"Wegen meiner Hautfarbe bin ich gehänselt worden"

Leichtathletik - Marie-Laurence Jungfleisch überrassistische Erfahrungen, Allüren und das Meeting in Eberstadt

"Wegen meiner Hautfarbe bin ich gehänselt worden"
Marie-Laurence Jungfleisch fühlt sich in Eberstadt wohl, weil sie dort angespornt wird und die Zuschauer im Rhythmus klatschen. Das motiviert.Foto: Andreas Veigel
Leichtathletik - Jung, talentiert und optimistisch: Marie-Laurence Jungfleisch ist mit 1,95 Meter derzeit Deutschlands beste Hochspringerin. Eine Woche vor der Weltmeisterschaft in Moskau und 21 Tage vor dem Meeting in Eberstadt sagt die 22-Jährige vom LAV Tübingen im Interview mit Stefanie Wahl und Stephan Sonntag: "Durch den Sport bin ich sehr selbstbewusst geworden."

Frau Jungfleisch, wieviele Kinder wünschen Sie sich?

Marie-Laurence Jungfleisch: Zwei bis drei.

Sie machen gerade das Anerkennungsjahr als Erzieherin im Kindergarten. Ihr Traumberuf?

Jungleisch: Ich mag ihn sehr und bin froh, dass ich die Ausbildung gewählt habe. Ich hab’ fünf Geschwister und meine Tante ist Erzieherin.

Leicht ist das nicht immer, Sie arbeiten bis zum Tag der WM-Abreise.

Jungfleisch: Stimmt. Ich habe schon zehn Tage Sonderurlaub bekommen, denn meinen eigentlichen Urlaub hatte ich bereits für die Trainingslager in Südafrika und Teneriffa verwendet. Zunächst hatte ich drei Monate 100 Prozent im Kindergarten gearbeitet, das war ziemlich belastend. Wenn ich viel Stress habe, bekomme ich Probleme mit dem Atmen und Asthma. Das hatte auch Auswirkungen, seitdem arbeite ich nur noch zu 75 Prozent.

Jetzt noch im Kindergarten, vom 1. September an werden Sie Sportsoldatin. Ein ziemlicher Kontrastpunkt.

Jungfleisch: Das habe ich auch gedacht. Das passt nicht wirklich.

Ist es eine sportliche Notwendigkeit?

Jungfleisch: Finanziell ist es sehr gut und ich habe auch mehr Freiraum, um zu trainieren. Ich möchte nicht unbedingt schießen lernen.

Aber so ganz ohne Schlammrobben wird es nicht gehen.

Jungfleisch: Nee. Die Grundausbildung sind sechs Wochen in Hannover, danach werde ich in Todtnau im Schwarzwald stationiert sein. Das ist perfekt, da kann ich dann auch schnell zu meiner Familie nach Freiburg fahren.

Sie sind in Paris geboren, Ihr Vater stammt aus Martinique. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Jungfleisch: Ich bin in Freiburg, in Paris zu Hause, habe quasi überall meinen Standort. Leider war ich noch nie auf Martinique. Wenn ich dorthin gehe, sollten es schon Minimum drei Wochen sein. Meine Familie, Oma, Opa, Tanten, Onkels, Cousinen sind da.

Sie engagieren sich gegen "Fouls von Rechtsaußen" und für Menschenwürde. Haben Sie denn schlechte Erfahrungen gemacht?

Jungfleisch: Ja, ich habe schon auf der Realschule schlechte Erfahrungen gemacht. Es gibt so viele Situationen, in denen viele Menschen Probleme haben. Ich hoffe, sie wissen, dass Leute, die mehr in der Öffentlichkeit stehen, auch die Probleme hatten.

Was haben Sie erleben müssen?

Jungfleisch: Negative Ausdrücke und alles andere, was mich persönlich sehr verletzt hat. Zu dem Zeitpunkt habe ich meiner Mutter nichts erzählt und von der Lehrerin kam nicht viel zurück. Als Zwölfjährige musste ich da allein durch. Ein Jahr war es wirklich nicht so schön, dann habe ich die Schule gewechselt. Auch wegen der Lehrer. Es war eine gute Entscheidung.

Warum sind Sie gehänselt worden?

Jungfleisch: Hauptsächlich wegen meiner Hautfarbe. Ich verstehe das nicht, ich bin unheimlich stolz auf meine Herkunft. Deswegen wird mich aus dem Grund heute keiner mehr verletzen können. Durch den Sport bin ich sehr selbstbewusst geworden. Die Stärken, die ich habe, setze ich in vielen Situationen um.

Ihre erste Weltmeisterschaft steht an. Es war ein Start mit langem Anlauf.

Jungfleisch: Ich empfinde sehr viel Freude und habe große Erwartungen. Auch an mich selbst. Ich werde versuchen, ruhig zu bleiben. Mein Ziel ist das Finale.

Und wie ist Ihr Verhältnis zu Ariane Friedrich?

Jungfleisch: Wir sprechen nicht miteinander. Ich habe sie dieses Jahr auch gar nicht gesehen. In Helsinki vergangenes Jahr nach dem Wettkampf haben wir uns sehr gut verstanden. Als ich dann erfahren habe, dass sie doch zu Olympia fährt, war nichts mehr. Wir haben uns kaum "Hallo" gesagt. Schade.

Haken Sie das unter sportlicher Konkurrenz ab?

Jungfleisch: Mit den anderen deutschen Hochspringerinnen verstehe ich mich gut. Wir sind auch manchmal zusammen auf einem Zimmer, aber Ariane ist ein Sonderfall.

Mit 1,95 Meter stehen Sie an der Schwelle zur Elite. Haben Sie das Gefühl, angekommen zu sein?

Jungfleisch: Ich denke schon. Beim Meeting in Rom habe ich Blanka Vlasic gesehen. Sie war für mich so etwas wie ein Idol. Als ich ihr zugewunken habe und "Hallo" sagen wollte, hat sie mich ignoriert. Da dachte ich mir, vielleicht sieht sie mich ab heute als Konkurrentin an.

Ist die Mentalität von Friedrich oder Vlasic nötig, um Höhen jenseits der zwei Meter zu springen?

Jungfleisch: Nein, gar nicht. Die Russinnen sind ruhig und trotzdem ganz weit oben. Das hat nichts damit zu tun. Ich bewege mich eher im Hintergrund und weiß genau, dass ich trotzdem zwei Meter springen kann. Man muss nicht total auffallen, rumschreien oder rosa Haare haben. Das muss nicht sein.

Die Leichtathletik hat ein Imageproblem. Wie stehen Sie zu Doping?

Jungfleisch: Ich finde es schrecklich und sehr schade. Bei uns in der Trainingsgruppe waren wir sehr enttäuscht als wir gesehen haben, welche Sprinter alle gedopt haben. Das sind für viele Idole gewesen. Traurig. Vielleicht läuft man mit Doping schneller oder springt höher, aber in ein paar Jahren wird man erfahren, was daraus entsprungen ist: Dass man vielleicht krank ist oder seinen Kindern etwas weitergibt. Allein wegen dieser Angst würde ich keine Dopingmittel nehmen wollen.

Wie oft sind Sie kontrolliert worden?

Jungfleisch: Vergangene Woche das erste Mal dieses Jahr. Morgens um halb acht klingelten die Kontrolleure bei mir zu Hause. 2012 bin ich fünf, sechs Mal kontrolliert worden.