierend sei das gewesen, dieses ständige Fragen: „Wo ist der Ball? Was passiert denn jetzt?“

Kopfkino

Danner versucht, den Audiokommentar in der Rhein-Neckar-Arena zu visualisieren, Bilder aus den 70er Jahren im Kopfkino abzuspielen, Bilder aus längst vergangenen Fußballtagen, die sich in die Erinnerung des Fans eingebrannt haben. Aus Tobias Weis wird so Günter Netzer, aus Carlos Eduardo der junge Pele. Wie die Hoffenheimer Himmelsstürmer aussehen, das weiß Helmut Danner ja nicht. Spaß macht es ihm trotzdem: „Die Atmosphäre ist schon beeindruckend“, sagt er. „Das ist es wert.“ Halbzeitpause. Die beiden Kommentatoren holen sich Feedback bei ihren Hörern. „Gut gemacht“, sagt Helmut Danner.

Sonst sitzt er wie Millionen andere Fußballfans samstagmittags vor dem Radio. Der Bundesliga-Übertragung lauschen. „Leider bringen die immer viel zu viel Dudelfunk anstelle von längeren Einblendungen der Reporter in den Stadien. Das stört mich“, sagt er. Heute ist das anders. Heute bekommt er 90 Minuten exklusive Live-Reportage. Das sorgt für Irritation bei manch anderem Zuschauer. „Wieso haben die Leute hier so ein komisches Gerät um den Hals hängen und Kopfhörer auf?“, fragt ein Hoffenheimer Kuttenträger auf seinem Weg die Treppe hinauf, in Richtung Halbzeitbier.

Aufklärungsarbeit tut Not. Charly Mildenberger liegt sie am Herzen. Erst seit zwei Monaten ist er in Amt und Würden als ehrenamtlicher Hoffenheimer Behindertenbetreuer. Da wird dann auch mal schnell ein Bustransport eines Bremer Rollstuhlfahrers vom Heidelberger Bahnhof zum Stadion organisiert. „Der Bahnhof in Sinsheim ist leider nicht barrierefrei für Rollis“, sagt Mildenberger.

Sturm und Drang

90 Minuten Hoffenheimer Hörspiel
Vor 30 Jahren spielte Hoffenheim noch in seinem Heimatdorf Grombach. Mittlerweile ist Helmut Danner blind - und Fan der TSG 1899.
Weiter geht's - auf dem Rasen und und am Mikrofon. Hoffenheim drängt und drückt. Der Ball geht insgesamt drei Mal an den Pfosten - aber nicht ins Tor. Auch Heiko Rosenberger aus Ketsch leidet mit. Klatscht. Singt. Feuert an. Der 35-Jährige hat noch ein Restsehvermögen von fünf Prozent. „Da unten ist grüner Rasen und eine weiße Linie, mehr erkenne ich nicht“, sagt er. Die Fußball-Leidenschaft des Sohnes hat dafür gesorgt, dass er sich für den Sport interessiert. Mit einem Fernglas versucht er, dem Ball auf dem Spielfeld zu folgen. „Ein hoher Ball genügt und ich verliere ihn“, sagt er. „Es ist aber super, dass es auch für mich die Möglichkeit gibt, das Spiel zu verfolgen.“ Tore fallen keine an diesem Samstagnachmittag - 0:0. 17.20 Uhr: Die beiden Reporter und der Behindertenbetreuer verabschieden sich von ihren Schützlingen. Per Handschlag natürlich. „Ich war nicht zum letzten Mal hier“, sagt Helmut Danner.

So kommt man an Karten

Charly Mildenberger von 1899 Hoffenheim hat viel zu tun als Behindertenbetreuer. Denn es gibt deutlich mehr Anfragen als Kapazität für behinderte Fans. Bei den 16 Plätzen für sehbehinderte/blinde Zuschauer gibt es deshalb ein Rotationsprinzip. „Wer beim Spiel dabei war, rutscht in der Liste für die nächsten Spiele automatisch nach hinten“, sagt Mildenberger. Voraussetzung für eine Kartenbestellung ist ein Schwerbehindertenausweis mit dem Merkzeichen „BI“ (blind). Karten kosten elf Euro, das Ticket für die Begleitperson ist kostenlos. Kontakt: behindertenbetreuung1899@gmx.de