Heute vor 25 Jahren: Ein Fußball-Märchen aus Berlichingen

Fußball  Am 30. Mai 1992 steigt der Verein aus dem Schöntaler Ortsteil in die damals viertklassige Verbandsliga auf, die Begeisterung schwappt bis ins Unterland. Es war ein Märchen und ein Abenteuer - mit abruptem Ende.

Von Alexander Bertok
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DerbyZeit: Spielführer Markus Kaiser gegen Fernando Scarico vom VfR Heilbronn. Ergebnis vor 2200 Zuschauern 1:1.

Sie sind "nur" in die Verbandsliga aufgestiegen, was zu jener zeit immerhin die vierthöchste deutsche Spielklasse war, hatten aber bereits in den Jahren zuvor im Stadion an der Jagstbrücke für Fußball-Euphorie gesorgt. Die Begeisterung, die der Hohenloher Dorfclub SV Berlichingen Mitte der 1980er Jahre bis in den Sommer 1996 entfachte, schwappte mit der Landesliga-Meisterschaft 1992 auch auf das Unterland über.

Der Verein aus dem knapp 700 Einwohner kleinen Ortsteil der Gemeinde Schöntal, wenige Kilometer von Jagsthausen entfernt, löste eine Woge der Sympathie aus, wie sie danach keiner andere Fußballmannschaft aus der Region mehr entgegengebracht wurde.

Meisterschaften in den 1970er- und 80er-Jahren

Hans J. Leuz, von 1974 bis 1996 Abteilungsleiter des SVB, spricht von einem Abenteuer, einem Märchen, dessen erstes Kapitel in der Saison 1976/77 mit der Meisterschaft in der C-Klasse durch Spieler wie Manfred Sahm, Karlheinz Beck, Karlheinz Bereth, Eugen Belz oder Gerhard Rüdenauer geschrieben wurde. Der sportliche Aufschwung hielt an. Die Saison 87/88 beendete der SVB als Meister der Bezirksliga.

"Der große Aufschwung kam, als nach und nach die Gönner Klaus Isaak, Helmut Sigloch und Bernd Ehmann unseren Verein unterstützten", erzählt Leuz. "Die Bezirksliga-Meisterschaft war einschneidend, von da an wurden die Spieler bezahlt." Bis dahin spielten überwiegend Einheimische beim SVB, auch das änderte sich von nun an. Im letzten Landesliga-Jahr betrug der Etat 100.000 D-Mark, eine Klasse höher wurde kräftig aufgestockt.

"Das Wunder von der Jagstbrücke"

Am 30. Mai 1992 war das "Wunder von der Jagstbrücke" endgültig perfekt. Mit einem 2:2 in Allmersbach im Tal wurde unter Trainer Josef Lehner (Widdern) der letzte nötige Punkt zur Landesliga-Meisterschaft geholt. In der 79. Minute geriet der SVB 1:2 in Rückstand, der Titel im Fernduell mit dem SC Korb war in weite Ferne gerückt. Doch dann kam die 86. Minute: Oliver Walla schoss mit links aufs Tor und der Ball zappelte im Netz.

"Nach meinem Tor gab es kein Halten, unsere Fans stürmten den Platz, der Jubel war unfassbar", erinnert sich Oliver Walla. Doch es waren ja noch ein paar Minuten zu spielen. "Der Schiedsrichter drohte die Partie abzubrechen, wenn der Platz nicht sofort geräumt wird, dann wäre es vorbei gewesen mit der Meisterschaft." Doch es wurde weitergespielt. "Der Schiri hatte wohl etwas gegen uns und ließ sieben Minuten nachspielen", berichtet Walla von den wohl längsten sieben Minuten seiner Fußballerkarriere.

Triumphzug durch den Ort

Was folgte, war eine geschichtsträchtige Meisterfeier. "Wir haben es schon in Allmersbach krachen lassen. Im Autokorso ging es zurück nach Berlichingen. Dort sind wir auf Traktoren mit Anhängern umgestiegen", erzählt Walla vom Triumphzug durch den Ort. Für den Abwehrrecken aus Olnhausen war die Zeit im Jagsttal prägend. "Diese Jahre haben mich menschlich wie charakterlich geformt. Wir waren ein verschworener Haufen, eine echte Dorfgemeinschaft. Jeder hat sich mit dem Verein identifiziert. Wir haben nicht nur gemeinsam Fußball gespielt, sondern auch zusammen unsere Freizeit verbracht. Das war eine andere Zeit. Es herrschte ein Geist, den man heute ein Stück weit vergeblich sucht."

Am 15. August 1992 erzielte Steffen Roll beim 3:3 in Pliezhausen das erste Berlichinger Verbandsliga-Tor. Am Ende der Saison wurde knapp der Klassenerhalt gefeiert, auch dank eines Derby-Sieges gegen den VfR Heilbronn. Es folgten die Ränge sechs, drei und sechs.

