Gold-Katis Achterbahnfahrt in Italien

Speedskating  Speedskating - Für Katharina Rumpus war bei der WM in Italien alles dabei: Der Katastrophenstart, die Wimpernschlagentscheidung, der Basisfehler, die Runde ihres Lebens, ein verrückter Italiener auf dem Fahrrad und der goldene Zebrasteifen zum Abschluss.

Von unserem Redakteur Stephan Sonntag

Gold-Katis Achterbahnfahrt in Italien
Trotz der aufgeschlagenen Knie holt sich Katharina Rumpus (schwarz-rot-goldenes Trikot) im Zielsprint WM-Gold im Marathon.Fotos: Stefan L. Beyer

Speedskating - Für Katharina Rumpus war bei der WM in Italien alles dabei: Der Katastrophenstart, die Wimpernschlagentscheidung, der Basisfehler, die Runde ihres Lebens, ein verrückter Italiener auf dem Fahrrad und der goldene Zebrasteifen zum Abschluss. "Das war eine einzige Achterbahnfahrt", sagt Vater und Junioren-Bundestrainer Bernd Rumpus. Im Ergebnis sprang für die 18-jährige Fleinerin in ihrem letzten Juniorenjahr das beste WM-Ergebnis ihrer Karriere heraus: Zweimal Gold und einmal Silber.

Doch zurück auf Anfang. Samstag, 8. September, Bahn von Ascoli, erster Wettkampftag, 10 000 Meter Ausscheidung. Nach der Hälfte des Rennens wird Rumpus schlecht, sie gibt auf. Ein miserabler Start in die Titelkämpfe. "Ich bin ruhig geblieben, weil ich wusste, dass ich noch viele Chancen haben würde."

Sonntag, 9. September, Bahn von Ascoli, die Spezialstrecke: 1000 Meter. Alles sieht nach dem zweiten Nackenschlag aus. In ihrem Halbfinale wird Rumpus lediglich Dritte. Nur die jeweils Schnellsten der Seminfinals sowie die sechs Zeitschnellsten kommen weiter. Ihr Vater hat per Hand mit gestoppt, er gibt seiner Tochter das Zeichen: Daumen runter, Medaillentraum beendet. Im Ziel fließen bei Katharina die Tränen. Eine Stunde lang ist sie untröstlich − dann wird das offizielle Ergebnis bekannt gegeben. Platz acht − Rumpus rutscht als Letzte ins Finale. Fünf Hundertstel haben den Ausschlag gegeben.

Gestrauchelt

Im Endlauf ist Rumpus in der Schlusskurve Zweite. Sie will die vor ihr liegende Magda Garces attackieren, merkt, dass sie stärker ist als die Kolumbianerin. Doch die Fleinerin gerät ins Straucheln, verliert viel Geschwindigkeit, schafft es gerade noch, die Silbermedaille zu retten. "Damit war mein Ziel einer Einzelmedaille schon erreicht", sagt Rumpus. Ihr Vater ergänzt: "Das hat uns Ruhe gegeben für die folgenden Wettkämpfe."

Montag, 10. September, Bahn von Ascoli, 500 Meter und Staffel. Ein Mammutprogramm. "Ich hatte fünf Rennen in zwei Stunden." Zuviel im Endeffekt. Platz sieben über 500 Meter sind ein Achtungserfolg, doch anschließend fehlt die Kraft für die Staffelrennen. Das deutsche Trio scheitert schon im Vorlauf. "Ich war total kaputt."

Dienstag und Mittwoch, 11. und 12. September, Ruhetage. "Schonen, schonen, schonen" stand auf dem Programm, wie Bernd Rumpus sagt.

Donnerstag, 13. September, San Benedetto, 20 000 Meter Ausscheidung. Über diese Strecke war Rumpus 2010 Junioren-Weltmeisterin. Nach 40 von 50 Runden ist sie an fünfter Stelle liegend kurz unaufmerksam. Die Konkurrentinnen zogen plötzlich an, flogen auf der Zielgeraden vorbei. Das Aus. Nur Platz 15. "Ein Basisfehler", sagt Bernd Rumpus.

Freitag, 14. September, San Benedetto. Rumpus lässt die 500 Meter aus, obwohl sie beste Medaillenchancen hätte. Die Konzentration gilt der Staffel mit Alisa Gutermuth und Carolin Zielke. Die Lehre aus Tag drei. Wolkenbruchartige Regenfälle sorgen für schwierige Verhältnisse. Beim letzten Wechsel liegt Rumpus nur auf Rang vier. Vor der letzten Kurve sagt sie sich: "Lieber stürzen als Vierte werden." Die Konkurrentinnen fahren innen, sie nimmt die Kurve ganz außen. Der längere Weg, aber mit höherer Geschwindigkeit. Sie schießt vorbei bis auf Platz eins. Als sie mit einem Ausfallschritt die Ziellinie überquert, schreit sie auf. "Das habe ich noch aus 300 Metern Entfernung gehört. Das war die Runde ihres Lebens", sagt Bernd Rumpus. Gemeinsam mit Zielke geht seine Tochter auf die Ehrenrunde. Gutermuth erfährt erst im Krankenhaus vom WM-Titel. Eine Italienerin hatte sie festgehalten und ihr dabei den Arm ausgekugelt.

Samstag, 15. September, San Benedetto, Abschlusstag. Die Marathonstrecke ist in erbärmlichen Zustand, das Unwetter vom Vorabend hat ganze Asphaltstücke weggespült. Notdürftig werden die größten Löcher geflickt, doch die Marathonrennen werden zu Sturzfestivals. Vor dem Rennen der Juniorinnen fehlen die Läuferinnen aus der Gastgebernation. Als einziges Team haben sie den früheren Starttermin nicht mitbekommen. Kaum ist das Feld unterwegs, kommt der italienische Nationaltrainer auf einem Fahrrad entgegen. Wild mit den Armen fuchtelnd will er, dass das Rennen gestoppt wird. Ordner bringen den Mann aus der Gefahrenzone.

Rätselhaft

Rumpus liegt von Beginn an gut im Rennen − trotz Sturz und blutenden Knien. Auf Rang zwei geht es auf die Zielgeraden. Da zieht Yi-Hsuan Liu aus Taiwan vorbei, reißt sofort eine Lücke. Rumpus geht mit, holt auf. Zehn Meter vor der Ziellinie ist ein Zebrastreifen auf der Straße. Die Asiatin fährt drüber und lässt ausrollen. Rumpus fliegt vorbei und holt ihr zweites Gold. "Keiner weiß, ob sie den Zebrastreifen für die Ziellinie gehalten hat. Wir sind ja vorher schon zig Mal durchs Ziel gefahren. Vielleicht konnte sie auch nicht mehr", rätselt Rumpus.

Gold-Katis Achterbahnfahrt in Italien
Erstes Ziel erreicht: WM-Silber für Katharina Rumpus über 1000 Meter.