Nicht nach Lehrbuch
arate - Es klingt wie die Einführung eines Lehrbuchs zur Mundpflege. Was Erika Ginger sagt, könnte ebenso gut als rotes Plakat im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis hängen: "Im Idealfall morgens, mittags und abends. Mindestens aber zweimal am Tag.

Karate - Es klingt wie die Einführung eines Lehrbuchs zur Mundpflege. Was Erika Ginger sagt, könnte ebenso gut als rotes Plakat im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis hängen: "Im Idealfall morgens, mittags und abends. Mindestens aber zweimal am Tag." Die 18 Jahre alte Kämpferin der Karateabteilung des TSV Binswangen spricht jedoch von den Übungseinheiten in den Wochen vor großen Wettkämpfen − und die haben mit gemütlichem Zähneputzen nur wenig gemein. Auch von einem Lehrbuch sind die Trainingsmethoden von Chefcoach Andreas Ginger weit entfernt.
Große Reise
Mit Erika Ginger treten drei weitere Mädchen eine große Reise an: die beiden 17-Jährigen Lena Bergmann und Jenny Arpogaus sowie die 16 Jahre alte Hannah Kübler. Sie fliegen nach Südafrika. Dort finden ab Montag die Karate-Weltmeisterschaften in der Stilrichtung Goju Ryu statt. Pro Altersklasse und Disziplin starten jeweils zwei Kämpfer für das Team Deutschland.
Die Mädchen kommen bei der sogenannten Kata zum Einsatz. Darunter versteht man eine Übung, die aus einer festgelegten Kampfvorführung besteht, welche jedoch ausschließlich gegen imaginäre Gegner geführt wird.
Ihren Trainer sehen die Kämpferinnen bei dem enormen Trainingspensum öfter als die eigene Familie. Kein Wunder also, dass er eine besondere Rolle genießt. "Oft kommen Eltern zum mir, wenn es Probleme gibt, damit ich im Training darauf eingehe", sagt Ginger. Denn die Regeln, die der Trainer ausgibt, stehen über denen der Eltern, weiß Andreas Ginger, der sich als eine Art Anwalt der Kinder sieht. Trotzdem ist es dem Chefcoach wichtig, kein Elternersatz zu sein, sondern eine freundschaftliche Beziehung zu den Athleten zu pflegen. Doch nicht nur die Bindung zu seinen Schützlingen ist eine ganz besondere. Auch das Training ist außergewöhnlich.
Tanzrunde
"Zeit für die Tanzrunde. Alternative sind 200 Liegestützen", sagt der Trainer verschmitzt und dreht die Musik laut. Auch Entspannungsrunden baut der Unternehmensberater und Mentalcoach in seine Übungseinheiten ein: "Ein Wettkampf kann bis zu zehn Stunden dauern. Da müssen die Athleten ganz schnell bei 100 Prozent sein und genauso schnell wieder runter kommen."
Deshalb feilt der Trainer nicht nur an den Kampftechniken seiner Schüler, sonder auch an ihrer Konzentration, mentalen Stärke und der Umgangsform mit anderen und sich selbst − das kommt an.
"Es nicht einfach nur ein Sport, sondern eine Art zu leben", sagt Jenny Arpogaus, "wir lernen hier viel mehr, als nur Karate." Erika Ginger, die nächstes Jahr ihr Abitur macht, wendet das Gelernte auch in der Schule an: "Die Konzentrationsübungen helfen sehr."
Nur die Gymnasiastin kommt aus Neckarsulm. Die anderen drei Mädchen sind aus Erlenbach. "Erika ist aber eigentlich schon eingemeindet", sagt Lena Bergmann lachend. Morgens, mittags und abends stehen sie gemeinsam in der Halle − noch zuverlässiger, als einige die Zähne putzen.
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