Das Berlichinger Fußball-Märchen
SVB-Spieler Matthias Wöhr (links) gegen den Heilbronner Andreas Maier.

Auch der ehemalige Karlsruher Zweitligaprofi Jürgen Schmidt spielte für den SVB. Der Neckarsulmer stürmte in der Saison 1994/95 für den Verbandsligisten. "Ich hatte dort eine super Zeit. Es herrschte ein tolle Kameradschaft, das war sensationell", schwärmt Schmidt noch heute. Jene Runde wurde auf Platz drei beendet. Bis in den Endspurt hinein, träumte der SVB vom Titel − bis zur Niederlage beim abstiegsgefährdeten VfR Heilbronn.

Mehr Zuschauer als Einwohner

Bei Heimspielen stieg die Zuschauerzahl gerne auch mal auf mehr als das Dreifache der Einwohnerzahl des kleinen Dorfs des Ritters Götz von Berlichingen an. "Die ganze Region stand hinter der Mannschaft. Sind wenig Zuschauer gekommen, waren es dennoch rund 400 Fans", sagt Walla. Am 7. Oktober 1995 verfolgten mehr als 2200 Besucher (Saisonschnitt 800) das Hohenlohe-Unterland-Derby gegen den VfR Heilbronn. Der überragende Markus Kaiser hatte die Gastgeber-Elf unter Harry Griesbeck − der zweite Berlichinger Verbandsliga-Trainer nach Ruthardt Bitz − in der 75. Minute in Führung gebracht, für den VfR unter Trainer Gerd Störzer glich Zdenko Juric (80.) aus.

So plötzlich wie das Berlichinger Wunder begann, so abrupt endete es. Am 22. Februar 1996 wurde den Spielern in einer außerordentlichen Sitzung mitgeteilt, dass die Mannschaft zum Saisonende aus dem Spielbetrieb der Verbandsliga zurückgezogen wird.

Das Berlichinger Fußball-Märchen
Aus der Abschieds-Saison 1995/96 (von links): Oliver Steinmetz, Stefan Koch, Gerd Kieweg und Bernd Fellmeth. Foto: Bertok

Ich bin es leid, die ständig steigenden finanziellen Forderungen der Spieler zu erfüllen", wurde Mäzen Klaus Isaak in der Hohenloher Zeitung zitiert. In der Heilbronner Stimme äußerte sich Isaak wie folgt: "Die Ansprüche der Spieler steigen von Jahr zu Jahr, und da können und wollen wir nicht mehr mithalten."

Abschied mit dem Berlichingen-Lied

Von einem "emotionalen Schockzustand" berichtet Walla. "Wir haben danach vergeblich versucht, die Vereinsverantwortlichen umzustimmen. Wir hätten sogar auf einen Teil unserer Spielergehälter verzichtet." Am 1. Juni 1996 verabschiedete sich der SVB mit einem 2:1-Sieg bei der TSG Backnang aus der Verbandsliga. Den Siegtreffer erzielte Heiko Söhner. Nach dem Abpfiff sangen die Spieler das Berlichingen-Lied.

Hans J. Leuz spricht davon, dass "man an der Grenze des Machbaren angelangt war, was den finanziellen und ehrenamtlichen Aufwand betraf. Wir haben einen Schlussstrich ohne Schulden gezogen." Ab der Saison 1996/97 spielte Berlichingen in der Kreisliga A3 Hohenlohe. Im Jahr 2005 folgte die Kooperation mit dem Unterland-Vertreter Jagsthausen in einer Spielgemeinschaft.

Rainer Süßmann war als Torhüter der Rückhalt. Foto: Bertok

Aufgebote

Letztes Verbandsliga-.Spiel am 1. Juni 1996: Rainer Süßmann, Zydrius Sinkenvicius, Marc Oberndörfer, Steffen Roll, Wolfram Hörner, Stefan Kaupp, Michael Lemberger, Oliver Walla, Michael May, Jürgen Hauser, Sascha Glatzel. Ersatzspieler: Heiko Söhner, Viktor Enns, Oliver Steinmetz, Dieter Wolf, Waldemar Frank.

Das Meisterteam, Saison 1991/92: Rainer Süßmann, Stefan Koch, Michael Wüstenhube, Gerd Kieweg, Armin Götz, Oliver Kirchner, Reiner Horndacher, Ralf Bopp, Berhold Mittermayer, Markus Kaiser, Jürgen Trunk. Reiner Amann, Mario Fleischer, Gerd Sahm, Dieter Wolf, Ditmar Walla, Gerhard Rüdenauer, Alexander Hock.

 

Das Berlichinger Fußball-Märchen
 

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