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Was für ein spritziger Typ

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Wasserspringen - Ein 85-Jähriger ist bei den deutschen Meisterschaften in Heilbronn der Star. "Auf geht"s, Adolf", ruft einer aus dem Starterfeld. Adolf heißt Klöver mit Nachnamen. Auf der kleinen Anzeigetafel leuchtet hinter dem Namen das Geburtsjahr auf. 1925 steht da Rot auf Schwarz. Ohne Nasenklammer würde er nie aufs Ein-Meter-Brett steigen. Klöver nimmt Anlauf und zeigt einen Kopfsprung.

Von Florian Huber
Kopfüber hinein ins Vergnügen geht es für den Mann aus Bad Godesberg.
Kopfüber hinein ins Vergnügen geht es für den Mann aus Bad Godesberg.

Wasserspringen - Morgens um neun Uhr ist das Freibad Neckarhalde traditionell fest in Rentnerhand. Am Samstagvormittag war das nicht anders. Nur, dass die Senioren dieses Mal alle um das Sprungbecken herum verteilt stehen, statt ihre Bahnen durchs Schwimmbecken zu ziehen. Es ist die deutsche Wassersprungelite. Die 42. Internationalen Deutschen Meisterschaften der Masters hat sie nach Heilbronn gelockt.

"Auf geht"s, Adolf", ruft einer aus dem Starterfeld. Adolf heißt Klöver mit Nachnamen. Auf der kleinen Anzeigetafel leuchtet hinter dem Namen das Geburtsjahr auf. 1925 steht da Rot auf Schwarz. Ohne Nasenklammer würde er nie aufs Ein-Meter-Brett steigen. Klöver nimmt Anlauf und zeigt einen Kopfsprung. Er schüttelt den Kopf, als er aus dem Wasser steigt.

"Mensch, Adolf. Das war richtig klasse", gratuliert ein jüngerer Konkurrent. "So richtig gut war das nicht", sagt er dann. Zum Sieg reicht es aber auf jeden Fall für den Mann aus Bad Godesberg, er ist der einzige Starter in der Altersklasse 80 plus. Alterssport, das ist Schwimmen, Radfahren. Aber Kunst- und Turmspringen? Schrauben, Salti, Kopfsprünge, Akrobatik, das ist was für die Jugend. Und für Adolf Klöver.

"Warum nicht? Solange ich mich fit fühle. Mir graut es vor Langeweile", sagt Klöver. Früher ist er im Sommer in seiner Heimat von einer Rheinseite auf die andere geschwommen. Vor zwanzig Jahren ist er zufällig zum Springer geworden.

Ein ehemaliger Olympiateilnehmer zeigte im Kölner Hallenbad kunstvolle Sprünge. "Willste mal probieren?", fragte dieser Klöver. Der wollte. Beim Sprungtraining auf dem Trampolin verstauchte er sich gleich beide Hände. Er biss die Zähne zusammen, wie so oft in seinem Leben. Wie während des zweiten Weltkriegs, wie während der vier Jahre Kriegsgefangenschaft in den USA.

Topfit

Aufgeben? "Das passt nicht zu mir", sagt er, der Finanzbeamte im Unruhestand. Also trainierte er fleißig. Ein-, zwei-, dreimal die Woche im Leistungszentrum der Sporthochschule Köln. "Ich fahr da immer noch selbst mit dem Auto hin. 100 Kilometer hin und zurück ", sagt er. Klöver ist fit, nicht nur körperlich. Er genießt es, dass er durch den Sport die Welt bereist. Er bringt dann immer jede Menge Medaillen mit. Von der WM in San Franciso vor ein paar Jahren zum Beispiel zwei bronzene. Oder den Europameistertitel, wie im Vorjahr aus Sevilla. Und er genießt es, dass er ein bisschen im Mittelpunkt steht.

Natürlich, von Jahr zu Jahr fällt es auch Klöver schwerer. "Man muss sein Können realistisch einschätzen und darf keine Angst haben, ansonsten ist es vorbei", sagt er. Ehefrau Agnes, mit der er seit 59 Jahren verheiratet ist, hat sich noch nie über sein Hobby beschwert.

Vierter Frühling

In einem Alter, in dem die Alterskameraden über die zweite Hüfte und die dritten Zähne reden, erlebt Klöver den vierten Frühling. Im Winter fährt er Ski. "Es hält mich jung, wenn ich hier dabei bin", sagt Klöver. Da passt es, dass er in Heilbronn in der Jugendherberge übernachtet hat. "Das ist wie ein Familientreffen. Und wo kriegst du heute noch ein Bett für 20 Euro?", sagt er: "Wir müssen doch alles selbst bezahlen."

Klöver hat gerade die Goldmedaille für seinen Sieg um den Hals gehängt bekommen, eigentlich hat er jetzt Feierabend. Aber der Blick geht sehnsüchtig hoch zum Fünf-Meter-Turm in der Heilbronner Neckarhalde. "Meine Trainerin verbietet mir, da runter zu springen. Sie hat Angst, dass ich einen Bauchplatscher hinlege und mich verletze", sagt er. Sein Blick verrät: Er wird es trotzdem tun. "Meine Trainerin muss es ja nicht unbedingt erfahren", sagt er.

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